Airbus-Demo Tsunami aus Toulouse

Ministerpräsident Christian Wulff, Airbus-Betriebsrat und IG Metall zeigten sich am Mikrofon vor dem Airbus-Werk Varel einträchtig: In der französischen Airbus-Zentrale werden Pläne geschmiedet, die Deutschlands Rolle in dem Verbund einschmelzen. Der Appell an Tausende Zuhörer: Wehrt euch!
Von Christian Buchholz

Varel – "Wir lassen uns nicht abkoppeln!" – Thomas Busch, stellvertretender Konzernbetriebsratschef von Airbus Deutschland, hatte eine flammende Rede vor mehreren Tausend Airbus-Mitarbeitern gehalten und erntete von den dicht gedrängt stehenden Zuhörern tosenden Applaus.

Schon einmal, als vor 14 Jahren "das Management ein völlig unsinniges Sanierungsprogramm Dolores durchsetzen wollte, haben wir es niedergekämpft", ruft Busch und verspricht: "Das werden wir wieder schaffen!" Ein 50-Jähriger mit roter IG-Metall-Kappe murmelt zu seinem Nachbarn in der Menge: "Tja, damals hatten wir kaum Aufträge – aber jetzt sind wir bis zum Stehkragen voll mit Bestellungen …"

Busch liefert wenig später die Zahlen dazu: 2500 Flugzeuge seien bei Airbus für die kommenden Jahre verbindlich bestellt – genug für fünf Jahre mit voller Arbeitsauslastung der deutschen Werke. Später werde der Bedarf noch steigen. 600 Flugzeuge pro Jahr seien die realistische Ziffer, auf die sich Airbus einstellen könne, wenn die derzeitige Krise das Unternehmen nicht auseinanderreiße und der Marktanteil bei den derzeit aktuellen 50 Prozent gehalten werde könne.

Was den Betriebsrat "wütend macht", seien "ernst zu nehmende Erkenntnisse, die uns vorliegen": In der Airbus-Zentrale in Toulose würden derzeit Pläne geschmiedet, die die Führungsaufgaben innerhalb des Konzerns nahezu komplett nach Frankreich brächten.

Deutschland habe in diesem Szenario nur noch die Funktion "eines von drei Satelliten, die um Frankreich kreisen", trägt Busch verbittert vor.

Die Rolle Deutschlands, derzeit nach Aktienanteilen mit Frankreich gleich großer Anteilseigner bei Airbus, solle auf das Niveau der im Aktionärskreis bedeutend schwächer vertretenen Nationen Spanien und Großbritannien geschrumpft werden.

Zugunsten Frankreichs

Zugunsten Frankreichs

In den Plänen der Zentrale, die der Betriebsrat offenbar kennt, sei die Verlagerung von Know-how-Kompetenzen vorgesehen: Flügelausrüstung und Hochauftriebtechnik sollen demnach nach Großbritannien abwandern – wo derzeit die wesentlichsten Teile der Flugzeugflügel hergestellt werden. Die "Neuaufteilung von Zuständigkeiten" sehe zudem die Verlagerung des Bereichs Rumpfstruktur, derzeit ein Hauptstandbein der Produktion in Varel, nach Frankreich vor. Und es gebe weitere Ansätze, den Standort Deutschland "insbesondere zugunsten Frankreichs zur Ader zu lassen", sagt Busch.

In den vergangenen Jahren sei die Zahl der deutschen Manager in der Airbus-Zentrale Toulouse um 30 Prozent geschrumpft, ihr Anteil im Führungsbereich auf "gerade einmal 10 Prozent" gesunken. Das sei eines von vielen Anzeichen, die aus Sicht des Arbeitnehmervertreters belegen, dass die französischen Chefs in dem Konzern de facto "das Sagen übernehmen wollen".

Für Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff ist an dieser Erkenntnis nichts zu rütteln. Eine "hochpolitische Angelegenheit" sei das Machtgefüge in der ersten Airbus-Riege derzeit, "das wissen auch die Bundeskanzlerin und der Bundeswirtschaftsminister", betont Wulff in seinem kämpferischen Vortrag.

Die 12.000 Niedersachsen, die bei Airbus beschäftigt seien, träfe zudem keine Schuld an der prekären Finanzlage des Konzerns. Die millardenteure Verzögerung bei der Auslieferung des Super-Jumbos A380 und die aktuellen Probleme beim nicht energisch genug angegangenen Projekt A350 "sind nicht von diesen Mitarbeitern zu verantworten", ruft Wulff. Er fordert eine Kapitalerhöhung bei EADS und "einen Verzicht der Anteilseiger auf Rendite in diesen harten Zeiten". Die Menge dankt es mit lauten Klatschen.

Beifälliges Raunen geht durch die dicht gedrängten Reihen, als Wulff den obersten deutschen Vertretern, Airbus-Co-Chef Tom Enders und Aufsichtsrats-Co-Chef Manfred Bischoff ein Motto auf den Weg gibt: "Manchmal muss man eben auch für die Sache streiten und seine eigene Position dafür aufs Spiel stellen", empfiehlt er ihnen. In anderen Worten: Die deutschen Manager sollen sich ohne Airbag und Sicherheitsdenken in Bezug auf die eigenen hohen Positionen entschlossen für die Wahrung deutscher Interessen einsetzen.

Etwas ungelenker und mit ungleich schlechteren Karten geht schließlich Jörg Kutzim, Geschäftsführer Personal von Airbus Deutschland aufs Podium. Er betont zwar, dass er die Sorgen der Mitarbeiter nachempfindet, wirbt aber auch - "und ich weiß, dass das schwierig ist" – um Vertrauen "in Herrn Gallois und Herrn Enders". Schneller und effektiver müsse Airbus werden, Restrukturierungen seien unvermeidbar. Konkrete Zahlen und Maßnahmen nennt Kutzim nicht, kommentiert auch die Aussagen seiner Vorredner nicht. Das bleibt nun Airbus-Chef Louis Gallois vorbehalten, der die Details zum gefürchteten Sanierungsprogramm Power8 in zweieinhalb Wochen vorstellen will.

Einen einprägsamen Eindruck davon, wie die Reaktionen der Beschäftigten in Deutschland ausfallen könnten, hat er heute erhalten.