Porsche/VW Piëch SE statt Welt AG

Die Umwandlung von Porsche in eine Europa AG (SE) macht den Weg frei für den Auto-Patriarchen Ferdinand Piëch. Er kann ein Lkw-Bündnis unter dem europäischen Dach unterbringen sowie die Herrschaft über VW ausbauen, ohne dass ein VW-Betriebsrat das Klima bei Porsche trübt. Am Ende könnte einer der weltgrößten Autokonzerne wieder zum Familienunternehmen werden.

Hamburg - Die Angst vor Heuschrecken kann auch nützlich sein. Als Porsche  am Wochenende bekannt gab, seinen Anteil an Volkswagen  auf bis zu 31 Prozent der Stammaktien zu erhöhen, begründete das Unternehmen diesen Schritt mit dem erwarteten Fall des VW-Gesetzes. Man wolle Volkswagen vor einer Übernahme und anschließenden Zerschlagung durch Finanzinvestoren schützen, sekundierte Porsche-Chef Wendelin Wiedeking.

Am Mittwoch erhöhte Porsche wie angekündigt seinen Anteil und legte den VW-Aktionären gleichzeitig ein Übernahmeangebot vor. Dieses ist für die Aktionäre zwar nicht attraktiv. Doch nun, da Porsche gemeinsam mit dem Land Niedersachsen (20,4 Prozent) mehr als die Hälfte der VW-Stammaktien hält, können sich die Zuffenhausener dennoch als Retter und starken Schild von Volkswagen feiern lassen.

Der Deal hat freilich noch eine andere Seite. Er macht gleichzeitig den Weg für Porsche frei, bedächtig und ohne Hast seinen Anteil an Volkswagen weiter aufzustocken - bis zu einer Komplettübernahme. Die Europa AG nebst einer damit verbundenen Holding-Struktur, die sich Porsche im Juni von einer außerordentlichen Hauptversammlung absegnen lassen will, bietet dafür reichlich Platz.

Mehr Macht über Wolfsburg - ohne Wolfsburg

Der besondere Charme dabei: Unter dem Holding-Dach bleibt die Porsche AG als operative Tochtergesellschaft neben der Volkswagen-Beteiligung bestehen. "Die Holding-Struktur vermeidet, dass Porsche irgendwann Arbeitnehmervertreter aus Wolfsburg in den eigenen Aufsichtsrat wählen muss", sagt Uwe Treckmann, Analyst der Dresdner Bank. Für den elitären Sportwagenbauer wäre dies eine unerwünschte Veränderung der Tonlage.

"Porsche bleibt Porsche" hob ein Unternehmenssprecher gegenüber manager-magazin.de hervor. Es gebe keinen Anlass, an der "bewährten Größe" des Aufsichtsrats etwas zu ändern.

Warum auch. Porsche ist fest in Familienhand, sämtliche stimmberechtigten Stammaktien werden von den Familien Porsche und Piëch gehalten. Neben Ulrich Lehner sitzen Wolfgang Porsche, Hans Peter Porsche, Ferdinand Oliver Porsche, Ferdinand Piëch und Hans Michel Piëch als Arbeitgebervertreter im Aufsichtsrat. Den sechs Arbeitnehmervertretern bei Porsche sind Auseinandersetzungen wie in Wolfsburg fremd: Das soll auch so bleiben, und deshalb bleiben die Wolfsburger draußen.

Machtzuwachs für Porsche-Führung

Porsche-Führung leitet auch die Holding

Für den Porsche-Aufsichtsrat bedeutet die vorgesehene neue Holding einen Machtzuwachs. Sie werden auch Aufsichtsgremium der zu gründenden Europa AG, sobald die außerordentliche Hauptversammlung im Juni die Pläne absegnet. Als Vorstand der Holding sind Porsche-Chef Wiedeking und Porsche-Finanzvorstand Holger Härter vorgesehen.

Mit der geplanten neuen Struktur schafft Porsche zwar eine Trennung zwischen Beteiligungsmanagement (Holding) und dem operativen Geschäft (Tochtergesellschaft "Dr. Ing. h.c.F. Porsche AG"). Doch das Sagen haben dieselben Personen.

Der Porsche-Clan zementiert damit seinen Einfluss auf Europas führenden Autobauer Volkswagen, den er als größter Einzelaktionär faktisch ohnehin bereits kontrolliert. Mit der Aufstockung auf 31 Prozent der VW-Anteile wird Porsche in Kürze allen übrigen VW-Aktionären ein Pflichtangebot unterbreiten. Anschließend kann Porsche seine Beteiligung an VW weiter erhöhen, ohne dass ein weiteres Pflichtangebot nötig wäre.

"Ob, wann und zu welchen Konditionen solche Erhöhungen erfolgen werden, steht gegenwärtig noch nicht fest", heißt es in der Porsche-Mitteilung. Gelassener kann man es kaum formulieren. Fest steht dagegen, dass Porsche schon jetzt Herr des Verfahrens ist.

"Kosten auf mehr Autos verteilen"

Branchenbeobachter gehen davon aus, dass Porsche seinen Anteil an VW zumindest auf 49,9 Prozent aufstocken wird - erst ab einer Schwelle von 50 Prozent müsste Volkswagen in der eigenen Bilanz konsolidiert werden. Dicke Gewinne aus der VW-Beteiligung haben die jüngste Porsche-Bilanz noch einmal ordentlich aufpoliert. Auch operativ sei eine noch engere Zusammenarbeit für Porsche sinnvoll, meinen Branchenkenner.

"Die Kosten für Forschung und Entwicklung steigen. Da bietet es sich an, die Aufwendungen auf eine größere Zahl von Autos zu verteilen", sagt Analyst Treckmann. Der im Luxussegment tätige Sportwagenhersteller Porsche brauche eine gewisse Größe, um von solchen "Skaleneffekten" zu profitieren.

Porsche Cayenne, VW Touareg sowie Audi Q7 werden bereits auf der gleichen Plattform hergestellt. Beide Konzerne arbeiten gemeinsam an einem Hybridmotor sowie an einer gemeinsamen Elektronikplattform. Die Rohkarosserie für den viertürigen Porsche Panamera soll von Volkswagen gebaut werden. Aufwendige Sicherheits- und Crashtests könnte Porsche künftig auch verstärkt bei VW simulieren lassen und bräuchte dann selbst weniger Crash-Modelle an die Wand zu fahren.

Holding bietet Platz für Lkw-Geschäft

Holding bietet viel Platz - auch für Lkw-Geschäft

Eine Porsche-Volkswagen-Holding könnte für den Sportwagenhersteller auch einen Ausweg bieten, sobald die EU die Abgasbestimmungen verschärft. Wiedeking hatte EU-Politikern jüngst vorgeworfen, sie führten unter dem Vorwand des Umweltschutzes einen Wirtschaftskrieg gegen deutsche Premium-Hersteller.

Für Porsche böte sich jedoch eine Hintertür, wenn ein Autokonzern den CO2-Ausstoß auf die gesamte Flotte verteilen und daraus einen Durchschnittswert ermitteln kann: Ein sparsamer Polo würde dann dafür sorgen, dass ein Cayenne weiter großzügig schlucken darf.

Eine Europa AG bietet Ferdinand Piëch außerdem die Möglichkeit, seine Pläne einer länderübergreifenden Lkw-Allianz zwischen der schwedischen Scania , der deutschen MAN  und der Lastfahrzeugsparte von VW voranzutreiben. Sollte es in naher Zukunft zu einer Übernahme von Scania kommen, kann diese Gesellschaft ohne großen Zeit- und Kostenaufwand in die Societas Europaea (SE) eingegliedert werden.

"Die von Porsche geplante Rechtsform bietet eine ideale Hülle, um eine solche Sparte einzugliedern", sagt Treckmann. Sie sei gut geeignet für grenzüberschreitende M&A-Aktivitäten. Auch Allianz , BASF  und Fresenius  haben sich bereits für diese Rechtsform entschieden, um ihre europaweiten Geschäfte besser zusammenzufassen.

Ob Porsche unter dem Dach der Europa AG sogar die Komplettübernahme von Volkswagen anstrebt, ist dem Willen und dem persönlichen Ehrgeiz von Piëch überlassen. Er wird sich am 19. April als Chefaufseher bei Volkswagen wiederwählen lassen, bevor er im Mai bei MAN das gleiche Amt übernimmt und im Juni bei Porsche die neue Holdingstruktur mit beschließt. Zwischen der neuen Holdinggesellschaft und der operativen Tochtergesellschaft Porsche AG wird ein Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag geschlossen: Porsche-Vorzugsaktionäre werden durch die Umwandlung in die neue Rechtsform Aktionäre der Holding.

Wie David Goliath kontrolliert

Wie David Goliath kontrolliert

Ein Konkurrent kann Piëch nicht mehr in die Quere kommen, solange er sich nicht mit dem Land Niedersachsen überwirft. Selbst ein Kauf des Landesanteils - nach den Landtagswahlen - ist nicht mehr undenkbar. Dafür müsste sich Porsche jedoch als Bieter in einem öffentlichen Auktionsverfahren durchsetzen. Geld genug für eine Komplettübernahme ist da: Die Banken ABN Amro , Barclays , Merrill Lynch , UBS  und Commerzbank  haben Porsche eine Kreditlinie von 35 Milliarden Euro eingeräumt.

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff bleibt angesichts der klaren Machtverhältnisse nichts anderes übrig, als zu loben, dass VW "verlässliche Anteilseigner" habe. Immerhin könnte auch Niedersachsen bis zu einer Sperrminiorität von 25 Prozent zukaufen, deutete Wulff am Dienstag an. Doch dies ändert nichts an Porsches Führungsrolle: Das Unternehmen werde in Zukunft "noch stärker seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Rolle" bei VW wahrnehmen, teilte ein Porsche-Sprecher mit. Auch das zeugt von Selbstbewußtsein.

Piëch hat Zeit - und eine Vision

Piëch steht nicht unter Zeitdruck, er hat schon jetzt das Sagen bei VW. Der Porsche-David (Umsatz 2006: 7,3 Milliarden Euro) sitzt fest auf den Schultern des VW-Goliath (Umsatz 105 Milliarden Euro) und gibt die Richtung vor. Sollte VW eines Tages komplett in die Porsche-VW-Holding einfließen und auch das Lkw-Geschäft mit MAN und Scania hinzukommen, entstünde unter dem Dach der neuen Europa AG ein Autokonzern mit geschätzten 140 Milliarden Euro Umsatz und rund 450.000 Mitarbeitern: Damit wäre man auf Augenhöhe mit den Top-Playern General Motors und Toyota.

Einer der weltgrößten Autokonzerne als Familienunternehmen, geführt von den Familien Porsche und Piëch. Vielleicht will Ferdinand Piëch seinen Großvater, den VW-Käfer-Erfinder Ferdinand Porsche, auf diese Weise toppen.

Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.