Klima UN-Bericht alarmiert Politik

Mit ihrer bislang schärfsten Warnung vor den Folgen des Klimawandels haben die Vereinten Nationen die Politik aufgeschreckt. Wenn die Menschen nicht umsteuern, werden Dürren, Stürme und Überschwemmungen die Folge sein, so die Wissenschaftler. Die Verantwortung des Menschen für den Treibhauseffekt stehe "zu 90 Prozent fest".

New York - Als Folge der erwarteten Erderwärmung um durchschnittlich 1,8 bis 4,0 Grad muss den Forschern zufolge mit einem Anstieg der Meeresspiegel, dem Abschmelzen von Gletschern, Dürreperioden und Hitzewellen gerechnet werden. Nunmehr stehe zu 90 Prozent fest, dass der Mensch den Treibhauseffekt durch das Verfeuern fossiler Brennstoffe verursache, heißt es in dem am Freitag in Paris veröffentlichten UN-Bericht.

EU und Bundesregierung kündigten rasches Handeln an, um die Folgen der Erderwärmung zu begrenzen. "Der Großteil des seit Mitte des 20. Jahrhunderts gemessenen Anstiegs der weltweiten Durchschnittstemperaturen ist sehr wahrscheinlich auf den verstärkten Ausstoß der vom Menschen verursachten Konzentration an Treibhausgasen zurückzuführen", schrieben die Wissenschaftler im Auftrag der Vereinten Nationen (UN). Seit Beginn der Temperaturstatistik vor etwa 150 Jahren seien zehn der heißesten Jahre seit 1994 verzeichnet worden.

Abschmelzen der Arktis bis 2100

Bis zum Jahr 2100 sei das Abschmelzen der Eisflächen der Arktis und auf Grönland möglich, erklärte der Internationale Wissenschaftsrat zum Klimawandel (IPCC), der die Forschungsergebnisse von 2500 Experten aus 135 Ländern zusammenfasste.

Wahrscheinlich sei auch, dass tropische Wirbelstürme an Heftigkeit zunehmen würden. Im schlimmsten Fall sei mit einem Anstieg der Durchschnittstemperatur um 6,4 Grad als Folge der Verbrennung von Öl und Kohle in Fabriken, Kraftwerken und Autos zu rechnen.

Vertreter der UN äußerten die Hoffnung, der Bericht werde Regierungen und Unternehmen dazu bringen, mehr für die Reduzierung von Treibhausgasen zu unternehmen. Der Chef des UN-Umweltprogramms, Achim Steiner, rief die Regierungen auf, die festgefahrenen Verhandlungen über die langfristige Verringerung des Schadstoffausstoßes wiederzubeleben.

"Lebensgewohnheiten umstellen"

"Lebensgewohnheiten umstellen"

"Der 2. Februar 2007 hat das Fragezeichen beseitigt, ob der Mensch für den Klimawandel verantwortlich sei", sagte Steiner. Die Konzentration an Treibhausgasen in der Atmosphäre sei so hoch wie nie seit 650.000 Jahren. Die Menschheit müsse deshalb ihre Lebensgewohnheiten zum Teil gründlich umstellen.

Im Herbst müsse auf der nächsten Weltklima-Konferenz auf Bali der Grundstein für ein neues Kyoto-Protokoll für die Zeit nach 2012 gelegt werden, forderte Steiner in der "Frankfurter Rundschau" (Samstagausgabe). 1997 hatten sich in Kyoto 35 Industriestaaten dazu verpflichtet, zwischen 2008 und 2012 den Ausstoß des Klimakillers CO2 um 5 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken.

Die USA als größter Emittent von Kohlendioxid haben das inzwischen völkerrechtlich wirksam gewordene Abkommen nicht unterzeichnet. Präsident George W. Bush sieht in der Übereinkunft eine Gefährdung der US-Wirtschaft und moniert, aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China und Indien würden von dem Abkommen nicht genug in die Pflicht genommen.

Das Ziel der Europäischen Union, den Anstieg der Durchschnittstemperatur auf zwei Grad zu begrenzen, bezeichnete Steiner angesichts des IPCC-Berichts als "nahezu überflüssig". EU-Umweltkommissar Stavros Dimas kündigte daraufhin eine Anpassung der Ziele der Gemeinschaft an. "Wir prüfen die Empfehlungen der Wissenschaft", sagte Dimas der Nachrichtenagentur Reuters. Die EU gilt als Vorreiter in der Klimapolitik.

Bundesregierung will rasch handeln

Bundesregierung will rasch handeln

Auch die Bundesregierung kündigte an, gegen den Klimawandel vorgehen zu wollen. Forschungsministerin Annette Schavan will als Konsequenz aus dem vierten UN-Klimabericht für eine schnelle Verbreitung klimaschonender Technologien sorgen. Damit würden der deutschen Wirtschaft zudem neue Märkte erschlossen, sagte die CDU-Politikerin in Berlin.

Ihr Ministerium werde in den kommenden drei Jahren 255 Millionen Euro für die Klimaforschung bereitstellen. Auch Umwelt-Staatssekretär Michael Müller mahnte schnelle Schritte zur Eindämmung des Temperaturanstiegs an. Der Klimawandel sei in vollem Gange und bis zum Jahr 2050 kaum zu stoppen, sagte der SPD-Politiker.

Auch Umweltverbände riefen zu raschem Handeln auf. Noch sei es nicht zu spät, erklärte Greenpeace. Die Organisation forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Das Feilschen um Grenzwerte für den Schadstoffausstoß von Autos müsse endlich aufhören, forderte der Naturschutzbund Deutschland. Ähnlich äußerten sich auch die Grünen und die Linkspartei.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) verlangte als Konsequenz aus dem Klimabericht ein "Weltklima-Regime". Die Warnungen der Wissenschaftler müssten die politisch Verantwortlichen "weltweit wachrütteln, entsprechend zu handeln", erklärte BDI-Präsident Jürgen Thumann.