Oetker-Gruppe Konglomerat mit Gelinggarantie

Einen handelsüblichen Analysten würde die Oetker-Gruppe zur Verzweifelung treiben. Denn ein Kerngeschäft gibt es in dem Familienunternehmen nicht. Doch egal ob Pudding, Bier, Schifffahrt oder Hotels – alle sechs Sparten des Konzerns tragen zum Gesamterfolg bei.

Hamburg - In der Marketingabteilung der Oetker-Gruppe spielt das Wort Gelinggarantie eine große Rolle. Dem Kunden wird mit dem Aufdruck auf Produktverpackungen versichert, dass auch der größte Küchenlaie mit den Rezepten etwas gebacken bekommt.

Diese Gelinggarantie spielt aber auch im Unternehmen selbst eine große Rolle: Sechs zum Teil völlig unterschiedliche Geschäftsbereiche - insgesamt mehr als 400 Unternehmen - agieren unter dem Dach der Oetker-Gruppe. Dort sind bei einem Jahresumsatz von mehr als sieben Milliarden Euro allerdings keine Laien am Werk.

Vom berühmten Puddingpulver über diverse Getränkesorten, eine Bank, fünf Luxushotels bis hin zu einer Flotte Containerschiffe reicht das Portfolio des Bielefelder Traditionskonzerns. "Dieses Konglomerat hat für uns keine Nachteile", so Konzernchef August Oetker vor dem Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten . Sympathischer als Konglomerat oder gar Gemischtwarenladen findet Oetker allerdings die Formulierung "auf Risikoausgleich bedachte Unternehmensgruppe".

"Bei allen unseren Investments zeigen wir Geduld und einen langen Atem", sagt Oetker weiter und berichtet wie zum Beweis von Zehnjahresübersichten: "Ein mögliches Nichterreichen unserer Kriterien muss dann jedoch gut begründet werden". Keine Überraschung ist, dass Oetker einen Börsengang des Familienunternehmens komplett ausschließt: "Das wollen und brauchen wir nicht".

Auch eine Ausdehnung auf völlig neue Sparten ist nicht geplant: "Unsere bestehenden Geschäftsfelder bieten noch ausreichend Entwicklungsmöglichkeiten". Eine Maßgabe, die sicher ganz im Sinn des im Januar im Alter von 90 Jahren verstorbenen Rudolf-August Oetker ist.

Kein "freundlicher" Hapag-Aktionär

"Schneller wachsen als der Markt"

Der Patriarch gab zwar schon 1981 die Verantwortung für das Geschäft an seinen Sohn August Oetker ab, blieb aber als Beiratsvorsitzender in einer für die strategische Ausrichtung wichtigen Position. Mit Stolz berichtet August Oetker, dass der kürzlich eingetretene Erbfall völlig geräuschlos abgelaufen ist - für Familienunternehmen nicht selbstverständlich.

So unterschiedlich die Geschäftsbereiche der Oetker-Gruppe sind, so verschieden sind auch die Probleme und Chancen. Zum Beispiel bei den Nahrungsmitteln. "Hier hat Oetker nach dem Krieg von der Fresswelle in Deutschland profitiert", sagt Oetker. Die Märkte hierzulande seien nun weitgehend gesättigt, neues Wachstum soll in Osteuropa, vor allem in Russland, aber auch in Indien und China erschlossen werden.

Um im umkämpften Handel mit Backmischungen, Fertigpizzen und Frischeprodukten langfristig zu bestehen, strebt Oetker bei seinen Marken konsequent die Marktführerschaft an. Die Strategie hört sich einfach an: "Sind wir auf einem Gebiet bereits Marktführer, dann müssen wir mindestens das Marktwachstum halten. Sind wir noch nicht Marktführer, dann sollten wir schneller wachsen als der Markt", sagt Oetker.

Kein "freundlicher Aktionär" bei Hapag-Lloyd

Doch das angestrebte hohe Wachstum der gesamten Gruppe muss anderswo herkommen - zum Beispiel aus der Schifffahrt. Führend ist Oetker hier mit seiner Reederei Hamburg Süd, und zwar auf Nord-Süd-Strecke zwischen Europa und Südamerika. Die Reederei ist zu einem Wachstumsträger der Oetker-Gruppe geworden und seit 2000 stärkster Geschäftsbereich.

"Das konnten wir nur mit der Kraft der gesamten Oetker-Gruppe schaffen", sagt der Konzernchef und berichtet davon, dass der Eigenanteil in der Flotte weiter erhöht werden soll. 22 neue Schiffe seien bestellt, sechs davon in diesem Jahr abgeliefert, der Rest folge bis 2010. Der Wettbewerbsvorteil: Die Schiffe sind genau an die speziellen Bedingungen der häufig von Hamburg Süd angelaufenen Häfen angepasst. Trotz derzeit rückläufiger Charterraten soll die Schifffahrt weiterhin ein Wachstumsmarkt bleiben, den sich Oetker auch wegen seines zyklischen Verlaufs ganz genau ansehen muss.

Gut passen zu Oetkers Hamburg Süd würde die Reedereitochter Hapag-Lloyd aus dem schwächelnden Tui-Konzern . Denn deren Schiffe sind vorwiegend auf Ost-West-Routen unterwegs. "Für uns ein Kann, aber kein Muss", sagt Oetker. Zugleich erteilt der 62-Jährige aber altbekannten Übernahmespekulationen eine Absage: "Hapag übersteigt derzeit unsere Mittel, das Gebilde ist insgesamt zu groß". Und als "freundlicher Aktionär" stehe man nicht zur Verfügung.

"Bayern fehlt uns"

"Bayern fehlt uns"

Auf dem seit Langem schwächelnden Biermarkt - den absatzfördernden Effekt der Fußball-WM einmal ausgenommen - ist die Situation besonders spannend. "Auch in rückläufigen Märkten kann man wachsen, man muss nur die anderen verdrängen", so Oetker.

Als Nummer eins in Deutschland mit 15 bis 16 Prozent Marktanteil strebt Oetker in diesem Geschäftsbereich einen Sprung auf 20 Prozent in fünf Jahren an. "Wir sind überzeugt, dass uns auf dem deutschen Markt kein ausländischer Anbieter vorführt", bekräftigt Oetker das ambitionierte Ziel.

Ein Problem ist auf dem deutschen Biermarkt allerdings unübersehbar: "Bayern fehlt uns", sagt Oetker über die weitgehenden weißen Flecken des Konzerns in dem Bierfreistaat. Auf die Münchener Paulaner-Brauerei habe man jedoch kein Auge geworfen, da der niederländische Wettbewerber Heineken hier zu 50 Prozent beteiligt ist.

"Vielfalt der Marken ausschöpfen"

Eine wichtige Lücke wurde jedoch in den vergangenen Jahren mit der Marke Schöfferhofer geschlossen - beim Weizenbier spielt Oetker dank des in Frankfurt am Main gebrauten Bieres der Radeberger-Gruppe nun eine gewichtige Rolle.

Im Geschäftsbereich Bier und alkoholfreie Getränke mache sich die Markenvielfalt im Oetker-Portfolio besonders positiv bemerkbar. "Im Gegensatz zu einer Brauerei wie Warsteiner, die alle Trends über eine einzige Marke definieren muss und so über die Zeit ihre Alleinstellung verloren hat, können wir die Vielfalt unserer Marken voll ausschöpfen", verteidigt der Firmenchef die Strategie seiner Biermanager und lobt damit stellvertretend auch die Vorteile des breit gefächerten Portfolios im Gesamtkonzern.

August Oetker beruft sich dabei auf eine Weisheit, die sich auch als eingestanzte Inschrift an der Eingangstür des ebenfalls zur Oetker-Gruppe gehörenden Bankhaus Lampe in Bielefeld findet: "Man darf das Schiff nicht an einen einzigen Anker binden und das Leben nicht an eine einzige Hoffnung".

Die Oetkers und ihr Imperium

So kontrollieren die Oetkers ihren Konzern

In der Oetker KG steckt das Firmenvermögen der Unternehmerfamilie. Dazu zählt auch eine Finanzbeteiligung an der Parfümeriekette Douglas im Wert von rund 100 Millionen Euro.

Die Stämme: Jedes der acht Kinder bildet mit seinen Nachkommen einen Stamm und hat in der Gesellschafterversammlung eine Stimme. Möchte ein Erbe ausbezahlt werden, muss er ungünstige Konditionen in Kauf nehmen. Er darf seine Anteile nur an Verwandte verkaufen und muss Ratenzahlung akzeptieren.

Die Regeln: Strenge Auflagen gelten auch für die Ausschüttungen. Sie sind so knapp bemessen, dass kein Erbe von der Dividende allein leben kann und somit jeder sein eigenes Geld verdienen muss. Die älteste Tochter Rosely, verheiratete Schweizer, war viele Jahre CDU-Landtagsabgeordnete in Stuttgart; Schwester Bergit, verheiratete Gräfin Douglas, führt ein Innenarchitekturbüro.

Drei Brüder arbeiten in der Nahrungsmittelsparte, die Oetker groß gemacht hat: Christian kümmert sich um die Marktforschung; Richard, 1976 durch seine Entführung in die Schlagzeilen geraten, ist Personalchef; Alfred leitet das Geschäft in Holland. Der jüngste Bruder C.-Ferdinand ist Filialleiter beim Bankhaus Lampe in Hamburg. Und die jüngste Schwester Julia arbeitet als Sales Manager bei einer nicht zu Oetker gehörenden Hotelgruppe.

Der Beirat: Ob ein Familienmitglied für eine Topposition in der Oetker-Gruppe geeignet ist, entscheidet ein fünfköpfiger Beirat, in dem derzeit nicht zum Gesellschafterkreis zählende Mitglieder die Mehrheit haben: Familienfremd sind Ex-Beiersdorf-Lenker Rolf Kunisch und Henkel-Chef Ulrich Lehner. Hinzu kommt Roland Oetker, ein Vetter der laut Gesellschaftervertrag stimmberechtigten acht Kinder von Rudolf-August Oetker. Diese werden im Beirat vertreten durch Rosely Schweizer, die seit dem Tod ihres Vaters Rudolf-August Anfang dieses Jahres dem Beirat vorsitzt, und ihr Bruder Christian Oetker. Im Alter von 65 Jahren, also in gut zwei Jahren, soll der jetzige Konzernchef August Oetker Vorsitzender des Beirats werden.

Oetker-Gruppe: Die sechs Geschäftsbereiche

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