Goldman Sachs Daimler, Chrysler und der Reiz der Heuschrecken

Gerüchte, dass sich DaimlerChrysler rascher von Chrysler verabschieden könnte als angenommen, beflügeln die Aktie des Autobauers. Die US-Investmentbank Goldman Sachs hat verschiedene Szenarien durchgespielt: Ein Verkauf von Chrysler an Finanzinvestoren wäre für DaimlerChrysler eine attraktive Lösung.

New York - Binnen einer Woche hat die Aktie von DaimlerChrysler  knapp 10 Prozent zugelegt und nähert sich der Marke von 60 Euro. Befeuert wird die Kursrally nicht nur von der allgemeinen Markterholung, sondern auch von immer neuen Spekulationen um eine rasche Trennung von der US-Sparte Chrysler.

Die Entscheidung über einen Verkauf von Chrysler werde bald fallen, berichtet das "Wall Street Journal". Chrysler-Chef Tom LaSorda habe in einem Gespräch mit US-Autohändlern in Florida eine rasche Entscheidung angedeutet.

DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche hatte Mitte Februar angekündigt, "alle Optionen zu prüfen". Damit hatte er erstmals offen eine Abspaltung und einen Verkauf der kriselnden US-Sparte Chrysler in Erwägung gezogen.

Blackstone und Cerberus als mögliche Käufer

Seitdem haben mindestens drei Parteien Interesse an Chrysler gezeigt: Die Finanzinvestoren Blackstone und Centerbridge gemeinsam, der Investor Cerberus sowie der Autozulieferer Magna International. Nach Informationen der Financial Times soll Ex-VW-Markenchef Wolfgang Bernhard einen Beratervertrag bei Cerberus unterschrieben haben.

DaimlerChrysler hoffe, bis Ende des Monats vorläufige Gebote von den drei Interessenten zu erhalten, berichtete das Wall Street Journal unter Berufung auf Unternehmenskreise. Zudem habe DaimlerChrysler genaue Angaben zu den Bereichen gemacht, in denen der Konzern zu einer Zusammenarbeit von Mercedes und den möglichen neuen Eigentümern von Chrysler bereit wäre.

Goldman Sachs: Szenarien für den Ausstieg

Goldman Sachs: Szenarien für den Ausstieg

Derweil hat die US-Investmentbank Goldman Sachs in einer Studie mögliche Trennungsszenarien durchgespielt und die Einschätzung der Aktie von "Verkaufen" auf "Neutral" angehoben.

Bleibt alles beim Alten und Chrysler mit Daimler Benz verbunden, hält Goldman Sachs einen Wert von 54 Dollar je Aktie für angemessen. Chrysler drücken hohe finanzielle Verpflichtungen für Pensionsansprüche und die Gesundheitsversorgung der Mitarbeiter in Höhe von geschätzten 12,5 Milliarden Dollar: Dies ist der Grund, warum für die US-Sparte für sich genommen ein negativer Wert von minus drei Milliarden Dollar angenommen wird.

Zugeständnisse der mächtigen US-Gewerkschaft UAW, die schon den kriselnden Autobauern Ford und General Motors entgegengekommen war und die eine Sanierung von Chrysler erleichtern könnten, würden den Wert pro DaimlerChrysler-Aktie laut Goldman Sachs auf 57 Dollar je Aktie heben.

Die gleiche Bewertung setzt GS auch an, wenn DaimlerChrysler die US-Sparte verschenken und sich auf diese Weise der Pensions- und Gesundheitskosten entledigen würde.

Sehe man von einem (unwahrscheinlichen) Börsengang ab, sei ein Verkauf von Chrysler an Finanzinvestoren "die attraktivste Option für DaimlerChrysler", heißt es in der Studie.

Daimlers Trennungsoptionen

Börsengang attraktiv, aber unwahrscheinlich

Ein möglicher Börsengang von Chrysler würde der Aktie von DaimlerChrysler  die größte Kursphantasie eröffnen, so Goldman Sachs. Die Analysten setzen für diesen Fall 65 Dollar je Aktie an. Chrysler könnte im Fall eines Börsengangs mit rund acht Milliarden Dollar bewertet werden - vorausgesetzt, Konzernmutter DaimlerChrysler übernehme die bestehenden Pensions- und Gesundheitsversorgungsverpflichtungen und bringe Chrysler auf diese Weise befreit von alten Lasten an die Börse.

GS hält diese Option jedoch für äußerst unwahrscheinlich: Da die Vorbereitung eines IPO sehr viel Zeit in Anspruch nehme, komme ein Börsengang von Chrysler nicht ernsthaft in Frage.

Verkauf: Finanzinvestoren dürften mehr bieten

Als die wahrscheinlichere Variante gelte daher ein Verkauf von Chrysler. Die US-Sparte könnte entweder an Finanzinvestoren oder an einen Wettbewerber verkauft werden.

Ein Finanzinvestor könnte sowohl das Automobilgeschäft von Chrysler als auch die angegliederte Sparte für Finanzdienstleistungen übernehmen, so Goldman Sachs. Es sei wahrscheinlich, dass ein Finanzinvestor - in der Presse werden vor allem Cerberus, Blackstone und Centerbridge gehandelt - bei einer Übernahme auch die Pensions- und Gesundheitslasten von Chrysler mit übernehme.

Bei einer solchen Lösung komme Chrysler auf einen Wert von knapp 5 Milliarden Dollar. Bei dieser Bewertung wird unterstellt, dass ein Finanzinvestor den Kauf zum Großteil mit Krediten finanziert (leveraged buyout) und eine jährliche Rendite von 20 Prozent auf das Auto- und Finanzierungsgeschäft von Chrysler anstrebt. Die Aktie von DaimlerChrysler wird für den Fall einer solchen Variante von Goldman mit 61 Dollar bewertet.

Wettbewerber kein Interesse an Finanztochter

Ein Verkauf an Private-Equity-Investoren sei für DaimlerChrysler attraktiver als der Verkauf an einen Wettbewerber, so Goldman Sachs. Der US-Konzern General Motors oder der kanadische Autozulieferer Magna International wurden wiederholt als mögliche Interessenten ins Spiel gebracht. Manager magazin.de hatte bereits berichtet, dass DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche mit GM-Chef Rick Wagoner Sondierungsgespräche geführt hat.

Im Gegensatz zu einem Finanzinvestor dürfte ein Wettbewerber wie General Motors jedoch wenig Interesse daran haben, die Finanzdienstleistungssparte von Chrysler mit zu übernehmen: Über solch eine Sparte verfügen die meisten Wettbewerber selbst.

Wahrscheinlich sei, dass ein Wettbewerber lediglich das Automobilgeschäft von Chrysler einschließlich der Pensionslasten übernehme - daher sei bei einem Verkauf an einen Wettbewerber trotz möglicher Synergiepotenziale ein niedrigerer Preis für Chrysler zu erzielen. Der Wert der DaimlerChrysler wird in einem solchen Szenario mit 58 Dollar angesetzt.

Mit seinen Kurszielen hinkt Goldman Sachs der aktuellen Bewertung der DaimlerChrysler-Aktie von umgerechnet 77 Dollar hoffnungslos hinterher. Seit der Verkaufsempfehlung vor neun Monaten, die das Investmenthaus mit der Aufstufung auf "Neutral" nun aufgehoben hat, hat die Aktie 33 Prozent zugelegt. Doch allein das Spiel mit Trennungsmöglichkeiten sorgt bereits für Phantasie und Schwung an der Börse: Sollten sich die Gerüchte um eine Übernahme von Chrysler durch Finanzinvestoren verdichten und ein Ende der berüchtigten "Hochzeit im Himmel" absehbar sein, kann die Kursrally weitergehen.

manager-magazin.de

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