Standort D "Pessimismusspirale gestoppt"

Investoren aus den USA sehen Deutschland im Aufschwung und schaffen bei uns neue Arbeitsplätze - das ist das Ergebnis einer Studie der Amerikanischen Handelskammer. Nicht ganz so positiv fällt das Urteil über die deutschen Mitarbeiter aus. Ihnen fehle meist der "Mut zum Risiko", kritisieren die US-Unternehmen.

Berlin - Die amerikanischen Unternehmen in Deutschland sehen den Standort im deutlichen Aufschwung. Das zeigt der Jahresvergleich des vierten AmCham Business Barometers, den die Boston Consulting Group (BCG) und die Amerikanische Handelskammer in Deutschland (AmCham Germany) bei den führenden US-Investoren durchgeführt haben.

Mehr als die Hälfte der befragten US-Unternehmen (53 Prozent) geben an, dass sich die Attraktivität Deutschlands im Vergleich zum Vorjahr weiter verbessert hat. Als Standort für Unternehmenszentralen liegt Deutschland im europäischen Vergleich an der Spitze. Das schlägt sich auch bei den Umsatzerwartungen nieder: 80 Prozent der US-Investoren erwarten in diesem Jahr trotz Mehrwertsteuererhöhung Umsatzzuwächse, 57 Prozent wollen ihre Investitionen auch 2007 erhöhen.

"Deutschland hat in den letzten Jahren für US-Investoren kontinuierlich an Attraktivität gewonnen", sagt Fred B. Irwin, Präsident der hiesigen AmCham, "72 Prozent konnten ihren Umsatz 2006 steigern." Fast jedes zweite US-Unternehmen hat 2006 neue Jobs geschaffen.

Deutschland ist laut der Umfrage mit 130 Milliarden Euro Investitionen ein Schwerpunkt der US-Investitionen in Europa. Die Zahl der Unternehmen, die ihre Investitionen in Deutschland erhöht haben, ist von 2005 auf 2006 von 32 auf 56 Prozent gestiegen. Es ist zu erwarten, dass die Zahl der direkten Arbeitsplätze - derzeit über 800.000 - bei den US-Unternehmen in Deutschland weiter wächst, denn bereits 2006 haben sich Umsatzsteigerungen erstmals positiv auf dem Arbeitsmarkt ausgewirkt.

Waren zu Beginn des Jahres 2006 nur 31 Prozent der US-Unternehmen davon ausgegangen, dass sie neue Mitarbeiter einstellen würden, hatten am Jahresende deutlich mehr, nämlich 45 Prozent, tatsächlich neue Stellen geschaffen.

Positiv sind auch die Einstellungsziele für 2007: Weitaus mehr US-Unternehmen wollen Mitarbeiter einstellen (40 Prozent) als Personal reduzieren (24 Prozent). "Die Pessimismusspirale ist gestoppt. Stattdessen verstärken das reale Wachstum und das neu gewonnene Vertrauen in den Standort einander gegenseitig", sagt BCG-Geschäftsführer Martin Koehler.

Produktionsverlagerung verlangsamt

Produktionsverlagerung verlangsamt

Eine Ursache für die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt liegt auch in der Trendwende bei den Produktionsverlagerungen. Osteuropa ist im europäischen Vergleich für US-Unternehmen zwar der mit Abstand attraktivste Investitionsstandort, aber "neue Forschungs- und Entwicklungszentren in Rumänien oder der Fabrikausbau in Tschechien gehen nicht automatisch zulasten Deutschlands", berichtet Koehler aus Gesprächen mit US-Investoren.

Gerade in der Produktion hat sich der Trend bei Abbau und Verlagerung verlangsamt. 2006 planten 24 Prozent einen Abbau der Produktion in Deutschland, 2007 sind es nur noch 16 Prozent. Jeder fünfte US-Investor will seine Produktionskapazitäten sogar ausbauen. "Wir sehen in Einzelfällen auch eine Rückverlagerung von komplexen Produktions- und Verwaltungsaufgaben nach Deutschland", so Koehler.

Bei weniger komplexen Prozessen, aber auch vermehrt bei Forschung und Entwicklung (F&E) steht der Standort jedoch im harten internationalen Wettbewerb. "Die deutsche Arbeitsgesetzgebung ist das Sorgenkind der US-Investoren", betont AmCham-Präsident Irwin. "Fast jeder dritte fordert einen flexibleren Arbeitsmarkt, um besser auf kurzfristige Nachfragespitzen reagieren zu können."

Niedrigere Personalkosten sind dagegen nur für 27 Prozent und damit im Vergleich zum Vorjahr für weniger US-Unternehmen ein drängendes Thema bei der Standortverbesserung.

Hoch qualifizierte Mitarbeiter sind Deutschlands größte Stärke, ergab die Umfrage zum diesjährigen Schwerpunktthema "Mitarbeiter". Die befragten US-Unternehmen geben der Studien- und Berufsausbildung "Made in Germany" ausnahmslos sehr gute bis gute Noten - insbesondere den Ingenieurwissenschaften. "Deutsche Ingenieure sind weltweit spitze und werden deshalb sehr geschätzt", sagt Koehler.

US-Firmen vermissen Mut zum Risiko

US-Unternehmen vermissen Mut zum Risiko

"Wenn es aber darum geht, gute Ideen zu finanzieren und zu vermarkten, vermissen US-Investoren oft den Praxisbezug und betriebswirtschaftliches Know-how." Mit der guten Ausbildung kann Deutschland als Standort allerdings nur bedingt punkten.

"Beim 'Hightech-Manufacturing' ist Deutschland dank der exzellenten Facharbeiterausbildung zwar nach wie vor der führende Produktionsstandort", sagt Otmar Debald, Vizepräsident der AmCham Germany. "Werden die Produktionsprozesse und Technologien einfacher, dann zählen vor allem Lohnkosten, und diese sind in Osteuropa oder bei der Produktion elektronischer Kleinteile in China niedriger."

Neben dem Kostenfaktor zählen auch die sozialen Fähigkeiten, die sogenannten Soft Skills. Hier tut sich in Deutschland - neben dem quantitativen Mangel an verfügbaren Ingenieuren oder IT-Fachkräften - eine weitere, qualitative Lücke auf: Wichtiger als die "typisch deutschen" Tugenden Zuverlässigkeit und Genauigkeit sind den US-Unternehmen Engagement und Eigeninitiative, Teamfähigkeit sowie die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Bei diesen Eigenschaften geben US-Investoren ihren deutschen Mitarbeitern nur mittelmäßige Noten. Auf der Führungsebene sind Manager mit Mut zum Risiko (73 Prozent der Nennungen), der Fähigkeit zu interdisziplinärem Denken (59 Prozent) und Verantwortungsbereitschaft (41 Prozent) gefragt - Eigenschaften, die aus US-Sicht nicht zu den deutschen Stärken zählen; so erhalten Deutsche in puncto Risikobereitschaft nur ein "Befriedigend".

Darüber hinaus fehlt deutschen Managern offenbar ein ausgeprägtes (Selbst-)Vermarktungstalent. "US-Manager betonen stärker ihre Erfolge. Wir brauchen die deutsche Sorgfalt, aber insgesamt sollten deutsche Führungskräfte lernen, sich noch besser zu verkaufen", meint AmCham-Präsident Irwin.

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