Aufruhr bei Airbus Schlüsseltechnologien nach Frankreich?

Die Mitarbeiter der deutschen Airbus-Werke protestieren. Rund 10.000 Mitarbeiter wollen sich heute gegen die geplanten Sparbeschlüsse des Unternehmens wehren. Denn die sollen nach Pressemeldungen vor allem zulasten der deutschen Fabriken gehen – und so den französischen Airbus-Partnern die Herrschaft über die europäische Firma sichern.

Hamburg - Das Management des europäischen Flugzeugherstellers Airbus plant angeblich, sämtliche Schlüsseltechnologien nach Frankreich zu holen und die deutschen Standorte mit Auslauftechniken abzuspeisen.

Wie die Tageszeitung "Die Welt" unter Berufung auf ein internes Papier der EADS-Tochter berichtet, wird die momentane Krise in der Airbus-Führungsetage "als Gelegenheit angesehen, die bisher gleichberechtigten deutschen Partner in eine untergeordnete Stellung zu verweisen". Airbus-Chef Louis Gallois habe hingegen betont, dass die Einschnitte, die sich aus dem Sparplan Power8 ergäben, "gleich und gerecht" auf alle Schultern verteilt würden.

Wie die Zeitung weiter berichtet, soll zum Beispiel die Fertigung des neuen Langstreckenflugzeugs A350 nahezu komplett aus Deutschland ins Ausland verlagert werden. Der Flieger werde zu großen Teilen aus leichten Verbundkunststoffen bestehen.

Diese Technologie ist bisher im Airbus-Werk im niedersächsischen Stade angesiedelt. Sie soll laut dem internen Papier ganz ins Ausland verlagert werden. Der deutsche Produktionsanteil am Flugzeugtyp A350 wäre dann gerade noch so groß wie der des kleinen Airbus-Partners Spanien. Die fein austarierte europäische Struktur des Konzerns werde durch die Sparpläne zuungunsten der deutschen Seite verändert, befürchten jetzt auch Politiker hierzulande.

Bei Airbus in Deutschland kochen dann auch die Emotionen hoch. "Wir haben gesicherte Erkenntnisse, dass in der Airbus-Zentrale in Toulouse darüber nachgedacht wird, 5100 Arbeitsplätze bei Airbus direkt zu streichen sowie weitere 5100 bei Zulieferern. Die 9000 bis 10.000 Arbeitsplätze, die in der Verwaltung wegfallen sollen, sind darin noch gar nicht enthalten", sagte der stellvertretende Airbus-Konzernbetriebsratschef Thomas Busch.

Mehrere Tausend Airbus-Mitarbeiter protestieren dann auch heute hierzulande gegen die befürchteten Arbeitsplatzverluste und Produktionsverlagerungen. Den Auftakt machte am Morgen eine Kundgebung im baden-württembergischen Laupheim. Ebenso demonstrieren 3000 Airbus-Beschäftigte in Bremen. Gleich 12.000 Airbus-Mitarbeiter und Belegschaften der Zulieferer hatten sich vor dem Werkstor des größten deutschen Airbus-Standorts in Hamburg-Finkenwerder versammelt.

Tausendfacher Protest in Deutschland

Tausendfacher Protest in Deutschland

Bereits eine Stunde vor dem Start fanden sich die ersten Demonstranten ein und forderten lautstark den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Mit Trillerpfeifen und Transparenten wandten sie sich gegen mögliche Stellenkürzungen sowie die Verlagerung der Airbus-A380-Fertigung aus der Hansestadt - und warfen dem Management der deutschen Airbus-Tochter Fehler vor.

"Die Krise hat verschiedene Dimensionen, und, ja es sind auch Managementfehler gemacht worden", antwortete Airbus-Arbeitsdirektor Jörg Kutzim auf der Protestveranstaltung. "Doch jetzt kommen wir an einer Restrukturierung nicht vorbei. Wir müssen schneller und effizienter werden. Dies ist deshalb auch eine schwierige Bitte: Aber haben Sie bitte Vertrauen zu Airbus-Chef Louis Gallois."

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hat die Airbus-Spitze sogleich vor einer "einseitigen Benachteiligung" der norddeutschen Standorte gewarnt. Dies werde die Landesregierung "auf keinen Fall" hinnehmen, sagte Wulff. Es gehe um nicht mehr oder weniger als die Sicherung des Luftfahrtstandorts Deutschland. "Dies ist ein hochpolitischer Konflikt, und das wissen die Bundeskanzlerin und der Bundeswirtschaftsminister", sagte Wulff.

Hamburgs Wirtschaftssenator Gunnar Uldall (CDU) gibt sich dann auch heute kämpferisch. Hamburg werde nicht zulassen, dass die Endfertigung des A380 in der Hansestadt oder das geplante Auslieferungszentrum infrage gestellt würden. Er erwarte, dass Airbus und der Mutterkonzern EADS alle Zusagen erfüllen. "Wir werden in allen diesen Fragen an der Seite der Mitarbeiter von Airbus stehen", sagte Uldall.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) ergänzte am Morgen in Laupheim, wenn es einen Stellenabbau gebe, dürfe er nicht einseitig zulasten Deutschlands ausfallen.

Bremens Regierungschef Jens Böhrnsen (SPD) warf unterdessen dem Airbus-Management Fehler vor. "Es kann nicht angehen, dass ein solches Einsparprogramm dazu führt, dass die Arbeitnehmer diese Managementfehler austragen müssen", sagte der SPD-Politiker dem RBB-Inforadio. "Wir wollen heute zeigen, wir stehen gemeinsam, Betriebsräte, Gewerkschaften und die Politik, an der Seite dieses Standorts." In der Hansestadt sind rund 3500 Menschen bei Airbus beschäftigt. Böhrnsen bemängelte den "verstärkten Einfluss der Industriepolitik Frankreichs" beim Mutterkonzern EADS.

"Ich habe nicht den Eindruck, dass die Zusagen bezüglich des A380 zur Disposition stehen", sagte dagegen Ole von Beust am Freitag nach einem Treffen mit Betriebsräten des Unternehmens in Hamburg. Deutschland dürfe aber auf keinen Fall den technologischen Anschluss verlieren und müsse seine strategischen Interessen wahren.

Airbus hat in Deutschland sieben Werke und beschäftigt rund 23.000 Mitarbeiter sowie etwa 6300 Zeitarbeitskräfte.

Staatseingriff in Frankreich gefordert

Staatseingriff in Frankreich gefordert

Parallel zum Protesttag der Airbus-Beschäftigten in Deutschland mobilisierten am Freitag die französischen Gewerkschaften gegen einen drohenden Arbeitsplatzabbau beim führenden europäischen Flugzeugbauer.

In Petitionen an Präfekten und Regierung fordern sie ein Eingreifen des Staates als Aktionär für Werke und Arbeitsplätze. Anders als die IG Metall riefen die französischen Gewerkschaften aber nicht zu Demonstrationen auf. Solange das Sanierungsprogramm Power8 nicht auf dem Tisch sei und man nicht wisse, was geplant sei, seien Kundgebungen sinnlos.

Die Gewerkschaften FO, CFDT und CFE/CGT forderten vom Staat, bei einem Rückzug des privaten Aktionärs Lagardère seinen Anteil am Airbus-Mutterhaus EADS zu erhöhen. Auch in Deutschland steigt der Staat über Gebietskörperschaften bei EADS ein, weil DaimlerChrysler seinen Anteil abbaut. "Der Staat muss Lagardère und DaimlerChrysler daran erinnern, dass EADS durch eine politische Entscheidung gegründet wurde und öffentliche Mittel erhalten hat", sagte CFDT-Vertreter Pierre-Henri Coat. Anders als in Deutschland halten sich die Staatsorgane in Frankreich derzeit mit Äußerungen zu Airbus zurück.

Airbus wird die Arbeitnehmervertreter voraussichtlich am 20. Februar über Power8 informieren. Anders als erwartet dürfte Airbus dabei dem Vernehmen nach keine Werksschließungen oder -verkäufe ankündigen, sondern sich auf die Nennung von Produktivitätszielen und Optionen für Werke beschränken.

Es obläge dann den Werken, die Ziele im Konzernverbund oder mit Hilfe von Arbeitsverlagerungen nach außen zu erreichen. Der Arbeitsplatzabbau in den einzelnen Ländern wäre dabei unterschiedlich sichtbar, je nachdem, ob Airbus-Werke oder Zulieferer betroffen sind.

manager-magazin.de mit Material von ddp, dpa, dpa-afx und reuters