Gas-Kartell "Katastrophe für Europa"

Im Emirat Katar könnte am Montag eine wegweisende Vorentscheidung für die künftige Energieversorgung der westlichen Welt fallen. Gas exportierende Länder diskutieren eine stärkere Kooperation. Experten warnen vor dem gigantischen Machtpotenzial einer "Gas-Opec", die aus Staaten wie Russland, Iran und Libyen bestünde.

Berlin - Das Forum der Gas exportierenden Staaten (GECF) will am Montag in Doha, der Hauptstadt des Emirats Katar, eine intensive Kooperation diskutieren. Ähnlich wie beim Öl-Kartell Opec könnte sie Preise manipulieren - und den Zugang zum Erdgas als strategisches Mittel einsetzen. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist überzeugt: "So ein Kartell würde funktionieren. Darum ist es wichtig, was in Katar geschieht."

Sollten sich die Anbieter auf ein gemeinsames Vorgehen einigen, hätte dies enorme Auswirkungen: "Dann könnten die Gasproduzenten in Zukunft ein erhebliches Machtpotenzial entwickeln", sagte Peter Gerling, Energiefachfachmann bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Enno Harks von der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) warnt bereits für den Fall einer Einigung langfristig vor "einer Katastrophe für Europa."

Als mögliche Kandidaten für die Gründung einer ersten Kerngruppierung gelten Russland, Iran, Katar, Algerien, Libyen und Venezuela. Deren Marktmacht ist enorm. "Allein Russland und Algerien liefern rund 90 Prozent der gesamten Gasimporte nach Westeuropa", sagt Harks. Während diese beiden Staaten auch im Weltmaßstab zu den großen Anbietern gehören (zusammen liefern sie rund 30 Prozent der weltweiten Gasexporte), spielen Katar, Iran und Venezuela derzeit noch eine eher untergeordnete Rolle. Doch ihre Erdgasreserven sind gewaltig.

Gleichzeitig wächst der Hunger der Europäer nach Erdgas. Derzeit deckt es rund 23 Prozent des Primärenergiebedarfs der EU-25. Experten rechnen damit, dass der Anteil bis zum Jahr 2020 auf etwa 32 Prozent steigt. Dagegen dürfte die Produktion in Großbritannien und den Niederlanden, den wichtigsten Anbietern innerhalb der EU, sinken.

Bedenklich ist aus europäischer Sicht, dass die großen Gas-Reserven - ähnlich wie beim Öl - in politisch schwer berechenbaren oder instabilen Regionen lagern. Von den weltweiten Reserven (179 000 Gigakubikmeter/GKM) befinden sich rund 130 000 GKM im Nahen Osten und den GUS-Staaten. Russland, Iran und Katar allein kontrollieren 100.000 GKM. Die EU kommt dagegen kaum auf 4000 GKM.

Moskau, das der unliebsamen Ukraine im Winter 2005 bereits einmal kurzerhand das Gas abdrehte, die Mullahs in Teheran und die Emire von Katar besitzen damit ein Machtmittel, das mit jedem Jahr wertvoller wird. Zwar beherbergt Katar das Hauptquartier der US-Truppen in der Golfregion und ist dem Westen auch ansonsten eher freundlich gesonnen. Doch darauf lässt sich in einer von Unruhen und Kriegen geplagten Region kaum bauen. Ungemütliche Aussichten in einer Zeit in der, so DIW-Expertin Kemfert, "die Tendenz zunimmt, Energieressourcen politisch zu nutzen und sie als Waffe einzusetzen."

"Keine schlafenden Hunde wecken"

"Keine schlafenden Hunde wecken"

Sie warnt davor, die möglichen Folgen einer "Gas-Opec" zu unterschätzen. Derzeit werde, so Kemfert, "die Gefahr der Gründung eines Gaskartells oft heruntergespielt. Wohl aus strategischen Interessen, um keine schlafenden Hunde zu wecken."

Sowohl Russland als auch der Iran weisen jedoch Vermutungen zurück, dass die weltgrößten Gas-Förderländer ein Kartell nach dem Vorbild der Opec gründen wollen. Statt der Schaffung einer "Gas-Opec" gehe es vielmehr um eine verstärkte Kooperation, sagte der iranische Opec-Gouverneur Hossein Kasempur Ardebili am Samstag der Nachrichtenagentur Mehr zufolge. Das politische und geistliche Oberhaupt des Iran, Ajatollah Ali Chamenei, hatte im Januar mit seinem Vorschlag für Aufregung gesorgt, ein Gas-Kartell ähnlich der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) zu schaffen.

Russland hatte bereits am Freitag erklärt, eine formale Kartellgründung sei nicht geplant, wenn sich das Forum der Gas exportierenden Länder (GECF) in Doha treffe. Der iranische Opec-Gouverneur Kasempur Ardebili sagte dem Ölministerium des Landes zufolge weiter, die Gas-Exporteure arbeiteten nicht gegen die Verbraucher. Vielmehr gehe es um die Marktstabilität und eine sichere Versorgung, die ja im Interesse sowohl der Produzenten als auch der Verbraucher sei.

Noch haben die Gasimporteure Zeit, sich auf mögliche neue Marktkonstellationen vorzubereiten. Bisher werden Gasverträge langfristig abgeschlossen. Doch diese Strukturen dürften zunehmend aufgeweicht werden. Die EU-Kommission will weg von langfristigen Bindungen, um den Wettbewerb zu erhöhen. Und bei dem an Bedeutung gewinnenden Flüssiggas (LNG) sehen Experten am Horizont bereits einen Spotmarkt, auf dem zu tagesaktuellen Preisen angeboten und gekauft wird. "Je mehr Flüssiggas gehandelt wird", so BGR-Experte Gerling, "umso näher kommen wir einem echten Weltmarkt."

Üblicherweise bringt ein Mehr an Wettbewerb sinkende Preise mit sich. Ausgerechnet beim Erdgas könnte langfristig der gegenteilige Effekt drohen. Befreit von langfristigen Verträgen könnten Mitglieder einer "Gas-Opec" ihre Marktmacht ungehinderter ausüben. Bei steigender Nachfrage und zunehmenden Preis-Absprachen weniger, mächtiger Energiebesitzer sieht DIW-Expertin Kemfert die Preise bei einer Liberalisierung des Marktes denn auch "eher steigen".

Der Aufbau einer "Gas-Opec" ist mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Dennoch muss sich der Westen positionieren. SWP-Fachmann Harks warnt davor, die Anbieter wegen ihrer Kartell-Idee zu verprellen. "Statt dessen könnte man beispielsweise Algerien eine Kooperation anbieten, eine Assoziierung mit der EU oder Freihandelsabkommen", schlägt er vor. Auch andere Förderländer gelte es einzubinden. "Das sind zwar weiche Ansätze", so Harks, "aber sie zählen zu den wenigen Optionen mit denen wir es schaffen können, uns auf Augenhöhe mit den Anbietern zu bewegen."

manager-magazin.de mit Material von ddp und reuters