Tarifkonflikt Im Land der Illusionen

Frühjahr 2007 – die Zeit der Tarifverhandlungen. Dieses Mal soll es für die Arbeitnehmer kräftige Aufschläge geben. Es wäre ein schwerer Fehler: Deutschland ist wieder einmal dabei, die weltwirtschaftlichen Realitäten auszublenden.
Von Wolfgang Kaden

So viel Einigkeit war selten. Wirtschaftsminster Michael Glos machte den Anfang ("Gutes Geld für gute Arbeit"), andere folgten. Christ- wie Sozialdemokraten sind sich einig: Es ist Zeit für kräftige Lohnerhöhungen. Sekundiert von meinungsführenden Medien – "Stern": "Schluss mit traurig" – ermuntern die Regierenden in Berlin die Gewerkschaften, dieses Mal bei der Tarifrunde kräftig zuzulangen. Nach Jahren der Zurückhaltung sei nun endlich der Zeitpunkt gekommen, für mehr Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen.

Widerworte wagt kaum einer zu artikulieren. Sie sind in einer Zeit, in der nahezu täglich namhafte Konzerne über Rekordgewinne berichten, mit dem Ruch des politisch ganz und gar Unkorrekten behaftet. Eher pflichtgemäß und mit gedämpfter Tonlage versuchen nur die Arbeitgeberverbände gegenzuhalten.

Ein robuster Konjunkturaufschwung und eine leicht verbesserte internationale Wettbewerbsfähigkeit reichen offenbar aus, reihum die Hirne zu vernebeln. Offenkundig sind die grausamen Lektionen unaufhaltsam nach oben steigender Arbeitslosigkeit ohne Lerneffekt geblieben. Nach ein paar Jahren aufgezwungener Enthaltsamkeit soll die Party ständiger Einkommenssteigerungen nun weitergehen. Die IG Metall gibt mit ihren 6,5 Prozent die Taktzahl vor.

Die Party wird nicht weitergehen. Dies vorauszusagen bedarf es nicht eines Übermaßes an analytischem Scharfsinn. Wenn die Gewerkschaften deutliche Aufschläge bei den Preisen für die Arbeit durchsetzen, wird dies zumindest auf mittlere Sicht Folgen für die Nachfrage nach Jobs haben. Die traurigen Erfahrungen der 90er dürften doch die letzten Zweifel beseitigt haben, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Arbeitskosten und Beschäftigung gibt. Mit überhöhten Löhnen und hohen Sozialabgaben haben wir hierzulande Millionen Arbeitsplätze vernichtet.

Nach wie vor sind, beispielsweise, die Arbeitnehmer in der Metallindustrie die bestbezahlten der Welt, gleichzeitig auch die mit der kürzesten Arbeitszeit. Nach wie vor klafft zwischen den Löhnen dieses Landes und denen in Osteuropa – gar nicht zu reden von Indien oder China – eine riesige Lücke. Nach wie vor wird hierzulande eher zurückhaltend investiert, auch wenn sich der Trend glücklicherweise zuletzt gewendet hat.

Im Rausch des "Exportweltmeisters"

Im Rausch des Titels "Exportweltmeister"

Die Einmütigkeit über deftige Einkommenssteigerungen erweckt den Eindruck, als hätte diese Gesellschaft immer noch nicht verstanden, welch dramatischen Veränderungen sich für Deutschland aus den weltwirtschaftlichen Umwälzungen ergeben. Es ist ein grandioser Irrtum, zu glauben, hierzulande könnten die Einkommen wie in früheren Jahrzehnten regelmäßig angehoben werden, in den gleichen ritualisierten Tarifrunden wie in den goldenen 60ern und 70ern.

Damals war Deutschland fast so etwas wie ein geschlossener Markt, die Gewerkschaften besaßen ein Monopol auf die Ware Arbeit. Heute ist dieser Markt radikal liberalisiert, deutsche Arbeitnehmer konkurrieren direkt mit denen in Polen oder in Korea. Ende der 80er und in den 90er Jahren glaubte Deutschland, diese Herausforderung mit einem lässigen "Weiter so!" ignorieren zu können.

Gewerkschaftspower und allzu nachgiebige Arbeitgeberverbände sorgten für weiterhin steigende Einkommen, als längst schon Mäßigung nötig gewesen wäre; opportunistische Politiker nährten unvermindert die Illusion, der Sozialstaat könne immer noch fetter werden. Deutschland galt bei ausländischen Beobachtern als Land mit "verbreiteter Realitätsverweigerung" ("Schweizer Monatshefte").

Das Ergebnis ist bekannt: Die Arbeitslosigkeit stieg auf früher nie für möglich gehaltene fünf Millionen; die Staatsverschuldung – bestes Indiz für die Anspruchsinflation – geriet außer Kontrolle. Deutschland fiel im Wettbewerb der Nationen immer weiter zurück.

All das scheint derzeit vergessen, obwohl doch das Maßhalten bei den Arbeitskosten in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts einiges gebracht hat, in der Metallindustrie kamen 2006 immerhin 30.000 neue Jobs hinzu. Ein kleiner Erfolg, aber längst noch nicht genug.

Das Land berauscht sich am Titel des "Exportweltmeisters" und übersieht Wesentliches: Rund 40 Prozent des exportierten Warenwerts stammen von importierten Vorleistungen – Audi-Motoren beispielsweise, die in Ungarn zusammengeschraubt und in die Montage nach Ingolstadt verfrachtet werden. Vor 15 Jahren lag dieser Importanteil deutscher Exporte erst bei knapp 27 Prozent. Jede weite Verteuerung von Arbeit in diesem Land wird dazu führen, dass dieser ausländische Beitrag zu den schönen deutschen Ausfuhren weiter anschwillt – Arbeitsplätze mithin jenseits der deutschen Grenzen verlagert werden.

Bewährtes Mittel Gewinnbeteiligung

Gewinnbeteiligungen als bewährtes Mittel

Gewiss, der Anteil der Arbeitnehmer am Sozialprodukt ist in den vergangenen Jahren kräftig gesunken. Doch das ist keine deutsche Besonderheit. Der amerikanische Ökonom Paul A. Samuelson sagte unlängst in einem SPIEGEL-Gespräch, er glaube, "dass sich in der globalen Welt bei der Einkommensverteilung die Trennung zwischen der oberen Hälfte und der unteren verschärft". Es ist unmöglich, diesen Trend im nationalen Alleingang umzukehren.

Fraglos wecken die hohen Gewinne, die derzeit allerorten stolz vermeldet werden, Begehrlichkeiten. Es ist auch tatsächlich nicht einzusehen, dass von diesen Erfolgen nur die Kapitaleigner profitieren sollen. Doch um dies zu bewerkstelligen, bedarf es keiner überhöhten Aufschläge auf die Einkommen, die für die Unternehmen zu dauerhaften Kosten werden.

Gewinnbeteiligungen sind ein bewährtes Mittel, um Mitarbeiter am Unternehmensergebnis zu beteiligen – ohne langfristige Schäden für die Beschäftigung. Dringend geboten wäre überdies, dass den vielen Worten über eine höhere Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen endlich Taten folgten.

Richtig ist auch: Die Raffgier, die viele Topmanager ungeniert ausleben, macht es nicht einfacher, den Arbeitnehmern Einsicht in die ökonomischen Zwänge abzuverlangen. Wer so dreist zulangt, wie viele unserer Unternehmensfürsten, besitzt keine moralische Autorität, den Mitarbeitern Bescheidenheit nahezulegen. Seit Jahren aber steigen die Vorstandsbezüge mit zweistelligen Prozentsätzen – in Dimensionen, die jeden Bezug zur Leistung und zum persönlichen Risiko verloren haben.

Vielleicht ist dies der Grund, warum aus den Konzernzentralen keine mahnenden Stimmen Richtung Gewerkschaften und Arbeitnehmer zu hören sind. Allerdings gibt es auch noch ein anderes Motiv für die Zurückhaltung: Dem Topmanagement, längst in globalen Dimensionen denkend, ist es inzwischen ziemlich gleichgültig, ob für die deutsche Belegschaft nun 3 oder 5 Prozent dazukommen. Sie wissen aus jahrelanger Erfahrung: Wenn die Arbeit hierzulande zu teuer ist, dann wird sie eben woanders eingekauft. Da, wo sie bezahlbar ist.

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