Deutsche Telekom "Wir segeln knapp über Grund"

Die Welt der Deutschen Telekom ist in Unordnung: CEO René Obermann muss Zehntausende Mitarbeiter auf Einschnitte vorbereiten, braucht strategische Partner für seine Geschäftskundensparte und will die Marke T-Com verschwinden lassen. Analysten bleiben skeptisch - insbesondere gegenüber Plänen für eine neue Billigmarke.
Von Karsten Stumm und Simon Hage

Bonn - Als die große Flügeltür aufschwang, bemerkte man ihn nicht gleich in der Gruppe seiner Begleiter. Zu unauffällig wirkte René Obermann, als dass dem Chef der Deutschen Telekom jedermann Blicke nachgeworfen hätte. Nahezu unbehelligt schaffte er es deshalb, den Weg vom großen Konferenzsaal in der Telekom-Zentrale an der Bonner Friedrich-Ebert-Allee zum Treppenhaus auf der gegenüberliegenden Seite des Foyers zurückzulegen. Was für ein Unterschied zu seinem Auftritt nur wenige Minuten zuvor auf er großen Bühne im Konferenzsaal.

Etwa zehn Kamerateams und Dutzende Fotografen richteten ihre Objektive auf Obermann, mehr als 300 Journalisten schauten auf ihn, der allein das Geschäftsdilemma des größten europäischen Telefonunternehmens offenbaren musste. Er schaffte es im Stil eines Showmasters, der schon Hunderte Live-Auftritte vor großem Publikum hinter sich gebracht hat. Dabei hatte er nicht viel Gutes von seinem Unternehmen zu berichten.

"In einigen Bereichen segeln wir nur noch knapp über Grund", sagte Obermann - und begründete damit eine der folgenschwersten Entscheidungen für die Zehntausenden Telekom-Beschäftigten in Deutschland, die es in der Unternehmensgeschichte bisher gegeben hat.

Obermann will künftig bis zu 50.000 Telekom-Angestellte bei anderen konzerneigenen Gesellschaften beschäftigen, aber nicht mehr wie bisher beim Mutterkonzern. Was das bedeutet, werden die Betroffenen vor allem im Portemonnaie zu spüren bekommen. Die neuen Arbeitskonditionen werden deutlich schlechter ausfallen als das, was die Telekom-Beschäftigten bisher gewöhnt waren: Teilweise 34-Stunden-Woche und Gehälter bis zu 50 Prozent über dem, was die Telekom-Konkurrenz ihren Angestellten für vergleichbare Arbeit zahlt.

"Mein Ziel ist es in etwa, ein Kostenniveau für uns zu erreichen, dass Beschäftigungsverhältnissen mit 40 Wochenarbeitsstunden entspricht", sagte Obermann. Damit ist klar, dass sich die betroffenen Telekom-Leute wahrscheinlich auf einen Mix aus längerer Arbeitszeit und niedrigeren Löhnen und Gehältern einstellen müssen. Im Notfall seien sogar betriebsbedingte Kündigungen denkbar. Und wer neu bei dem Unternehmen einsteigt, muss mit Gehältern unter dem bisherigen Niveau vorliebnehmen.

"Dienstleistungen sind zu teuer"

"Dienstleistungen sind zu teuer"

Dass derartige Sparmaßnahmen notwendig sind, darin sind Analysten sich einig. "Ein wesentliches Problem der Telekom besteht darin, dass Dienstleistungen viel zu teuer sind", sagte Frank Rothauge von Sal. Oppenheim gegenüber manager-magazin.de. "Die Ausgliederungen sind ein erster Schritt, um auf marktgerechte Kosten zu kommen."

Einige Analysten hätten sich gewünscht, dass statt Ausgliederungen Entlassungspläne verschärft würden, räumt Theo Kitz von der Privatbank Merck Finck ein. Er sei allerdings nicht dieser Ansicht: "So wie es jetzt geplant ist, ist es schon schwer genug für Herrn Obermann", so Kitz, "es wird den ein oder anderen Kompromiss geben müssen". Denn für Konzernchef Obermann bahnt sich ein gewaltiger Konflikt mit der Gewerkschaft Verdi an, die die Pläne bislang ablehnt. Analyst Kitz könnte sich als Entgegenkommen Obermanns etwa eine Verlängerung der Beschäftigungsgarantien vorstellen, die 2008 auslaufen.

Unter dem Strich will die Deutsche Telekom jährlich bis zu 900 Millionen Euro sparen, alle anderen Sparideen eingerechnet sollen es am Ende der Dekade bis zu 4,7 Milliarden Euro weniger Kosten sein als heute. "Kein Unternehmen ist langfristig erfolgreich, wenn es in seinem Heimatmarkt nicht stark ist", sagte Obermann zur Begründung. "Und wir haben längst keine Alternative mehr. Wir müssen jetzt reagieren, um das Unternehmen langfristig wettbewerbsfähig zu machen."

Damit allerdings war sein Auftritt auf großer Bühne noch lange nicht beendet. Mit energischer Stimme und entschlossenen Gesten skizzierte er das Auslandsgeschäft der Telekom, mit dem das Unternehmen in der Vergangenheit oft mehr verdiente als hierzulande.

"Wir möchten unsere Expertise nutzen, um im Mobilfunk unter Berücksichtung strikter, wirtschaftlicher Kriterien gegebenenfalls auch durch Zukäufe zu wachsen", sagte Obermann - und kündigte damit an, dass die Telekom bald wieder andere Firmen übernehmen möchte. Selbst einzelne, größere Zukäufe schloss Obermann nicht aus, womöglich in wachstumsstarken Auslandsmärkten, in denen der Konzern bisher noch nicht vertreten ist. Zuletzt wurde ihm allerdings Interesse an Orange Holland nachgesagt, einer Tochter der France Telecom.

Ausland als letzte Wachstumschance

Ausland als letzte Wachstumschance

Aus Analystensicht hat Obermann gar keine andere Wahl, als sich neue Quellen im Ausland zu erschließen. "Im Inland dreht sich alles nur noch um Kostensenkungen", erklärt Kitz, "nennenswerte Gewinnsteigerungen können hier nicht mehr erzielt werden." Der Blick über die Landesgrenzen zeigt: Auch Konkurrenten - wie zuletzt das holländische Unternehmen KPN - sind gut mit der Strategie gefahren, Umsatzverluste durch Zukäufe im Ausland zu kompensieren.

Das nötige Geld für Akquisitionen will die Deutsche Telekom durch den Verkauf bestehender Beteiligungen zusammenbekommen. Auf dem Verkaufszettel befinden sich die Tochter Media & Broadcast, ein Dienstleister für die Medienindustrie, sowie die Festnetztöchter in Spanien und Frankreich. Geprüft werde zudem die Veräußerung von Funktürmen in den USA und Deutschland sowie der Verkauf der verbliebenen Anteile an der Immobilientochter Sireo, sagte Telekom-Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick.

Der Mann hat mit so etwas Erfahrung. In den vergangenen Jahren hat die Telekom bereits Beteiligungen im Wert von 25 Milliarden Euro verkauft, nun sollen mindestens drei Milliarden Euro hinzukommen. Nach Expertenmeinung sind die nun zum Verkauf gestellten Beteiligungen allerdings viel mehr wert.

"Der Unterschied zu den früheren Beteiligungsverkäufen ist, dass wir das Geld daraus in der Vergangenheit vor allem zum Verschuldungsabbau gebraucht haben. Jetzt sind unsere Bilanzen wieder in Ordnung, deshalb können wir das Geld aus den jetzt anstehenden Veräußerungen für Zukäufe ausgeben", sagte Eick.

Für Aufsehen sorgte zudem Obermanns Ankündigung, für die Geschäftskundensparte T-Systems suche die Telekom einen oder mehrere strategische Partner. Allein sei T-Systems in zu wenigen Auslandsmärkten vertreten, um eine gute Zukunft zu haben. "Wichtig ist uns, dass T-Systems zusammen mit einem oder mehreren Partnern zu einem globalen Spieler aufsteigt. Und das unabhängig davon, ob wir die Führung an dem neuen Unternehmen behalten", sagte T-Systems-Chef Lothar Pauly.

Unter besonderen Erfolgsdruck hat Obermann allerdings vor allem die Festnetzsparte T-Com des Konzerns gesetzt, die im vergangenen Jahr mehr als zwei Millionen Kunden verlor - und von der Telekom-Chef Obermann fürchtet, dass es im laufenden Jahr noch einmal so viele Kunden von Deutschlands bedeutendstem Telekommunikationsunternehmen wegziehen wird.

"Richtig verdienen kann man so nicht"

"Richtig verdienen kann man so nicht"

Mit einem vereinfachten Markenauftritt, einer neuen Medienplattform und einem verbesserten Service will Obermann nun Kunden zurückgewinnen. Kernpunkt der neuen Strategie ist unter anderem ein Zwei-Marken-Auftritt, mit dem die Telekom auch preisbewusste Kunden gewinnen möchte. T-Home wird dabei künftig für Angebote zu Hause stehen und T-Mobile für Angebote unterwegs.

"Bisher war es so", sagte Obermann, "dass sich zu wenige Menschen an unsere vielen Einzelmarken erinnern können, obwohl wir pro Jahr mehrere hundert Millionen Euro für Reklame ausgeben. Deswegen wollen wir die Markenvielfalt drastisch reduzieren."

Die hohen Marketingausgaben konnten im abgelaufenen Quartal ebenfalls nicht verhindern, dass die Telekom wegen der Belastungen durch den Personalabbau in die Verlustzone rutschte. Der Fehlbetrag beläuft sich auf 898 Millionen Euro nach einem Überschuss von 991 Millionen Euro im Jahr zuvor. Die Telekom sollen bereits bis Ende kommenden Jahres 32.000 Mitarbeiter verlassen, was nach Angaben von Finanzvorstand Eick zu Belastungen von 3,4 Milliarden Euro führt.

Die Analysten bleiben dennoch skeptisch - insbesondere, was die Pläne für eine eigene Billigmarke für Festnetz und Mobilfunk anbelangt, die bereits im Sommer an den Start gehen soll. "Ich verstehe zwar, dass man die Zielgruppe der unter 20-Jährgen gesondert ansprechen will", sagt Merck-Finck-Analyst Kitz. "So richtig verdienen kann man damit aber nicht. Besser wäre die Strategie, sich auf Kunden mit hohem Margenpotenzial zu beschränken."

Bei T-Online gibt es bereits einen Billig-Ableger, der preisbewussten Kunden günstige Internettarife bereithält. Doch dieser Versuch, so Rothauge von Sal. Oppenheim, sei "dilettantisch durchgeführt" worden. "Ich bin gespannt, ob Obermann das jetzt besser macht."