Volkswagen-HV Zweimal gezuckt

Ferdinand Piëch ist und bleibt der starke Mann bei Volkswagen. Auf der Hauptversammlung gönnte sich der alte und neue Aufsichtsratschef sogar den emotionalen Luxus, einen Fehler einzuräumen. Die von milliardenschweren Investoren und verärgerten Privatanlegern geäußerte Kritik ließ er hingegen an sich abperlen.
Von Arne Stuhr

Hamburg - Das Verlesen der Formalien einer Hauptversammlung ist an sich schon keine sehr spannende Angelegenheit. Vorgetragen von Ferdinand Piëch werden Hinweise zum korrekten Aktionärsverhalten allerdings zu einem echten Betäubungsmittel. Ohne jegliche Tonhebung oder den Versuch per Blickkontakt für Aufmerksamkeit zu werben, spulte der VW-Patriarch sein Programm herunter. "Der nächste Redner ist Herr X, Frau Y soll sich bitte bereithalten."

Apropos korrektes Verhalten. Was sich Piëch von den VW-Aktionären anhören musste, hatte durchaus Aufweckpotenzial. Seine Interessenkonflikte als VW-Chefkontrolleur und gleichzeitiger Porsche-Eigner seien unübersehbar und mit den Grundsätzen einer guten Corporate Governance nicht zu vereinen. Vor allem am Rauswurf von Bernd Pischetsrieder, nur wenige Monate nachdem dessen Vertrag um weitere fünf Jahre verlängert worden war, erhitzten sich die Gemüter.

Wie gesagt, nur die der Aktionäre. Denn während Pischetsrieders Nachfolger Martin Winterkorn und Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch ob der einen oder anderen süffisanten bis schlüpfrigen Aktionärsäußerung wenigstens ein krampfhaftes Lächeln produzierten, blieb Piëchs Miene über Stunden wie versteinert.

Nur zweimal zuckte eine menschliche Regung durch den 70-Jährigen. Das erste Mal, als VW-Dauerkritiker Hans-Joachim Selenz Piëch praktisch vorwarf, nichts gegen eine Ausplünderung Volkswagens  durch Porsche  zu unternehmen, wenn nicht sogar die treibende Kraft hinter einem System aus Täuschungen und Tarnmanövern zu sein. "Lassen Sie die Beleidigungen, kommen Sie zum Ende", herrschte Piëch den ehemaligen Preussag-Vorstand an, nachdem er bei diversen Vorrednern Redezeitüberziehungen völlig ignoriert hatte.

Der zweite Anflug von Menschlichkeit kam so überraschend, dass die nach über fünf Stunden Versammlungsmarathon noch im Saal verbliebenen Aktionäre erschrocken innehielten. Denn hatte - Stichwort Betäubungsmittel - Piëch zuvor nach der ersten Fragerunde gewohnt monoton die von seinem Stab juristisch astrein formulierten Antworten verlesen, hob er plötzlich Kopf und Stimme. "Ich hatte Hemmungen, jemanden, der mir fachlich und persönlich so nahe steht, zu meinem Nachfolger zu machen. Ich habe damals einen Fehler gemacht, indem ich den Falschen ausgewählt habe. Diesen Fehler habe ich im November mit Mühe korrigiert."

Das saß. Der große Ferdinand Piëch, dessen fachliche Qualitäten zuvor sogar der Vertreter des milliardenschweren Londoner Pensionsfonds Hermes ausdrücklich gelobt hatte, stieg für einen kurzen Moment vom Olymp.

Echte Emotion oder eiskalte Berechnung? Egal, auf einmal beschlichen den einen oder anderen Kritiker auf jeden Fall Zweifel, ob Piëch mit seinen Plänen einen nationalen Champion von Weltformat zu formen, nicht auch in ihrem Interesse handele. Und während sich der eine oder andere diesem Gedanken hingab, hatte Piëch das Wort schon längst an Martin Winterkorn weitergegeben und harrte der anschließenden Abstimmung über seine Entlastung sowie seine Wiederwahl in den Aufsichtsrat.

Erwartungsgemäß war Piëchs Entlastung dann in keinster Weise gefährdet. Seine Kollegen im Aufsichtsrat erhielten mit jeweils mehr als 99 Prozent zwar durchweg bessere Ergebnisse bei der Einzelabstimmung. Doch auch der Patriarch konnte zufrieden sein - mit 98,58 Prozent Zustimmung. Auch seine Wiederwahl in den VW-Aufsichtsrat war nicht viel mehr als eine Formalie. Anschließend wählte das Kontrollgremium Piëch für weitere fünf Jahre zum Vorsitzenden.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.