Abschied von Chrysler "Dann greift Toyota bei Daimler zu"

Eine schnelle Trennung von der US-Sparte Chrysler brächte für DaimlerChrysler hohe Risiken. Analysten gehen davon aus, dass die Sanierungsarbeit bei Chrysler erst einmal weitergeht - doch das muss nicht das Ende sein. Die Aktie brummt.

Hamburg - DaimlerChrysler  greift bei seiner defizitären US-Tochter Chrysler hart durch. So sollen unter anderem bis 2009 in den USA 13.000 Stellen gestrichen werden. Zugleich hält sich der Konzern "weitere stratgische Optionen" offen. "Dabei schließen wir keine Option aus", sagte Vorstandschef Dieter Zetsche am Mittwoch.

Eine kurzfristige Trennung von Chrysler, sei es nun durch Verkauf oder über einen Börsengang, halten Analysten allerdings für unwahrscheinlich. "Ein Abschied von Chrysler wäre auch eine Niederlage für Konzernchef Dieter Zetsche - schließlich hat Zetsche sich in den vergangenen Jahren selbst um die Sanierung von Chrysler gekümmert", erklärt unter anderem Uwe Treckmann, Analyst von der Dresdner Bank, im Gespräch mit manager-magazin.de.

Daher dürfte Zetsche dem jetzigen Chrysler-Chef Tom LaSorda noch ein wenig Zeit geben, die Sanierungsarbeit fortzuführen - allerdings mit klaren Vorgaben, die binnen kurzer Zeit erreicht werden müssen. "Das Klima bei Chrysler ist frostiger geworden", sagt Treckmann. "Doch die Sanierung dürfte unter verschärften Vorgaben erst einmal weitergehen."

Abspaltung als Drohszenario

Die Diskussionen um eine mögliche Abspaltung der US-Sparte sei auch ein wichtiges Drohszenario gegenüber der amerikanischen Gewerkschaft UAW. "Die Gewerkschaft muss Chrysler Zugeständnisse machen, wie sie bereits gegenüber GM  und Ford  Zugeständnisse gemacht hat", sagt Treckmann. Es gehe darum, der Arbeitnehmervertretung vor allem mit Blick auf die hohen Gesundheitskosten und Pensionslasten den Ernst der Lage klarzumachen und sie für den Sanierungskurs zu gewinnen.

Einen kurzfristigen Verkauf von Chrysler hält der Experte der Dresdner Bank für unwahrscheinlich. "Wer soll Chrysler kaufen? Mit den aktuell hohen Überkapazitäten und der verfehlten Modellpolitik ist Chrysler für andere Autohersteller derzeit wenig attraktiv", urteilt Treckmann wie andere Analysten auch. Als Käufer kämen nach seiner Ansicht höchstens eine Gruppe von Private-Equity-Fonds infrage, die mit einer solchen Transaktion jedoch ein "extrem hohes Risiko" eingingen.

Chrysler als Schutz vor Übernahmen

Die Ausgliederung in Form eines Börsengangs würde DaimlerChrysler auch nicht weiterbringen. Brächte der Konzern zum Beispiel 30 Prozent von Chrysler an die Börse, bliebe Chrysler noch immer in der Bilanz des Autobauers - der Nutzen sei damit sehr überschaubar. Da sei es schon einfacher, Investoren aus dem Bereich Private Equity und nicht am breiten Markt zu suchen.

Selbst wenn eine Ausgliederung von Chrysler gelänge, brächte sie DaimlerChrysler  sogleich das nächste Problem ein, meint Treckmann. Derzeit sei die defizitäre US-Tochter als Poison Pill ein guter Schutz vor Übernahmen: "Wenn Daimler sich von Chrysler verabschiedet, sind die Chancen hoch, dass Toyota  bei Daimler zugreift", meint Treckmann. Für den hoch profitablen japanischen Autobauer sei ein von Chrysler befreiter, deutscher Premiumhersteller ein höchst interessantes Übernahmeziel. "Dies alles spricht dafür, dass Daimler der US-Sparte noch Zeit gibt - auch im eigenen Interesse", so Treckmann.

Was eine Sanierung bringen müsste

Sanierung muss bis zu 2,5 Milliarden jährlich bringen

Auch Autoanalyst Marc-René Tonn geht davon aus, dass DaimlerChrysler  vorerst an seiner defizitären Tochter festhalten wird. Eine Sanierung von Chrysler müsste allerdings eine erhebliche Kostensenkung erbringen. Unter dem Strich, rechnet der Analyst von M.M. Warburg vor, sollten die Kosten bei einer nachhaltigen Sanierung jährlich um 2,3 bis 2,5 Milliarden Dollar fallen. Zur Diskussion stand in diesem Kontext ursprünglich die Schließung der beiden Chrysler-Werke in Newark und Saint Louis North. Tatsächlich aber wird nach den am Mittwoch vorgelegten Plänen zunächst nur das Werk in Newark geschlossen.

Widerstand gegen stärkere Kooperation mit Mercedes

Darüber hinaus könnten die Produktionskosten durch günstigere neue Zulieferer und eine engere Kooperation mit der Mercedes Car Group oder einem anderen Autobauer gesenkt werden. Gegen eine intensivere Zusammenarbeit mit Mercedes - etwa bei der Entwicklung kleinerer Autos wie auch bei Geländewagen - hatte es zuletzt Widerstände bei Mercedes selbst gegeben. Tenor der Kritik: Die Marke Mercedes könnte beschädigt werden, wenn den Kunden klar werde, dass sie Mercedes-Qualität auch zu Chrysler-Preisen bekommen könnten. "Das ist ein nicht zu unterschätzendes Risiko", sagt Analyst Tonn. Die Kritik scheint man in der Konzernspitze ernst zu nehmen. Die Kooperation zwischen Mercedes und Chrysler soll nicht weiter ausgebaut werden, hieß es am Mittwoch.

Die Gesundheitskosten müssen runter

Eine weitere Option wäre, die Gesundheitsfürsorgekosten für die derzeit noch rund 80.000 Chrysler-Beschäftigten zu senken. 400 bis 500 Millionen Dollar Einsparpotenzial seien hier denkbar, sagt der Experte von M.M. Warburg. Das allerdings ist nicht sicher, Verhandlungen mit den Chrysler-Mitarbeitern stehen noch aus. Zudem habe bereits das Beispiel des US-Konkurrenten Ford gezeigt, dass die Bereitschaft der Gewerkschaftsmitglieder, hier nachzugeben, äußerst gering ist. Ford hat für das abgelaufene Geschäftsjahr einen Verlust von 12,7 Milliarden Dollar ausgewiesen.

"Chinesen könnten dann gleich Ford kaufen"

"Chinesen könnten dann gleich Ford kaufen"

Einen Verkauf der defizitären US-Tochter Chrysler schließt der Konzern zwar grundsätzlich nicht aus. Doch auch Analyst Tonn hält diesen Schritt in naher Zukunft für "relativ unwahrscheinlich". Nach Ansicht des Experten käme derzeit ohnehin eigentlich nur ein chinesischer Hersteller als Käufer infrage. Ohne die Verbindlichkeiten für Gesundheits- und Pensionszusagen an die Mitarbeiter, die Daimler weiter bilanzieren müsste, ließe sich dann womöglich ein Preis von maximal bis zu 13 Milliarden Dollar erzielen.

Gleichwohl stelle sich die Frage, was ein chinesischer Hersteller mit einem Autobauer anfangen soll, dessen Modelle sich vor allem auf dem US-Markt verkaufen, wo doch mit Ford zugleich ein weltweit agierender Konzern für bereits etwa 16 Milliarden Dollar zu haben wäre. Ford müsste dann eigentlich die erste Wahl sein. "Ein Käufer würde mit Ford zudem einen ganzen Strauß interessanter Marken übernehmen", meint Tonn.

Kooperation mit Renault/Nissan würde reichen

Ford  selbst und General Motors  kämen als möglicher Käufer von Chrysler nicht in Betracht. "Die haben genügend eigene Probleme", sagt der Analyst von M.M. Warburg. Auch der immer wieder ins Spiel gebrachte Konzern Renault/Nissan unter Führung von Carlos Ghosn scheide nach Einschätzung des Experten als Käufer aus. Renault  könne zwar im Bereich der zusehends gefragten Kleinwagen Chrysler auf die Sprünge helfen. Dies ließe sich aber auch über eine Kooperation lösen. Nissan  wiederum sei bereits auf dem US-amerikanischen Markt vertreten und kenne die dortigen Spielregeln. "Nissan weiß, dass ein Teil seines Erfolgs eben auf der Schwäche der US-Konkurrenten basiert", sagt Tonn.

"Börsengang ist die schlechteste Alternative"

Die mögliche Abspaltung Chryslers über einen Börsengang bewertet der M.M.Warburg-Analyst als "die schlechteste Alternative". Während bei einem Verkauf etwa an Renault/Nissan die Verbindlichkeiten an den neuen Besitzer noch weitergereicht werden könnten, blieben sie bei einem Börsengang bei Chrysler in der Bilanz stehen.

Zudem müsste Chrysler US-amerikanischem Börsenrecht zufolge nach dem IPO die nächsten fünf Jahre mit frischem Kapital ausgestattet werden. "Allein das dürfte rund zehn Milliarden Dollar kosten", sagt Tonn. Zudem sei nach einem Börsengang eine Insolvenz von Chrysler nicht auszuschließen, glaubt der Analyst von M.M. Warburg. Der Blick auf die operativen Ergebnisse der vergangenen Jahre stimme ihn jedenfalls sehr skeptisch.

HVB: Restrukturierung könnte der erste Schritt sein

Eine schnelle Trennung von Chrysler erwartet auch HVB-Analyst Georg Stürzer nicht. Die angekündigte Restrukturierung der US-Sparte könnte jedoch der erste Schritt sein, um das Unternehmen attraktiver für eine mögliche Kooperation mit anderen Autoherstellern oder einen möglichen Börsengang zu machen.

"Die Restrukturierung von Chrysler muss bereits kurzfristig zu einer Verbesserung der Gewinnsituation führen - spätestens bis 2008", meint Stürzer. All dies sei positiv für den Aktienkurs, sodass man für DaimlerChrysler  aktuell ein Kursziel von 55 Euro setze.