Volkswagen-HV Der Patriarch und die grollenden Aktionäre

Für den allmächtigen AR-Chef Ferdinand Piëch, der wiedergewählt werden möchte, hagelt es auf der Hauptversammlung von Volkswagen Kritik. Viele Aktionäre machen ihrem Unmut über die weitreichenden Machtbefugnisse des Patriarchen Luft. Statt gute Corporate Governance umzusetzen, werde sie teilweise als Feigenblatt missbraucht.
Von Christian Buchholz, Rita Syre und Arne Stuhr

Hamburg/Wolfsburg - Der Plan von Volkswagen , ein Dreiergespann mit MAN  und Scania  bei den Nutzfahrzeugen zu bilden, kommt nicht überall gut an. "Unternehmen passen nicht notwendigerweise zusammen, nur weil sie in derselben Branche tätig sind", grollte Peter Wallenberg, Oberhaupt der einflussreichen schwedischen Industriellenfamilie und Entscheider an der Scania-Spitze noch Ende März.

Trotzig präsentiert Volkswagen zur Hauptversammlung (HV) aber ein hochglänzendes Dreiergespann mit Trucks von VW (silber), Scania (schwarz) und einem kupferroten MAN-Bus direkt vor dem Eingangsbereich zum Hamburger CCH, unübersehbar für die einströmenden Aktionäre.

Das dürfte den mächtigen schwedischen Scania-Großaktionär ärgern - doch Volkswagen hat bereits so große Aktienpakete an Scania und MAN, dass dem Konzern kaum noch ein Strich durch die Rechnung gemacht werden kann.

Schon gar nicht, wenn Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, das Lkw-Trio für eine gute Idee hält. Piëch (70), lange Zeit selbst Vorstandschef bei Volkswagen, steht im Rampenlicht der heutigen Veranstaltung - obwohl es für Ex-Audi-Chef Martin Winterkorn die Premieren-HV als VW-CEO ist.

Warum Piëch Pischetsrieder abservierte

Piëch bleibt während der HV gelassen, nur einmal blitzen Emotionen auf. Als VW-Dauerkritiker Hans-Joachim Selenz (ehemals Preussag-Vorstand) in der Fragestunde seine Redezeit überschreitet, knurrt Piëch vom Podium: "Lassen Sie die Beleidigungen, kommmen Sie zum Ende." Zuvor hatte er allerdings verschiedenen Rednern einige Minuten mehr gegönnt.

Erstmals fand Piëch auch deutliche Worte über den überraschenden Vorstandswechsel bei Volkswagen von Pischetsrieder zu Winterkorn. In seiner Argumentation bezog er sich zunächst auf das Jahr 2002, als er zu seiner Abschieds-HV mit dem designierten Vorstandschef Pischetsrieder in einem zweisitzigen Energiesparauto von Wolfsburg nach Hamburg angefahren kam. Heute verriet er, das damals schon Winterkorn in dem Auto gesessen haben könnte. Aber: "Ich hatte Hemmungen, jemanden, der mir fachlich und persönlich so nahe steht, zu meinem Nachfolger zu machen. Ich habe damals einen Fehler gemacht, indem ich den Falschen ausgewählt habe. Diesen Fehler habe ich im November korrigiert."

Frenzel, von Pierer und Großmann reisen an

Winterkorn, der neue Topmanager in Wolfsburg ist bereits eine halbe Stunde vor Eröffnung der Veranstaltung kurz auf dem Podium und sortiert einsam Unterlagen an seinem Platz. Währenddessen streifen Wolfgang Porsche und Helmut Sihler, der neue und der alte Aufsichtsratschef von VW-Hauptaktionär Porsche , noch gemeinsam durch die Eingangshalle. Auch der Hamburger Prominenten-Anwalt Matthias Prinz, dessen Dienste sich Piëch gesichert haben soll, ist vor Ort.

Auf dem Podium der Aufsichtsräte nimmt gegen 10 Uhr auch Siemens-AR-Chef Heinrich von Pierer Platz, der momentan kritische Schlagzeilen erntet. Er soll vom Schmiergeldskandal seines Unternehmens frühzeitig gewusst haben.

Auch Tui-Chef Michael Frenzel ist gekommen. Bei ihm hallt das positive Medienecho noch nach, das er als Macher der Fusion mit der britischen Touristik-Ertragsperle First Choice erntete. Und auch der designierte RWE-Chef und Stahlunternehmer Jürgen Großmann ist da, gefeiert für die Verwandlung der ehemals maroden Klöckner Edelstahl GmbH in Georgsmarienhütte in ein florierendes Unternehmen.

Winterkorn: "Ergebnisse müssen noch besser werden"

Den ersten Applaus auf der HV ernten aber andere: Zur Verabschiedung Bernd Pischetsrieders vom Vorstandschefposten spricht Versammlungsleiter Piëch seinen Dank aus - der Applaus der Aktionäre ist weitaus mehr als brav. Ebenfalls kräftig beklatscht werden die Verdienste von Wolfgang Bernhard, ehemals als Markenvorstand VW, heute Berater beim Private-Equity-Investor Cerberus. Zur Begrüßung Winterkorns fällt der Applaus hörbar bescheidener aus.

Der neue Vorstandschef sagte, der operative Gewinn werde den Vorjahreswert voraussichtlich übertreffen. "Die erreichten Ergebnisse sind gut - aber sie müssen noch besser werden." Die Auslieferungen an Kunden sollten leicht steigen, auch der Umsatz werde zunehmen. "Wir sind nach wie vor mit einem harten Wettbewerb und einem enormen Preisdruck konfrontiert. Hinzu kommen hohe Energie- und Rohstoffpreise sowie ein starker Euro", begründete der VW-Chef seine Zurückhaltung. "Wir müssen mit weniger Mitteln mehr erreichen", sagte er. Dazu gehöre "die Steigerung unserer Produktivität und die Auslastung unserer Werke".

Winterkorn bekräftigte das für 2008 ausgebene Ziel eines Vorsteuergewinns von mindestens 5,1 Milliarden Euro. Dem war der Konzern bereits im vergangenen Jahr recht nahe gekommen. Der um Sondereinflüsse bereinigte Vorsteuergewinn lag im vergangenen Jahr bei 4,2 Milliarden Euro. Der Konzernüberschuss stieg auf 2,75 Milliarden Euro - fast zweieinhalb Mal so viel wie im Jahr zuvor. Gemessen daran fällt die Dividendenerhöhung mager aus: Die Anteilseigner - darunter als größte Porsche und das Land Niedersachsen - erhalten 1,25 Euro je Stammaktie und je 1,31 Euro auf die Vorzüge - zehn Cent mehr als vor einem Jahr.

Machtmensch Piëch in der Kritik

Machtmensch Piëch in der Kritik

Starke Kritik ist dagegen in der Fragestunde der HV zu erwarten. Das liegt an den weitreichenden Entscheidungen, die AR-Chef Piëch für Europas größten Autobauer in den zurückliegenden Monaten und Wochen getroffen hat. Kritische Aktionäre und Fondsmanager haben schon im Vorfeld der HV gewettert, dass die Machtkonzentration auf Patriarch Piëch ein ungesundes Ausmaß angenommen habe.

Piëch soll zunächst erneut in den Aufsichtsrat und von diesem dann zum Vorsitzenden des Kontrollgremiums gewählt werden. Seine Wahl gilt als sicher. Die Rolle Piëchs als Miteigentümer des größten VW-Aktionärs Porsche ist allerdings nach wie vor umstritten.

Am Mittwoch hatte der VW-Konzern dank eines Absatzrekordes einen Gewinnsprung im ersten Quartal 2007 gemeldet. Das Ergebnis nach Steuern stieg in den ersten drei Monaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um deutlich mehr als das Doppelte auf 740 Millionen Euro. Damit erntete der neue Konzernchef Winterkorn die Früchte des unter Pischetsrieder eingeleiteten harten Restrukturierungskurses bei der Kernmarke VW. Der frühere Audi-Chef Winterkorn hatte Pischetsrieder zu Jahresanfang auf Betreiben vor allem Piëchs abgelöst.

VW und der Corporate-Governance-Kodex

Die augenscheinlich ungebrochene Freude Piëchs am Spiel mit den Hebeln der Macht, kommt nicht überall gut an. Die britische Investmentgesellschaft Hermes fordert beispielsweise in ihrem Gegenantrag zur Tagesordnung die Nicht-Entlastung von Piëch. Er sei seiner Rolle als oberster Vertreter aller Aktionäre auch 2006 nicht gerecht geworden, so Hermes-CEO Mark Anson. Auf der HV sprach Hans-Christoph Hirt für Hermes.

Nach seinen Angaben verwaltet der Konzern 100 Milliarden Euro an Pensionsgeldern, zudem vertrete er die Rechte amerikanischer, britischer und niederländischer Vermögensverwalter, die ihrerseits insgesamt über ein Anlagevermögen von 300 Milliarden Euro verfügten. Hirt nannte die jüngsten Kursgewinne von Volkswagen "hausgemacht", entstanden aus den Übernahmefantasien durch Porsche. Als Pensionsfonds sei man aber an nachhaltigen Wertsteigerungen interessiert. Bei Volkswagen gelänge es aber derzeit nicht einmal, die Kapitalkosten durch die Rendite zu decken.

Dass es um die Corporate Governance nicht zum Besten bestellt sei, zeige sich unter anderem daran, dass die Wahlen zum Aufsichtsrat nicht als Einzelwahl durchgeführt werden, so die folgende Hermes-Kritik. Die Kontrolleure einschließlich Piëch sollen en bloc gewählt werden, was dem Corporate-Governance-Kodex widerspricht. Den Richtlinien des Kodex hat sich VW wie die meisten anderen Dax-Konzerne freiwillig verpflichtet - rechtlich bindenden Charakter haben sie nicht.

Auch der Stimmrechtsberater ISS (Institutional Shareholder Services) empfiehlt die Nicht-Zustimmung zur Wahl von Piëch - und weitet die Empfehlung gleich auf sämtliche vorgeschlagenen Aufsichtsratskandidaten aus. Begründung: Die Unabhängigkeit des Gremiums sei nicht mehr sichergestellt, nur noch ein Viertel des Kontrollgremiums sei mit unabhängigen Vertretern besetzt, so die Einschätzung.

Alexander Juschus vom Stimmrechtsberater Ivox erhebt den Vorwurf, dass ein bei VW eingerichteter "Ausschuss für Geschäftsbeziehungen" nicht aktiv genug arbeite. Der Ausschuss wurde vor mehr als einem Jahr eingerichtet. Ihm sitzt Roland Oetker, Präsident der Privatanlegervereinigung DSW (Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz) vor. Mitglieder sind zudem Ulrich Neß (Vorstandsvorsitzender Volkswagen Management Association), Elke Eller (Industriegewerkschaft Metall) und Tui-Vorstandschef Michael Frenzel. Die freien Aktionäre, deren Interessen das Gremium schützen soll, haben bislang wenig über dessen Arbeit erfahren. "Es ist der Eindruck entstanden, dass dieser Ausschuss nur als unzureichendes Feigenblatt dient", sagt Juschus.

"Ein schwimmender Eisberg"

"Ein schwimmender Eisberg"

"Ich werde Sie nicht entlasten", kündigte Ulrich Hocker vom Anlegerschutz-Verband DSW aus diesem Grund an. Ein gutes Ergebnis wäre die VW-Bilanz erst mit einer guten Corporate Governance, führt er aus - doch diese fehle. Zwar begrüßt Hocker die Einrichtung des Gremiums, die Informationen, die bei dem Ausschuss landen, sind nach seiner Einschätzung aber nicht mehr "als die Spitze eines schwimmenden Eisbergs". Dem Ausschuss würden Entscheidungen wie beispielsweise Verträge von Volkswagen mit Porsche zwar vorgelegt - die Eingriffsmöglichkeiten seien aber beschränkt. "Der Ausschuss arbeitet nur auf Vorlage", kritisiert Hocker. Piëch antwortete, dass die Arbeit in dem Ausschuss der Vertraulichkeit unterliege und dass nur der Aufsichtsrat über die Ergebnisse aus dem Gremium unterrichtet werde.

Piëch flocht bereits vorher bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein, dass die Regelungen im Konzern koscher seien: "Dies entspricht den Vorgaben des Corporate-Governance-Kodex", wiederholt er mehrfach.

Selenz und die "Tarnfabrik" von Porsche

Scharfe Vorwürfe in Bezug auf die Kooperation zwischen Volkswagen und Porsche erhebt der Ex-Chef des Hannoveraner Preussag-Konzerns, Hans-Joachim Selenz, der kürzlich Strafanzeige gegen Piëch wegen angeblicher Untreue gestellt hat. Er bezeichnete das Porsche-Werk in Leipzig als eine "Tarnfabrik". Der Porsche Cayenne sei nicht "Made in Germany", sondern werde im VW-Werk im slowakischen Bratislava gebaut - mit Ausnahme der Reifen und des Motors. Pro gefertigtem Fahrzeug spare Porsche auf diese Weise 50.000 Euro an Produktionskosten.

Selenz spricht von einem "Täuschungsmanöver" gegenüber dem Kunden, aber auch gegenüber VW: Es handle sich dabei um "ein perfektes Geschäft für Porsche", das gleichzeitig einen schweren Schaden für Volkswagen bedeute. Die Produktionskosten seien zwischen beiden Unternehmen nicht gleichmäßig aufgeteilt. Mit den zusätzlichen Gewinnen könne Porsche weitere VW-Aktien erwerben.

DSW-Vertreter Hocker kritisiert zudem - wie viele andere Redner in der HV-Fragestunde - die Vorgänge um die Verabschiedung von Pischetsrieder und Bernhard. Als er die Namen nennt, brandet erneut Applaus in der Halle auf. "Das waren doch unsere Hoffnungsträger!", skandiert Hocker. "Katastrophal" nennt er die Vertreibung Pischetsrieders vom Chefsessel, nur wenige Monate, nachdem dieser einen neuen Fünfjahresvertrag ausgehändigt bekam. Nun solle man von heute auf morgen Vertrauen in neue Topmanager entwickeln - ohne zu wissen, wie lange diese auf ihren Positionen blieben. Einige andere Fragesteller wollen erfahren, wie hoch die mit der Verabschiedung Pischetsrieders angelaufenen Kosten seien - in den Medien wird über eine Summe von 15 Millionen Euro spekuliert. Piëch erklärte dazu, dass Pischetsrieder keine Abfindung bekäme, sondern weiterhin bei "nahezu vergleichbaren Bezügen" weiterhin für den Konzern tätig sei. "Die Bezüge halten wir für angemessen", fügte er hinzu.

Der Golf VI braucht ein neues Gesicht

Dass die Auswechslung von Führungspersonal nicht ohne Reibungsverluste vonstatten geht, beweist VW gerade heute beim Thema Golf VI: Volkswagen-Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh hat sich gegenüber dem "Handelsblatt" vom ursprünglich geplanten Design des nächsten Golf-Modells distanziert. Bei Vorführungen hätten Testpersonen das Fahrzeug nicht zweifelsfrei als Volkswagen identifizieren können. Dem Golf fehle "das unverwechselbare Gesicht", so Osterloh weiter.

Derzeit werde der Wagen auf Anweisung von Winterkorn vom neuen Designteam um Walter de Silva überarbeitet. Zuvor war Markenchef Bernhard für die Entwicklung des Wagens zuständig. Osterloh zufolge könnte die Entwicklung des neuen Golf nun etwas teurer werden.

Befragt zu seiner persönlichen Bilanz als Vorstandschef (1992-2002) bei Volkswagen erklärte Piëch: "Als ich anfing, lag Volkswagen mit umgerechnet 900 Millionen Euro im Verlust, als ich ging, wurden 4,4 Milliarden Euro Gewinn ausgewiesen." Die Zahl der verkauften Autos habe sich während seiner Amtszeit von drei auf fünf Millionen gesteigert. Weitere Anmerkungen sparte sich der 70-Jährige.

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