Mittwoch, 21. August 2019

Top-Lobbyist geht "Bauernopfer der Automobilindustrie"

Hinter vorgehaltener Hand hatten Autobosse bereits kräftig gegen Bernd Gottschalk gestänkert. Der Chef-Lobbyist der Autoindustrie habe in der Klimaschutz-Debatte zu lasch und zu spät reagiert. Jetzt ist der Verbandspräsident zurückgetreten.

Frankfurt am Main - Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Bernd Gottschalk, hat am Wochenende überraschend seinen Rücktritt erklärt. Das teilte der Verband in Frankfurt mit.

"Ich habe mir keine Versäumnisse vorzuwerfen": Der Präsident des Verbands der Automobilindustrie, Bernd Gottschalk, ist zurückgetreten
Der 63-Jährige stand seit 1996 an der Spitze der Organisation, die die Interessen von mehr als 500 Unternehmen der Automobilbranche vertritt. Hintergrund des Rücktritts, auf den die deutschen Autohersteller offiziell betont zurückhaltend reagierten, ist sehr wahrscheinlich die Diskussion um den Klimaschutz.

"Ich habe mir keine Versäumnisse in der CO2-/Hybrid-Debatte vorzuwerfen", erklärte Gottschalk zu einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Darin hieß es, die Chefs der deutschen Autohersteller seien "sauer über die Reaktion ihrer Lobby auf die Klimaschutzdebatte". Wie schon bei der Diskussion um Feinstaub und Partikelfilter habe der Verband viel zu spät und lasch reagiert. Er habe nicht ausreichend über die Leistungen der deutschen Hersteller zur CO2-Reduktion aufgeklärt.

Autobauer stoppten Anzeigenkampagne

Eine vom VDA geplante Anzeigenserie war von den Auto-Herstellern sogar gestoppt worden. Darin wollte der Verband laut "Spiegel" ankündigen, dass die deutsche Autoindustrie in den nächsten Jahren zehn Milliarden Euro für den Klimaschutz investiere. Das klinge, als habe man bislang nichts getan, beschwerte sich - so das Magazin - der Chef eines Autokonzerns.

Gottschalk werde auch vorgeworfen, dass er in der TV-Diskussionsrunde bei "Sabine Christiansen" nicht persönlich die Interessen von DaimlerChrysler, BMW, VW, Opel, Ford und Porsche vertreten habe. "Sobald wir einen Nachfolger gefunden haben", sagte ein Autoboss laut "Spiegel", "ist Gottschalk weg."

Autohersteller kommentieren Rücktritt zurückhaltend

Die deutschen Autohersteller kommentierten den Rücktritt mit Zurückhaltung: Ford wollte sich nicht äußern, BMW-Sprecher Marc Hassinger sagte: "Wir bedauern das sehr. Wir haben in der Vergangenheit immer gut mit Herrn Gottschalk zusammengearbeitet und wünschen ihm für die Zukunft alles Gute." Ein VW-Sprecher sagte: "Wir haben den Rücktritt von Herrn Gottschalk mit großer Überraschung zur Kenntnis genommen. Herr Gottschalk hat sich große Verdienste um die deutsche Automobilindustrie erworben." Von Opel, Audi, DaimlerChrysler und Porsche waren zunächst keine Stellungnahmen zu bekommen.

EU-Umweltkommissar warnt deutsche Autoindustrie

Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) sieht Gottschalk als "Bauernopfer der Automobilindustrie". Die Autobauer selbst hätten es nicht geschafft, umweltgerechte Autos zu konzipieren und auf den Markt zu bringen, sagte VCD-Vorstandsmitglied Hermann-Josef Vogt am Samstag in Düsseldorf. Der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer sagte: "Meistens schlägt man den Sack, wenn man den Esel meint. Hier schlagen die Esel den Sack."

EU-Umweltkommissar Stavros Dimas warnte indes im "Spiegel" die deutsche Autoindustrie davor, sich gegen die Bewegung für mehr Klimaschutz durch Abgasfilter zu stellen. Die Branche werde in Zukunft nicht mehr Kompromisse bei den Auflagen durchsetzen können, um Belastungen zu begrenzen, sagte Dimas dem Magazin.

manager-magazin.de mit Material von dpa dpa und reuters

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