Daimler-Aktie Kursfantasie mit Beigeschmack

Die Deutsche Bank hat ihr Kursziel für DaimlerChrysler von 54 auf 73 Euro angehoben. Solche ambitionierten Kursziele stoßen vielen Aktionären sauer auf: Schon einmal hat die Deutsche Bank eine Kursrally bei DaimlerChrysler dazu genutzt, um 35 Millionen Daimler-Aktien zu verkaufen.

Die neue Begeisterung der Deutschen Bank für die Aktie von DaimlerChrysler hat einen schalen Beigeschmack. Um schlanke 35 Prozent haben die Analysten von Deutschlands größtem Geldhaus das Kursziel von DaimlerChrysler  erhöht: Mit einem Ziel von 73 Euro sind sie ihren Kollegen von Merryll Lynch und Citigroup, die für die Aktie ein Potenzial zwischen 55 und 60 Euro sehen, weit enteilt.

Ein neuer Optimismus für das Papier mag fundamentale Gründe haben. Die verschärften Sanierungspläne für Chrysler und Spekulationen über eine mögliche Abspaltung wecken Fantasien. Analysten folgen, ebenso wie Anleger, zudem gern dem breiten Trend: Am Donnerstag Mittag zog auch Dresdner Kleinwort (DKIB) mit einem Daimler-Kursziel von 65 nach.

Dass aber ausgerechnet die Deutsche Bank  das höchste Kursziel setzt, irritiert dann doch. Deutschlands größtes Geldhaus besitzt noch immer ein DaimlerChrysler-Aktienpaket im Wert von mehr als zwei Milliarden Euro, und Konzernchef Josef Ackermann hat seiner klaren Maßgabe, Industriebeteiligungen abzubauen und zu günstigen Gelegenheiten zu versilbern, immer wieder Taten folgen lassen.

35 Millionen Aktien nach Schrempp-Rücktritt verkauft

28. Juli 2005: Die Aktie von DaimlerChrysler steigt nach dem angekündigten Rückzug von Konzernchef Jürgen Schrempp innerhalb weniger Stunden um rund 10 Prozent. Mitten in diese Kursrally hinein verkauft die Deutsche Bank 35 Millionen DaimlerChrysler-Aktien und senkt ihren Anteil von 10,4 auf 6,9 Prozent. Seitdem hat die Deutsche Bank ihren Anteil weiter eingedampft, Ende 2006 standen noch 4,4 Prozent an DaimlerChrysler in den Büchern.

Dass Ackermann sich von Industriebeteiligungen trennt, um seine ehrgeizigen Renditeziele zu erfüllen, ist ihm nicht vorzuwerfen. Der Schwerpunkt liegt inzwischen beim Investmentbanking, und die Steuergeschenke von Rot-Grün, die den Konzernen beim Heben ihrer stillen Reserven weitgehende Steuerfreiheit zusicherten, hatten schon vor Jahren eine Schlussverkaufstimmung in der deutschen Wirtschaft aufkommen lassen.

In den vergangenen zwei Jahren hat Ackermann den Beteiligungsverkauf noch einmal verschärft, und es ist davon auszugehen, dass weitere Verkäufe, auch bei DaimlerChrysler, folgen.

Weitere Daimler-Verkäufe dürften folgen

Trotz des Ausverkaufs: Die Beteiligung an DaimlerChrysler ist vor den Anteilspaketen an der Allianz (2,2 Prozent), Linde (7,8 Prozent) und Fiat (0,8 Prozent) noch immer die wertvollste Industriebeteiligung der Deutschen Bank. Rund 2,1 Milliarden Euro war das Daimler-Aktienpaket Ende 2006 wert: Durch den Kursanstieg der Aktie seit Jahresbeginn dürfte sich der Wert allein in den vergangenen sechs Wochen um mehr als 300 Millionen Euro erhöht haben: Mit jedem Euro, den der Kurs der DaimlerChrysler-Aktie weiter steigt, erhöht sich der Wert der zu hebenden stillen Reserve um weitere 45 Millionen Euro.

Dass die Analyseabteilung der Deutschen Bank sich hinsichtlich des Kursziels der Aktie so weit aus dem Fenster lehnt, ist bemerkenswert - auch wenn man Deutschlands führendem Finanzinstitut unterstellen darf, dass die "Chinese Walls" funktionieren und es tatsächlich keinen Austausch zwischen Research- und Handelsabteilung gibt.

Anleger sollten sich dennoch bewusst sein, dass diejenigen, die hier am lautesten eine Kursrally beschwören, bald selbst auf der Verkäuferseite stehen könnten. Es wäre lediglich die Fortsetzung einer konsequent betriebenen Strategie.

Je länger sich die Kursrally bei DaimlerChrysler fortsetzt, umso wahrscheinlicher wird ein weiterer Anteilsverkauf. Die Deutsche Bank dürfte nicht zögern, DaimlerChrysler-Aktien auch unterhalb ihres selbst gesetzten Kursziels zu verkaufen.

Ein Imagedebakel wie im Sommer 2001 darf sich die Deutsche Bank jedoch nicht erlauben. Damals hatte die Deutsche Bank in einer Studie die Papiere der Deutschen Telekom zum Kauf empfohlen - und verkaufte kurz darauf 44 Millionen T-Aktien.

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