UN-Klimabericht "Weltkarte muss umgezeichnet werden"

Nach der Vorlage des dramatischen UN-Klimaberichts hat EU-Umweltkommissar Stavros Dimas Deutschland zum Handeln aufgefordert. Die Autoindustrie müsse beispielsweise stärker auf sparsame Modelle setzen. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee will unterdessen einen Klima-Pass für Neuwagen einführen.

Berlin - "Die Klimaschutzziele der Europäischen Union können nur dann durchgesetzt werden, wenn mit Deutschland auch die größte Volkswirtschaft Europas mitzieht", sagte EU-Umweltkommissar Stavros Dimas der Zeitung "Die Welt" vom Samstag. Deutschland erfülle in wichtigen Bereichen wie den erneuerbaren Energien eine Vorreiterrolle, in anderen Bereichen wie dem Bodenschutz gebe es hingegen Nachholbedarf. Auch die deutsche Autoindustrie könne noch mehr tun. Die Zukunft liege in sparsamen und umweltfreundlichen Autos und nicht in großen Fahrzeugen, die Energie verschwendeten.

Angesichts der Gefahren im Zuge des Klimawandels wie Dürre, Wassermangel und Flutkatastrophen schlug Dimas eine stärkere Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten der Union vor. "Ein gemeinsamer Flutenplan der betroffenen EU-Staaten wäre durchaus sinnvoll", sagte er.

Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) hat unterdessen angekündigt, noch in diesem Jahr einen verbindlichen Klima-Pass für alle Neufahrzeuge einführen zu wollen. Ähnlich wie etwa bei Kühlschränken solle dieser Ausweis die Kunden deutlich sichtbar über die Umweltverträglichkeit eines Autos informieren, sagte der SPD-Politiker der "Bild"-Zeitung vom Samstag.

Der Klima-Pass solle Auskunft darüber geben, wieviel klimaschädliches Kohlendioxid ein Fahrzeug ausstoße, und in welchem Verhältnis der Ausstoß zur Nutzlast stehe. Ziel sei mehr Transparenz als Grundlage für vernünftige Kaufentscheidungen. Bislang sei der CO2-Wert nur als absolute Zahl angegeben, sagte Tiefenseee. Damit könne sich aber niemand ein ausreichendes Bild machen, ob der Wert hoch oder niedrig sei. "Mein Ziel ist es, dass die Verbraucher noch in diesem Jahr diese nützliche Informationen beim Autokauf erhalten."

Auch das Bundesumweltamt fordert, die Politik müsse Konsequenzen aus dem Klimawandel ziehen und eine Anpassungsstrategie entwickeln. "Wir sollten den Klimawandel jetzt einplanen", sagte der Präsident der Behörde, Andreas Troge, am Samstag als Reaktion auf den zweiten Teil des UN-Weltklimaberichts. Der Klimawandel müsse in den Planungen stärker berücksichtigt werden. Das gelte vor allem für langfristige Investitionen in die Infrastruktur. "Im Küstenschutz haben wir es vorgemacht, nun müssen andere Bereiche folgen, wie Raum- und Stadtplanung, Gesundheitswesen, Naturschutz und Finanzwirtschaft."

Landstriche verschwinden von der Karte

Ganze Landstriche verschwinden von der Karte

Fachleute aus 130 Ländern hatten am Freitag den alarmierenden zweiten Teil des UN-Klimaberichts in Brüssel nach zermürbendem und zum Teil nächtelangem Ringen verabschiedet. Das Ergebnis: Der Klimawandel bedrohe die Lebensgrundlagen von Milliarden von Menschen. Treffen werde er vor allem die Ärmsten und Schwächsten, heißt es in der bislang dramatischsten Warnung der Vereinten Nationen vor den Folgen der Erderwärmung.

Der Vorsitzende des Weltklimarats (IPCC), Rajendra K. Pachauri, warnte vor Ernteeinbrüchen, Überschwemmungen und Artensterben. Auch für Deutschland und Europa werden große Schäden erwartet. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte schnelles und entschiedenes Handeln der internationalen Gemeinschaft, um den Temperaturanstieg zu begrenzen.

Der stellvertretende Versammlungsleiter in Brüssel, Martin Parry, sagte, "die Folgen werden alle Kontinente zu spüren bekommen". Allein in den Mündungsdeltas asiatischer Flüsse - wie in Bangladesch - werde der Anstieg des Meeresspiegels eine Milliardenbevölkerung treffen. Kleine Inseln und ganze Landstriche könnten von der Landkarte verschwinden. Mindestens ein Fünftel aller Tier- und Pflanzenarten sind den Forschern zufolge vom Aussterben bedroht. Besonders gefährdet seien die Mittelmeerregion, die Pole und Gebiete südlich der Sahara.

Für Deutschland erwartet Wolfgang Cramer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, dass Krankheiten wie von Zecken ausgelöste Hirnhautentzündungen zunehmen. Ostdeutschland müsse sich auf trockenere Sommer und mehr Niederschläge im Winter einstellen. "Das heißt, Dürre und Hochwasserrisiko am selben Ort im selben Jahr", sagte Cramer, der an den Beratungen teilnahm und am Report mitgearbeitet hatte. Das von ihm geschilderte Problem werde sich auch auf Land- und Forstwirtschaft auswirken. Der Anstieg des Meeresspiegels gefährde Menschen an den Küsten.

Regierungsvertreter und Wissenschaftler hatten seit Montag in Brüssel darum gerungen, wie die auf rund 1500 Seiten dargelegten wissenschaftlichen Klima-Erkenntnisse auf eine etwa 20-seitige "Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger" verkürzt werden können. Der Report soll die Auswirkungen des Klimawandels auf die einzelnen Regionen der Erde zeigen. Dabei schwächten mehrere Staaten - wie die großen Luftverschmutzer USA, Russland und China sowie Saudi-Arabien - den Bericht nach Angaben von Verhandlungsteilnehmern ab. Pachauri sprach dennoch von einem "guten Ergebnis".

"Städte wie New York dem Untergang geweiht"

"Städte wie New York dem Untergang geweiht"

"Fluten, Wirbelstürme, Dürre- und Hitzeperioden werden immer mehr Menschen gefährden", sagte Parry. Ohnehin schon wasserarme Regionen in Afrika könnten vollends verdorren. "Auch Unterernährung wird zu einem immer größeren Problem." Letztlich müssten sich Milliarden von Menschen neue Lebensräume suchen. Arme Länder seien vom Klimawandel besonders betroffen, da sich die Menschen dort gegen die Folgen nicht schützen könnten. Die reicheren Staaten müssten diesen Menschen helfen, sagte Parry. Zudem müsse der Ausstoß klimaschädlicher Emissionen drastisch reduziert werden.

"Der Bericht ist ein klares Signal an die Politik, zu handeln", sagte der Geschäftsführer des UN-Klimasekretariats (UNFCCC), Yvo de Boer. Die Regierungschefs müssten sich auf verbindliche Vorgaben zum Klimaschutz einigen und nun ein Nachfolge-Abkommen für das Kyoto-Protokoll verabschieden. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte: "In diesem Jahr müssen wir entscheidende Weichen für ein multilaterales Klimaschutzregime für die Zeit nach 2012 stellen, um eine globale Erwärmung um mehr als zwei Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Werten zu verhindern."

Die Umweltorganisation Greenpeace forderte, Merkel solle die Bevorzugung klimaschädlicher Braunkohle beim Handel mit Verschmutzungsrechten sofort beenden. Das G8-Treffen im Juni solle zu einem "Klimakrisengipfel" umgewandelt werden. "Dieser Report zeigt, dass uns einfach die Zeit davonläuft", betonte Greenpeace International.

Stephan Singer, Klimaexperte der Umweltstiftung WWF Europa, sagte, die Auswirkungen des Klimawandels seien viel drastischer als vor einigen Jahren erwartet. "Die weltweite Landkarte muss umgezeichnet werden." Eine Erwärmung um ein bis zwei Grad führe zu einem Meeresspiegelanstieg um vier bis sechs Meter. "Dann sind Städte wie New York, Amsterdam und Tokio dem Untergang geweiht." Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rechnet mit gesundheitlichen Klimawandelfolgen für Millionen Menschen weltweit.

Der dritte Teil des UN-Klimaberichts, der sich mit möglichen Gegenmaßnahmen befasst, wird im Mai in Bangkok veröffentlicht. Danach wird das Thema Klima beim Treffen der sieben reichsten Industrieländer und Russlands (G8) im Ostseebad Heiligendamm im Juni wieder auf der Tagesordnung stehen.

manager-magazin.de mit Material von dpa, ddp und reuters

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