Wirtschaftsforschung Das Ende der Idylle

Das nennt man eine kalte Dusche: Ein halbes Jahrhundert durften die stets gleichen Wirtschaftsforschungsinstitute Konjunkturprognosen für die Bundesregierung anfertigen. Doch die will plötzlich internationale Konkurrenz auf dem Gutachtermarkt. Prompt sorgen sich manche Forscher um den Fortbestand der Konjunkturanalyse in Deutschland.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Sie fordern in ihren Gutachten oft, für mehr Wettbewerb in Deutschland zu sorgen. Jetzt trifft es sie selbst: In dem Markt für Konjunkturprognosen fällt der Ring der etablierten Anbieter auseinander.

Statt wie bisher sechs sollen künftig nur noch drei bis fünf Wirtschaftsforschungsinstitute zum Zuge kommen, bestätigte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums manager-magazin.de. Vor allem aber soll der Auftrag für das Gemeinschaftsgutachten der Institute ab sofort international ausgeschrieben werden.

Deshalb dürfen sich bald nicht nur die bekannten deutschen Konjunkturforschungsinstitute ans Werk machen, sondern auch ausländische Einrichtungen - und zwar für jeweils drei Jahre in Folge. Grund dafür ist die europäische Richtlinie zur Vergabe von solchen Aufträgen in Millionenhöhe. Wird ein bestimmter Schwellenwert überschritten, müssen die nationalen Regierungen ihre Aufträge zumindest europaweit ausschreiben. Und dieser Schwellenwert ist bei der Vergabe des deutschen Konjunkturgutachtens erreicht, denn die Bundesregierung gibt immerhin 1,3 Millionen Euro pro Jahr für die Tipps der Wirtschaftswissenschaftler aus.

Seit 1950 war die Prognoseaufgabe somit eine sichere Bank für das stets beteiligte Berliner DIW, das Münchener Ifo-Institut, das Kieler IfW, das Essener RWI und das Hamburger HWWI sowie das IWH in Halle, das nach der Wende hinzukam. Jedes der Institute konnte mit sicheren Einnahmen in sechsstelliger Höhe rechnen. Diese Planungssicherheit fällt jetzt weg, schon die nächste gemeinsame Vorstellung im April wird vorerst die letzte sein.

"Die Wirtschaftsinstitute haben nichts gegen Ausschreibungen und mehr Wettbewerb", sagen dazu zwar Wirtschaftsforscher wie DIW-Chef Klaus Zimmermann - trotz der drohenden wirtschaftlichen Belastung. Doch die Folgen der geänderten Ausschreibungspraxis bekommen die Institute offenbar unterschiedlich stark zu spüren.

In Zukunftssorge

In Zukunftssorge

"Bei uns hängt die Hälfte der Stellen in der Konjunkturabteilung von der Vergabe des Gemeinschaftsgutachtens ab", sagt beispielsweise Udo Ludwig zu manager-magazin.de, Konjunkturchef des IWH Halle.

"Sollten wir jetzt nicht berücksichtigt werden, wird es finanziell sicher schwerfallen, die folgenden drei Jahre ohne den Gutachterauftrag zu überbrücken, aber zugleich eine eigene umfassende Konjunkturforschung mit hoher Qualität aufrechtzuerhalten."

Er fürchtet zudem, dass selbst die besten Forscherteams ab und an dem neuen deutschen Auswahlverfahren zum Opfer fallen könnten. Schließlich soll alle paar Jahre neu entschieden werden, wer mitmachen darf. Doch allein um zu zeigen, dass es die Bundesregierung ernst mit ihrer Wechselabsicht meint, wird sie womöglich hin und wieder die beteiligten Institute auswechseln lassen müssen. "Hier könnte sich tatsächlich eine moralische Wechselpflicht entwickeln - sofern es dann noch genug Institute zur Auswahl geben wird", sagt IWH-Konjunkturchef Ludwig.

Zunächst aber wird die Konkurrenz der deutschen Institute eher zunehmen. Ein neuer Konjunkturforscherblock denkt offenbar darüber nach, sich gemeinsam an dem Rennen um das Gemeinschaftsgutachten der Konjunkturschätzer zu beteiligen. Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW), das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) aus Düsseldorf sowie das bereits etablierte Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI), signalisierten daran bereits Interesse.

Darüber hinaus scheinen andere Institute wie etwa das Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsforschungsinstitut (RWI) in Essen besser auf den kommenden Wettbewerb vorbereitet zu sein. Das Institut hat in den vergangenen Jahren viele neue Forscher eingestellt, die fachlich nicht auf Konjunkturanalysen fixiert sind. Sollte das RWI also bei der Vergabe des nächsten Gutachtens nicht zum Zuge kommen, wären die Essener Forscher wohl weniger stark davon betroffen als manche ihrer Kollegen.

Änderung, aber keine Revolution

Änderung, aber keine Revolution

Zudem macht allen Forschern eine weitere Bestimmung des neuen Vergabeverfahrens Mut: Das Gutachten soll auch künftig in deutscher Sprache verfasst werden, schließlich richtet es sich an die deutsche Bundesregierung und nicht an eine internationale Institution.

"Das schränkt den Kreis der Bewerber aus dem Ausland erheblich ein. Die Revolution wird nicht stattfinden", glaubt deshalb auch DIW-Chef Zimmermann.

Und hinter vorgehaltener Hand wird gemurmelt, dass beispielsweise amerikanische Konjunkturforscher erst einmal mit dem deutschen Statistikstandard klarkommen müssten, um überhaupt ein Konjunkturgutachten für die Bundesrepublik auf dem Qualitätsniveau der etablierten deutschen Forscher abgeben zu können.

Da allerdings sind sich die verantwortlichen Ministerialen in Berlin nicht ganz so sicher. Sie verweisen darauf, dass ein Teil des Gutachtens immerhin auch die weltwirtschaftlichen Konjunkturänderungen beleuchten soll. Und zumindest auf diesem Gebiet habe die mögliche neue internationale Konkurrenz wohl keinen Nachteil gegenüber den deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten.

Die warten dann auch gebannt darauf, nach welchen Kriterien die Konjunkturgutachter hierzulande künftig bestimmt werden sollen. Doch genau das ist noch nicht raus, obwohl die Zeit drängt. Spätestens im Mai soll die Ausschreibung für das neue Gutachten eigentlich veröffentlicht werden, so heißt es in Kreisen der Wirtschaftsforscher. Bisher allerdings kann das Bundeswirtschaftsministerium nicht mal das bestätigen.

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