Kommentar Amerika, Du hast es schlechter

Die USA werden derzeit von den Finanzmärkten neu bewertet. Der Dollar und der Immobilienmarkt stehen unter massivem Abwertungsdruck, folgende Rezession nicht ausgeschlossen. Wohin treibt Amerika? Und was bleibt von der einstigen Modellökonomie?

Für rund ein dutzend Jahre waren die USA das strahlende Vorbild für den Rest der Welt. Produktivitätsboom, Beschäftigungsboom, Immobilienboom - die Amerikaner machten vor, wie man als reiche Volkswirtschaft immer noch reicher werden kann.

Europäische Manager, Anleger, Ökonomen, Politiker glaubten an die vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten jenseits des Atlantiks: Unternehmen, gerade aus Deutschland, trugen Milliarden westwärts und kauften überteuerte Unternehmen. Anleger steckten viel Geld in niedrig verzinste US-Anlagen. Ökonomen rieten dringend zur Nachahmung des amerikanischen Wegs aus wenig Staat und freien Märkten.

Und Europas Politiker mühten sich, wenigstens Teile des US-Modells nachzubauen, insbesondere den großen Binnenmarkt samt einheitlicher Währung. Von Amerika lernen hieß siegen lernen. All das ist Geschichte.

Die Märkte sind derzeit dabei, die USA neu zu bewerten: Der Dollar und der Immobilienmarkt stehen unter massivem Abwertungsdruck, folgende Rezession nicht ausgeschlossen. Seit einigen Wochen sind die Finanzmärkte nervös, denn es stellen sich große Fragen: Wohin treiben die USA? Was bleibt von der einstigen Wunderökonomie? Und letztlich: Was bleibt vom amerikanischen Modell?

Ein paar Fakten: Das Beeindruckendste an der großen Zeit der US-Wirtschaft war der Ausbruch an Produktivität. Zwischen 1996 und 2004 stieg die Produktion von Leistungen und Gütern pro gearbeitete Stunde um durchschnittlich 2,4 Prozent pro Jahr - doppelt so schnell wie zeitgleich in Deutschland.

Offenkundig konnten die USA die Chancen der Computervernetzung besser nutzen als andere Länder. Damit nicht genug: Dank flexibler Arbeits- und hoch entwickelter Kapitalmärkte, so eine populäre Begründung, seien die Amerikaner so beweglich, dass sie binnen Kurzem ihre Volkswirtschaft in eine ideengetriebene "New Economy" umbauen konnten, abonniert auf geradezu endloses Wachstum. Maßlose Hoffnungen.

Warum Amerikas Glanz verblasst

Seit 2005 lahmt das Produktivitätswachstum. Offenbar, analysiert der US-Ökonom Robert Gordon, handelte es sich bei dem IT-Schub um einen Einmaleffekt, der inzwischen ausgelaufen ist. Nun aber zieht die Produktivität im nur oberflächlich reformierten Europa an, auch in Deutschland.

Auch der zweite große Treiber des US-Wirtschaftswachstums verliert an Schwung: die Beschäftigung. Zum einen bieten weniger Amerikaner ihre Arbeitskraft an als während der Boomjahre; die Einkommen der Mittelschicht sinken, es ist nicht mehr so attraktiv, einen Job anzunehmen.

Zum anderen gibt es demografische Gründe für die sinkende Erwerbsbeteiligung - starke Jahrgänge gehen in Rente, jüngere Semester treten wegen längerer Ausbildungszeiten später in den Arbeitsmarkt ein. Parallel dazu sinken die Wochenarbeitszeiten, und die Bevölkerung wird künftig langsamer wachsen. Folge: In den kommenden zehn Jahren wird das Arbeitsangebot spürbar sinken, prognostiziert eine Studie der Federal Reserve Bank.

Zusammen dürften die lahmende Produktivität und das sinkende Arbeitsangebot den Wachstumspfad des Produktionspotenzials auf 2,5 Prozent drücken - die niedrigste Rate seit mehr als hundert Jahren. So viel traut übrigens eine neue Studie der EU-Kommission sogar Deutschland zu (falls noch ein paar moderate Reformen angepackt werden).

Trübe Zahlen, die Amerika ideologisch ins Hintertreffen geraten lassen. Das ökonomische Modell verliert an Glanz. Viele europäische Länder wachsen - trotz hoher Steuern, allerlei Regulierungen und älterer Bevölkerungen - inzwischen ähnlich schnell wie die USA. Doch verfügen sie über solidere Strukturen: Die Leistungsbilanz Euro-Europas ist ausgeglichen; das gigantische Defizit der USA zu beseitigen wird hingegen noch erhebliche Schmerzen verursachen, zumal bei schwächerem Wachstum.

Westeuropa punktet mit weniger Ungleichheit, mehr Sicherheit, höherer Energieeffizienz. Und vielerorts ist die Lebenszufriedenheit der Bürger - das ultimative Ziel allen Wirtschaftens - größer als in Amerika.

Es gibt nicht das eine, selig machende US-Modell, dem der Rest der Welt folgen muss. Aus dieser Erkenntnis erwächst einige Hoffnung - gerade für diejenigen, die sich einen weniger ruppigen Kapitalismus wünschen.

Aber die Wirtschaftswelt wird auch komplizierter: Jede Nation muss ihren eigenen Weg finden. Der rituelle Verweis in der Tradition Goethes ("Amerika, du hast es besser") jedenfalls verfängt nicht mehr.