Mannesmann/Vodafone Auch du, mein Sohn Brutus

Die Übernahme von Mannesmann durch Vodafone gleicht einem Wirtschaftskrimi. Spannende Details aus dem Buch "Der Deal" des Autors Thomas Knipp präsentiert manager-magazin.de in Auszügen. Heute Teil drei: Wie Klaus Esser den Kampf gegen Chris Gent verliert.
Von Thomas Knipp

Wenn es still wird, dann wird es ernst. Vor allem bei Verhandlungen über große Transaktionen. Wenn die Anrufe der Gegenseite ausbleiben, wenn man nicht mehr durchkommt bei seinen Gesprächspartnern, dann wird es zumeist eng. Esser und Kinzius kannten das Gefühl. In der letzten Woche des Januar, genau in der Zeit, als sie positive Nachrichten am dringendsten benötigten, genau zu diesem Zeitpunkt ging mit Vivendi nichts mehr.

Esser versuchte, Messier zwischen seinen Gesprächen mit Investoren zu erwischen. Er versuchte es früh, mittags und abends. Aber aus Paris gab es plötzlich nur noch eine Reaktion: Funkstille. Messier hatte beim letzten Gespräch zu Esser gesagt: "Ich habe nun drei Vorschläge für potenzielle Geschäfte vorliegen. Die werde ich meinem Aufsichtsrat unterbreiten. Und der soll dann entscheiden." Esser war alarmiert.

Das war eine ganz neue Lage. Esser war immer davon ausgegangen, dass man kurz vor einer Einigung war. Und nun brachte Messier plötzlich seinen Aufsichtsrat ins Spiel, der entscheiden sollte. Das passte nach Einschätzung Essers überhaupt nicht zu diesem Machtmenschen, der sonst immer alles selber entschied und darauf auch Wert legte.

Esser versuchte es weiter. Am Freitag, dem 28. Januar, erhielt er vom Sekretariat des Franzosen die Antwort, Messier sei in der Aufsichtsratssitzung und könne nicht ans Telefon kommen. Esser erwischte später an diesem Tag wenigstens einen engen Mitarbeiter, der zusicherte, Messier die "dringende Bitte" um Rückruf zu überbringen. "Ich werde es ihm sagen."

Esser legte eine Frage nach: "Dass Messier sich andere Optionen verschafft hat, das verstehe ich – obwohl wir uns darüber bisher immer vorab informiert haben. Aber ich gehe doch wohl recht in der Annahme, dass er nicht mit Vodafone verhandelt?"

Die Antwort fiel kryptisch aus: "Ich höre, was Sie sagen, und werde es Herrn Messier ausrichten." Essers Magen krampfte sich leicht zusammen. Am gleichen Tag erhielt Kinzius eine Nachricht aus dem Büro von Messier: Man werde am Samstag ab zehn Uhr über den zwischen Esser und Messier ausgehandelten Plan beraten. Danach Stille.

"Der sieht ja aus wie eine Leiche"

"Der sieht ja aus wie eine Leiche"

Am Sonntag, dem 30. Januar, machten sich Esser, Kinzius und die Banker wieder einmal auf den Weg nach Paris. Dort wollten sie, wie beim letzten Mal vereinbart, die Gespräche mit Gent und seinen Beratern fortsetzen. Auch dieser Termin war mehrfach verschoben worden. Zunächst hatte Esser gezögert, weil sich die Gespräche mit Vivendi gut entwickelten. Dann wieder gab es Terminschwierigkeiten bei Vodafone. Esser wurde von seinem Fahrer um 8.30 Uhr abgeholt.

Er hatte immer wieder versucht, Messier zu erreichen. Er wollte vor dem Treffen mit Gent wissen, wie die Beratungen über ein Geschäft zwischen Mannesmann und Vivendi gelaufen waren. Esser hatte kein Glück. Die Maschine hob um neun Uhr vom privaten Teil des Düsseldorfer Flughafens ab und landete eine Stunde später in Le Bourget, am Rande von Paris. Zwei gemietete Limousinen brachten die Manager zum Hyatt-Hotel am Flughafen Charles de Gaulle, wo Essers Sekretariat unter falschem Namen drei Räume gebucht hatte.

Vodafone und Mannesmann wollten zu diesem Zeitpunkt alles tun, damit nichts von ihren Gesprächen nach draußen durchsickern konnte. Unmittelbar nach der Landung, noch im Flugzeug, hatte Esser sein Handy wieder eingeschaltet. Jemand hatte eine Nachricht für ihn hinterlassen, während er auf dem Weg nach Paris gewesen war. Esser drückte die Taste für seine Mailbox und hörte, was der Anrufer zu sagen hatte. Der Mannesmann-Chef wurde bleich, die Hand zitterte leicht. Sonst ließ er sich nichts anmerken.

Messier teilte ihm mit, dass er sich am Samstagabend mit Vodafone auf einen Deal geeinigt habe. Esser schwankte innerlich zwischen Wut und Verzweiflung: Das war abgrundtiefer Verrat. Selbst unter den ausgefuchstesten Managern sollte es so etwas wie einen Kodex geben: "Verhandle nicht gleichzeitig mit dem Feind deines Freundes." Esser wusste: Das war das Ende. Seinem Team sagte er nichts von alledem. Nicht so kurz vor so wichtigen Gesprächen.

Um Punkt 10.30 Uhr betraten Esser, Kinzius und Becker den Verhandlungsraum "Gemini" im Hyatt-Hotel. Die anderen Banker verteilten sich auf die beiden anderen Räume. Gent und seine Leute ahnten, dass Esser wusste, was hinter den Kulissen ablief – dass sie einen Deal mit Vivendi gemacht hatten.

"Der sieht ja aus wie eine Leiche", murmelte Mead Horn-Smith zu. Die Männer aus dem Vodafone-Team hatten sich dazu entschlossen, nun alle Freundlichkeit fallen zu lassen. "Wir liegen vorn. Jetzt müssen wir zuschlagen", hatte der Rat an Gent gelautet. "No more Mr. Nice Guy!"

Die Begrüßung konnte frostiger kaum ausfallen. Kein Lächeln. Keine Verbindlichkeit. Gent wollte nicht sofort zuschlagen. Man begann mit den weniger kontroversen Punkten. Er sagte, dass das Mannesmann-Telekom-Team in der neuen Gesellschaft sehr willkommen sei, und verpflichtete sich, Düsseldorf zum Sitz des europäischen Hauptquartiers zu machen.

"Klaus, you are going to loose this"

"Klaus, you are going to loose this"

Erste Differenzen gab es beim Namen der neuen Gesellschaft. Esser sagte: "Mannesmann ist als Marke wichtig." Gent erwiderte kalt, wie sich Esser erinnert: "Ich habe darüber mit Klaus Zwickel gesprochen. Der sieht das nur für die alten Industrieteile als wichtig an." Klaus Esser und Kurt Kinzius sahen sich kurz an und dachten: "Er hat was gemacht? Während der Schlacht mit einem unserer Aufsichtsräte gesprochen? Und der gibt auch noch den Namen auf? Unglaublich!"

Aber die Fassade der beiden Männer blieb freundlich. Gent sicherte zu, dass Atecs an die Börse gebracht werde. Es war ein Versprechen, an das sich der Mann aus England später nicht halten würde. Gent signalisierte sogar, dass die integrierte Strategie von Festnetz und Mobilfunk überlegenswert sei. Esser hörte die Worte und glaubte keines. Dann kam Gent zum Kern: "Wir sind signifikant auseinander bei der Bewertung des Unternehmens. Wir sind schon über 300 Euro je Aktie. Weiter können wir nicht gehen." Das Ende der Fahnenstange war erreicht.

Das wollten Gent und seine Berater der Mannschaft auf der anderen Seite des Verhandlungstisches deutlich signalisieren. Aber Esser war nicht in der Stimmung für Unterwürfigkeiten. Noch hatte er sich von der Nachricht Messiers nicht erholt. Aber er konterte so kühl wie möglich: "Unser integrierter Ansatz steigert den Wert des Unternehmens. Das ist noch nicht in den Kursen berücksichtigt. Außerdem sind Mehrheitsbeteiligungen mehr wert. Und dann müssen Sie unsere Beteiligung an Orange berücksichtigen. Die ist mehr wert als Vodafone England. Diesen Unternehmensteil müssten wir nach der Fusion dann verkaufen.

"Esser kalkulierte mit seinen Äußerungen bewusst einen Eklat ein. Er stellte den Nukleus von Vodafone zur Debatte. Ganz schön unverfroren. Und das in dieser Situation. Er schob nach: "Das sehen doch auch einige Ihrer Aktionäre so."

Kinzius rutschte fast unter den Tisch. Das war wieder mal ein typischer Esser, dachte er. Beschissene Position – und trotzdem auf Angriff schalten. Oder gerade deswegen. Orange behalten, Vodafone verkaufen. Das war schon ein Schlag in die Magengrube. Esser setzte scheinbar ungerührt seinen Schlusspunkt: "Wenn Sie darauf eingehen, dann finden wir Ihren Vorschlag richtig sexy."

Die beiden Männer sahen sich eine Sekunde lang direkt in die Augen. Schweigen erfüllte den Raum. Gent antwortete ruhig, eiskalt und kein bisschen gelassen: "Klaus, you are going to loose this. Be realistic." Harte Wahrheiten kann ein Sieger ohne Drohgebärden abliefern. Die Worte von Gent hingen einen Augenblick in der Luft. "Klaus, du verlierst. Komm auf den Boden der Tatsachen zurück." Schlichte Worte, ohne Drama dargebracht. Aber in ihrer Wirkung verheerend.

"Unser Kurs steigt schnell genug"

"Unser Kurs steigt schnell genug"

Gent und sein Team hatten es so besprochen. Dies war der Augenblick, verbal zuzustoßen. Das Ende aller Freundlichkeiten. Aber Gent konnte trotz aller Kalkulationen seine Emotionen nicht verbergen. Seine gesamte Körperhaltung, so schätzte Esser es ein, drückte aus: "Ich sage euch jetzt mal, wo es langgeht in diesen Verhandlungen." Nicht laut, aber klar, kalt, tödlich. Gents Gesicht hat alle Freundlichkeit verloren. Was er zu sagen hatte, das sagte er hastig. Es war glasklar: Dies war sein letztes Angebot. "Ihr habt verloren. Jetzt seht zu, dass ihr für eure Aktionäre das Beste herausholt."

Der Mann aus Düsseldorf zuckte, aber er fiel nicht. Er betete Gent noch einmal seine Kalkulationen vor – 58,5 Prozent an der gemeinsamen Gesellschaft müssten es schon sein, wenn man die Zustimmung haben wolle. Esser musste das Angebot des Briten für seine Aktionäre maximieren. "Wir müssen ohnehin nur warten. Unser Kurs steigt schnell genug. In ein paar Tagen schon wird der bei 350 Euro sein." Aber Esser wollte mehr.

Nach seinen Kalkulationen waren die Vodafone-Aktien weniger werthaltig als die von Mannesmann. Und da ja nicht in bar bezahlt wurde, sondern mit Aktien, wollte Esser seinem Gegenüber möglichst viele davon abhandeln. Viele, aber nicht alle seiner Aktionäre würden schließlich auf dem hohen Kursniveau Kasse machen. Aber Gent wollte von alldem nichts wissen: "Wir werden euch übernehmen. Daran kann jetzt kein Zweifel mehr bestehen. Vergessen Sie die 58,5 Prozent. Das ist nicht realistisch. Ich bin bereit, von 48,5 auf 49 Prozent zu gehen. Aber das ist das Ende."

Gent hatte mit diesem letzten Satz sein Angebot noch einmal um gut sieben Milliarden Euro erhöht. Kleingeld in diesem Deal. Aber er machte auch klar: "Wenn ihr das nicht annehmt, dann warten wir bis zum Ende der Angebotsfrist – und sammeln dann die Mehrheit ein, zu den alten Konditionen." Ob Esser sich das gegenüber seinen Aktionären erlauben könne? Esser sah, dass er hier nicht weiterkam. "Wir müssen darüber nachdenken", beendete er die gemeinsame Runde.

Die beiden Vorstandsvorsitzenden zogen sich zu einem kurzen Gespräch unter vier Augen zurück. Esser ging es vor allem darum, im Falle der nunmehr fast sicheren Übernahme durch Vodafone Zusicherungen für die Zukunft seiner Topmanager zu erreichen. Nach dem Ende des Plenumgespräches und während Esser und Gent verhandelten, hatten sich die Adjutanten in die Nebenräume zurückgezogen. Kinzius saß mit Becker zusammen, als es an der Tür klopfte. Julian Horn-Smith steckte sein stets freundliches Gesicht durch den Türspalt und bat seinerseits Kinzius zum Tête-à-Tête.

"Ich habe da noch etwas"

"Ich habe da noch etwas"

Die Männer, die den Kampf an der Seite von Esser und Gent geführt hatten, vertrieben sich die Zeit mit einem Spaziergang über die Flure des Hotels. Beide mochten und schätzten sich. Zwischen ihnen gab es keine Ego-Spiele. Horn-Smith ließ seinen Charme einmal mehr spielen: "Lassen Sie uns noch einmal ohne Emotionen sprechen. Ihr seid ein gutes Team. Ihr habt viel erreicht. Aber ihr habt verloren. Lasst uns das jetzt gemeinsam zu Ende bringen."

Kinzius, so erinnert er sich, hielt dagegen. "In aller Freundschaft: Wir denken über euer Angebot von 49 Prozent nach. Aber nach unserer Rechnung haben wir jetzt 54 Prozent der Aktionäre hinter uns. Freut euch nicht zu früh. Wir haben noch nicht verloren. Und ihr habt nur noch eine Woche."

Horn-Smith sagte trocken: "54 Prozent? Soviel haben wir nach unseren Rechnungen auch hinter uns." Die beiden Männer schmunzelten. Das konnte nach den simplen Grundrechenarten nicht sein. Aber so viel war sicher: Man lag Kopf an Kopf, wer immer am Ende das Rennen machen würde. Horn-Smith ließ nicht locker: "Sie müssen jetzt einsichtig sein. Sie sind doch ein vernünftiger Mann. Übernommen zu werden ist nicht so schlimm, wie es sich im ersten Moment ausnimmt. Mir ist das auch schon mal passiert. Das Leben geht weiter. Mal sitzt man am längeren Hebel, mal am kürzeren."

Nach zehn Minuten ging Kinzius zurück zu seinem Team. Den Männern in Raum "Hydra" war klar, dass sie verloren hatten – doch noch wussten sie nicht, warum. Sie hatten Vivendi verloren. Aber an wen? Es gab den Verdacht, dass Messier in das Lager von Vodafone übergelaufen war. Aber keine Gewissheit. Nicht für sie.

Zu dieser Stunde konnten sie nur spekulieren. Das Vodafone-Team drängte, weil es noch einen Termin in Paris hatte. Steckte der Chef von Vivendi dahinter? Sie mochten es sich nicht eingestehen. Paris hatten sie als Treffpunkt gewählt, weil sie sich an einem neutralen Ort unbeobachtet treffen wollten. Sollte hier ihre Niederlage besiegelt werden?

Nach etwas mehr als einer Stunde ging das Treffen zu Ende. Gent und Horn-Smith drängten zum Aufbruch. Ihr nächstes Meeting drängte. Esser merkte zum Abschied spitz an: "Ich hoffe, dass Sie – was immer Sie tun – keine Werte Ihrer Aktionäre zerstören." Gent lächelte säuerlich. Zwischen den beiden gab es nichts Verbindendes mehr. Mead murmelte: "Das war brutal." Die Männer aus Düsseldorf bestiegen die Autos.

Auf dem Weg zum Flughafen hielt es auch Esser nicht mehr aus. "Ich habe da noch etwas", sagte er mit leicht zitternder Stimme. "Messier hat einen Deal mit Vodafone gemacht." An Bord der Maschine war die Stimmung am Boden zerstört. Kinzius fragte mehr sich selber als die Runde: "Was können wir hier noch tun? Im Prinzip nichts mehr. Vivendi hatte alles aus dem Lot gebracht."

"Ihr habt ja nett gekämpft"

"Ihr habt ja nett gekämpft, aber jetzt ist es vorbei"

Esser und Kinzius schauten sich in die Augen. Sie verstanden sich ohne Worte. Es war vorbei. Game over. Kinzius sprach es als Erster aus: "Wir haben verloren." Esser stimmte deprimiert zu. Die Aktie kletterte in Richtung der vorgegebenen Zielmarke von 350 Euro. Die deutschen Privatanleger hatten in den vergangenen Tagen immer stärker verkauft. Das würde noch einmal zunehmen, wenn die Nachricht vom Vivendi-Deal mit Vodafone die Runde machen und am Montag die Märkte eröffnet haben würden.

Die Institutionellen würden jetzt auf eine friedliche Einigung drängen – zumindest mehrheitlich. "Ihr habt ja nett gekämpft, aber jetzt ist es vorbei." Esser hatte die Aktionäre und ihren Willen zum Maßstab ihres Handelns gemacht. Nun mussten sie sich – so sah es aus – diesem Votum beugen. Als die Maschine in Düsseldorf landete, hatte er sich schon wieder berappelt und sagte: "Wir müssen jetzt alle noch einmal an die Telefone und mit den wichtigen Aktionären sprechen. Ich will wissen, wie sie die Situation einschätzen."

In der Vorstandssitzung stellte Esser seinen Kollegen das letzte Angebot von Gent vor. Mehr als 49 Prozent wolle Gent nicht bieten. Aber Düsseldorf sei als Standort gesichert, und zwei bis drei Manager würden von Vodafone übernommen. Dann sprachen sie über die verfügbaren anderen Optionen. Viel war ihnen nicht mehr geblieben, nachdem sie Vivendi verloren hatten.

Einem Deal mit Worldcom oder AOL räumte Esser nur noch geringe Chancen ein. Die Zeit würde nicht reichen. Noch an diesem Abend, nach dem Ende der Vorstandssitzung, fing das Team um Esser an, sich einen Überblick über die Stimmung der großen Anteilseigner zu verschaffen. Was sie hörten, war nicht sonderlich ermutigend: Hutchison Whampoa stand zu Mannesmann, aber das war ohnehin klar. Sonst aber brach die Unterstützung für Esser und sein Team weg.

Für die Investoren stand fest, dass es nun an der Zeit war, einen Schlussstrich unter die Auseinandersetzungen zu ziehen. Das machten sie Esser in den Gesprächen schon am Sonntag klar. Am nächsten Morgen würden die Märkte öffnen und das Stimmungsbild der Aktionäre noch transparenter machen.

Klaus Esser war während der Schlacht um Mannesmann immer wieder an den Punkt gekommen aufzugeben – oder zumindest darüber nachzudenken. Nach dem Treffen mit Gent Ende Dezember in Paris war das der Fall – und nachdem Vivendi sich gegen ihn und für Vodafone entschieden hatte. Stets aber hatten die Zweifel nur kurz bestanden. Stets hatte Esser sich recht schnell wieder für eine Fortführung des Kampfes entschieden.

"Sagen Sie ihm, es brennt!"

"Sagen Sie ihm, es brennt!"

Doch als am Montag die Börsen öffneten, die Kurse von Mannesmann-Aktien fielen und die Haltung der großen Investoren klarer wurde, da brach der Widerstand Essers endgültig zusammen. Fondsmanager in London und in Frankfurt teilten Esser und seinen Leuten unmissverständlich mit, dass sie ins Vodafone-Lager wechseln würden. Nicht nur die großen Fonds entschieden sich dafür, einen Strich unter die Angelegenheit zu ziehen – auch die deutschen Kleinaktionäre liefen in Scharen davon. Sie verkauften ihre Aktien und strichen ihre massiven Gewinne ein.

Becker versuchte, Esser zu erreichen, doch der war in Gesprächen. "Kann ich eine Nachricht weiterreichen?", fragte Essers langjährige Sekretärin Hanni Rauch. "Ja", antwortete Becker trocken, "sagen Sie ihm, es brennt!" Esser, der das Interesse der Aktionäre stets in den Mittelpunkt seiner Argumente gestellt hatte, musste nun akzeptieren, dass die Mehrheit der Eigentümer sich gegen seinen Kurs entschieden hatte.

In einem Gespräch mit Kinzius ging er alle Punkte des letzten Angebots von Gent noch einmal durch. "Soll ich nicht doch versuchen, wenigstens 52 Prozent für uns herauszuholen?" Kinzius holte seinen Chef auf den Boden der Tatsachen zurück: "Vergessen Sie es. Darauf lässt sich Gent nicht ein. Er kann es gar nicht, weil seine Aktionäre ihm nicht folgen würden. Das hat er immer wieder deutlich gemacht. Wenn Sie darauf beharren, dann verschlimmern Sie die Situation nur."

Kinzius wusste, wovon er sprach. In einem seiner letzten Telefonate mit Horn-Smith hatte er noch einmal einen Vorstoß in Sachen Umtauschverhältnis unternommen. "Wenn wir 50 Prozent an der Firma hätten, dann wäre es auch für uns einfacher, die Sache zu verkaufen." Die Antwort von Horn-Smith fiel eindeutig aus: "Keine Chance. Dafür finden wir in unserem Board keine Unterstützung." Für viele Aktionäre sei das mittlerweile eine emotionale Angelegenheit. Die Übernahme sei schon teuer genug.

"Wir haben keinen Spielraum mehr. Wenn ihr da weiterkämpfen wollt, dann tut es. Aber es wird nichts bringen. Wir haben gewonnen." Man wolle den Deal gerne mit Zustimmung des Vorstandes machen, doch wenn der Preis der Zustimmung ein Umtauschverhältnis von 50 zu 50 sei, dann werde man die Sache auch ohne Unterstützung durchziehen. Auch Gent hatte zuletzt klargemacht, dass er nicht mehr zu weiteren Gesprächen bereit sein werde, wenn nicht zuvor das Beteiligungsverhältnis klar sei.

Die Männer aus England machten Esser & Co. eine einfache Rechnung auf: Entweder Mannesmann stimme jetzt zu – und erhalte dann ein Umtauschverhältnis knapp unter 50 Prozent. Oder man warte bis zum Ende der Angebotsfrist und werde dann aber nur die im November angebotenen 47,2 Prozent bezahlen. Ein Milliardenunterschied. Gent brachte es brutal deutlich auf den Punkt: "Ich komme jetzt nur noch zu Verhandlungen, wenn eine klare Zahl für die Mehrheitsverhältnisse auf dem Tisch liegt."