Eon/Endesa Strom für die Welt

Eon muss wohl nicht mehr lange warten, bis der spektakulärste Erfolg in der Firmengeschichte zu verzeichnen ist: der Kauf des Konkurrenten Endesa und der Aufstieg zum weltgrößten Stromkonzern. Allerdings zum atemberaubenden Preis von 41 Milliarden Euro. Die neue Übernahmewelle lässt auch die Wettbewerbshüter nach Luft ringen.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Deutschlands größtes Energieunternehmen etabliert sich in der Beletage der Energieversorger: Eon  steht kurz davor, beim spanischen Konkurrenten Endesa  einzusteigen - und das im großen Stil.

Das Management des iberischen Unternehmens um Rafael Miranda wird nach Informationen der Zeitung "Expansion" heute zu der Kaufofferte der Düsseldorfer Stellung nehmen und das milliardenschwere Übernahmeangebot insgesamt gutheißen. Damit würde sich jenes Gezerre um Spaniens größten Stromkonzern dem Ende nähern, das zu einer Staatsaffäre in dem südeuropäischen Staat geworden ist.

Die spanische Regierung um Minsiterpräsdient Rodríguez Zapatero brach sogar absichtlich europäische Wirtschaftsgesetze, um die Eigenständigkeit der spanischen Firma zu sichern. Mittlerweile ist klar: Die spanische Regierung hat den Kampf mit den Juristen der Europäischen Kommission schneller verloren als sie es vielleicht selbst erwartet hat. Und Eon wird wohl doch zum weltgrößten Energieversorger aufsteigen - wenn die Endesa-Übernahme nicht noch im letzten Moment scheitert.

Das scheint jetzt allerdings nur noch eine Frage des Geldes zu sein. Eon bietet 38,75 Euro in bar für alle 1,059 Milliarden Endesa-Aktien, insgesamt also die atemberaubende Summe von 41 Milliarden Euro. Das sind noch einmal zwölf Milliarden Euro mehr als das deutsche Staatsdefizit im vergangenen Jahr ausgemacht hat - und das Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) nicht glaubt, in den nächsten ein, zwei Jahren ausgleichen zu können.

Die Summe ist dann auch für Eon ein gewaltiger Brocken. Das Düsseldorfer Unternehmen bietet für Endesa schließlich gleich mehr als die Hälfte seines eigenen Börsenwerts in Höhe von derzeit 75,4 Milliarden Euro.

Das ist auch für deutsche Verhältnisse viel, denn Eon ist nicht nur das wertvollste börsennotierte Unternehmen der Bundesrepublik, noch um einige hundert Millionen Euro teurer als der Mischkonzern Siemens ; die Münchener waren in den vergangenen Wochen kurzzeitig an Eon in dieser Rangliste vorbeigezogen und hatten sogar im Dax eine höhere Gewichtung als der nordrhein-westfälische Energieversorger erreicht.

Wertvoller als der gesamte ATX

Wertvoller als der gesamte ATX

Vielmehr sorgt Eons Kaufangebot für Endesa und die eigene Börsenkapitalisierung sogar im europäischen Vergleich für Aufsehen: Das einzelne Düsseldorfer Unternehmen ist heute auf dem Wertpapiermarkt deutlich mehr wert als alle 20 großen Unternehmen Österreichs zusammen, deren Aktien im Vorzeigeindex ATX der Wiener Börse zusammengefasst sind. Denn die ATX-Unternehmen kommen heute gemeinschaftlich nur auf auf eine Marktkapitalisierung in Höhe von 68,8 Milliarden Euro. Das sind sieben Milliarden Euro weniger als Eon allein an der Börse wert ist.

Eon scheint die gigantische Kaufsumme für Endesa dennoch zusammenzubekommen. BNP Paribas , Citigroup  sowie die Deutsche Bank  und J. P. Morgan stellen gemeinsam unter Führung von HSBC  einen Kredit über 37 Milliarden Euro zur Verfügung, allerdings nur für einige Monate. Dann muss Eon selbst nachlegen. Wie, wird davon abhängen, wie viele Endesa-Aktionäre ihre Anteilscheine schließlich an die Düsseldorfer verkaufen.

Experten rechnen damit, dass Eon etwa 70 Prozent aller Endesa-Aktien zum Kauf angeboten bekommt. Endesa-Großaktionär Acciona , zu 21 Prozent an Endesa beteiligt, stehe dem Übernahmeangebot der Deutschen weiterhin ablehnend gegenüber, berichten spanische Zeitungen.

Nach Meinung von Finanzprofis muss sich Eon aber wohl schon Geld bei Anlegern leihen, wenn mehr als zwei Drittel der Endesa-Aktionäre ihre Anteilscheine an Eon abgeben wollen. Dann könnte Eon internationalen Investoren beispielsweise neue Unternehmensanleihen zum Kauf anbieten. Denkbar ist nach Ansicht der Experten aber auch, dass Deutschlands größter Energieversorger einen Teil seiner vorhandenen Firmenbeteiligungen verkauft, um genug Bares für den Endesa-Deal zusammenzubekommen.

Das haben die Düsseldorfer auch schon gemacht. Die Düsseldorfer verkauften in den vergangenen Jahren Beteiligungen im Wert von 59,7 Milliarden Euro, darunter an Degussa  und den Mobilfunkern E-Plus und O2. Gleichzeitig erwarb Eon Unternehmen für 44,2 Milliarden Euro.

Mehr Freiheit, weniger Anbieter

Mehr Freiheit, weniger Anbieter

Sollte die Endesa-Übernahme in den nächsten Wochen finanziert werden und gelingen, bedeutet das allerdings wohl auch eine Zäsur für den europäischen Energiemarkt. Denn die laufende Übernahme der spanischen Endesa durch Eon wäre der bisher größte Zusammenschluss unter europäischen Energieversorgern. Und er markiert zugleich den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, die vor etwa zehn Jahren begann.

Damals, Ende der 90er Jahre, brach die erste nationale Übernahmewelle über die Branche herein. Jetzt folgt die internationale: Eon will Endesa kaufen, in Frankreich sollen Gaz de France  und Suez  zusammengehen, um den italienischen Enel-Konzern  nicht bei Suez zum Zuge kommen zu lassen; Enel ist deshalb ersatzweise an der belgischen Electrabel interessiert und soll heimlich mit einem Einstieg bei RWE  liebäugeln. Und die spanische Nummer zwei Iberdrola  will den schottischen Konzern Scottish Power  kaufen.

Preise scheinen bei diesem Rennen um Größe bereits bei manchen Deals in den Hintergrund zu treten. Beispiele gefällig? Im Herbst 2005 hatte Eon bereits für Scottish Power 570 Pence je Aktie geboten, dann aber vom Nachlegen Abstand genommen, denn "wir sind damit an die Grenze des von uns Vertretbaren gegangen", so Eon-Chef Wulf Bernotat heute. Der spanische Versorger Iberdrola legt jetzt ein Drittel drauf und bietet 777 Pence.

Mittlerweile haben Deutschlands oberste Wettbewerbshüter nahezu resigniert. Ihr Urteil über den europäischen Strommarkt fällt dementsprechend aus: Immer wenn ein Markt liberalisiert werde, versuchten sich Unternehmen zusammenzuschließen, bis nur noch ein enges Oligopol übrig bleibt, beklagte sich die Monopolkommission schon vor Monaten.

"Anstatt von Liberalisierung und Diversifizierung haben wir heute einen höheren Grad an Konzentration. Ungefähr 60 Prozent der europäischen Stromkapazitäten sind in der Hand von sechs großen Unternehmen", sagte Fatih Birol der "Berliner Zeitung".

Der Chefökonom der Internationalen Energieagentur ergänzte gegenüber der Zeitung: "Das ist genau das Gegenteil von dem, was man am Anfang der Liberalisierung der Energiemärkte in Europa vor 15 Jahren bezweckt hat. Und das ist ein Grund, warum wir keine niedrigeren Preise auf den Strommärkten in Europa bekommen können."

Davon ist dieser Tage in der Tat nicht die Rede, wenn Eon-Chef Bernotat seinen Aktionären die Vorzüge des Endesa-Kaufs schildert.

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