Konjunktur "Wir können das Wachstum nicht halten"

Der Konjunkturboom in Deutschland erhält in diesem Jahr einen spürbaren Dämpfer, sagt Deutsche-Bank-Volkswirt Stefan Bielmeier. Im Interview mit manager-magazin.de erklärt er, warum die Wirtschaft 2008 und 2009 wieder stärker wächst - und wann der nächste Abschwung droht.

mm.de: Das Statistische Bundesamt hat heute nachträglich die Wachstumsziffer für 2007 nach oben korrigiert. Warum entwickelte sich die deutsche Wirtschaft besser als erwartet?

Bielmeier: Das lag wohl vor allem daran, dass sich die deutschen Ausfuhren besser als erwartet entwickelt haben. Der Exportsektor hat von einer sehr dynamischen weltweiten Nachfrage profitiert - diese starke Entwicklung war überraschend.

mm.de: Warum?

Bielmeier: Im vierten Quartal hatte es Anzeichen einer leichten Abkühlung der Weltkonjunktur gegeben. Das hat sich aber in Deutschland überhaupt nicht widergespiegelt. Es scheint, dass die deutsche Exportwirtschaft weitere Marktanteile im Euroland, aber auch weltweit, hinzugewonnen hat. Das ist Zeichen einer hohen Wettbewerbsfähigkeit.

mm.de: Lässt die starke Entwicklung im vergangenen Jahr auch Rückschlüsse für 2007 zu? Hält der Boom an?

Bielmeier: Da bin ich eher pessimistisch. Die Prognose der Deutschen Bank liegt derzeit bei 1 Prozent Wachstum. Der Aufschwung wird 2007 in Deutschland eine kleine Pause einlegen. Das liegt zum einen am Mehrwertsteuereffekt, auch wenn er momentan noch nicht so deutlich spürbar ist. Man sieht bereits, dass die Autozulassungen deutlich zurückgegangen sind. Auch das Handwerk klagt über nachlassende Auftragseingänge.

Zum anderen gehen wir bei der Deutschen Bank davon aus, dass das Wachstum der Weltwirtschaft an Dynamik verliert. Insgesamt wird die Konjunktur in Deutschland nachlassen, aber nur vorübergehend. Im zweiten Halbjahr sollte sich das Wachstum schon wieder leicht beschleunigen. Für 2008 erwarten wir dann erneut Wachstumsraten, die über denen von 2007 liegen.

mm.de: Ist die Prognose von 1 Prozent Wachstum nicht etwas pessimistisch? Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag beispielsweise geht von 2 Prozent aus.

Bielmeier: 2006 war ein sehr starkes Jahr. Seit 1992 hatten wir nur einmal ein stärkeres Wachstum, das war im Jahr 2000. Ich glaube nicht, dass wir dieses hohe Wachstum auf Dauer beibehalten können. Angesichts der heutigen Daten gibt es jedoch gewisse Aufwärtsrisiken für unsere Prognose.

"2010 wird der Abschwung spürbar"

mm.de: Warum schwächelt die Weltwirtschaft?

Bielmeier: Das liegt vor allem an den USA, wo nur noch ein Wachstum von 2 Prozent zu erwarten ist - nach 3,4 Prozent im Vorjahr. Gut 20 Prozent der Weltexporte werden von den Amerikanern importiert. Von einem Nachlassen der amerikanischen Wirtschaft ist der deutsche Exportsektor also erheblich betroffen. Crash-Szenarien sind für die US-Ökonomie jedoch nicht sehr wahrscheinlich.

mm.de: Wie sieht der langfristige Trend aus? Bleibt das Wirtschaftswachstum - nach der Delle im ersten Halbjahr 2007 - konstant?

Bielmeier: Ich denke schon. Wir haben in den letzten Jahren stark an unserer Wettbewerbsfähigkeit gearbeitet. Das zeigte sich in der ausgeprägten Lohnzurückhaltung, aber auch an den Restrukturierungsmaßnahmen. Im Jahr 2006 haben wir die Früchte dieser Arbeit geerntet. Dieser Prozess kann noch eine Weile andauern, wenn auch in abgeschwächter Form. Auch in den Jahren 2008 und 2009 können wir über Potenzial wachsen. Das von uns errechnete Wachstumspotenzial liegt bei rund 1,5 Prozent. Die strukturellen Grundlagen für ein robustes Wachstum sind gelegt.

mm.de: Wann wird sich die Konjunktur deutlich eintrüben?

Bielmeier: Ich gehe davon aus, dass wir in den Jahren 2009 oder 2010 wieder Anzeichen für eine nachlassende Konjunktur sehen werden. 2010 und 2011 wird der Abschwung dann deutlich spürbar. Das liegt an den globalen Wachstumszyklen, die in diesen Jahren wohl an Schwung verlieren werden.

mm.de: Gewerkschaften fordern angesichts der starken Wirtschaftsentwicklung höhere Löhne. Könnte dadurch die Binnennachfrage angekurbelt werden?

Bielmeier: Dieses Argument zielt auf einen kurzfristigen Effekt. Man stärkt die Kaufkraft vorübergehend. Bei zu hohen Abschlüssen würde aber die neu gewonnene Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen langfristig gefährdet. Der internationale Wettbewerbsdruck ist sehr hoch. Wenn die Arbeitskosten zu stark steigen, sind die Arbeitgeber zu weiteren Rationalisierungen gezwungen. Durch zu hohe Lohnabschlüsse könnte die Arbeitslosigkeit wieder ansteigen.

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