Indien Outsourcing-Paradies oder Global Player?

Die Qualitäten Indiens als Standort für Fertigung und Dienstleistungen haben sich geändert: Etablierte Branchen erreichen einen immer höheren Grad der Fertigungstiefe, während sich aufstrebende Sparten mit den bekannten Attributen "gut und günstig" schmücken.
Von Ashish Singh

Indien als Outsourcing-Paradies im IT-Bereich, als Produktionsstandort für arbeits- und rohstoffintensive Chemie- und Pharmaprodukte oder als verlängerte Werkbank für die Automobilindustrie - diese Entwicklung hat in den vergangenen Jahren ihren Lauf genommen, die erste Welle ist Geschichte. Doch sie findet ihre Fortsetzung: Der Subkontinent erlebt derzeit die zweite Entwicklungswelle, die von einer hohen Komplexität und Innovationskraft geprägt ist.

In indischen Automobilmanufakturen stellen die Arbeitskräfte heute nicht mehr nur schlichte Autobleche her, sondern entwickeln und fertigen innovative sowie komplizierte Teile - etwa für das Motorenmanagement oder die Autoelektronik. Die Voraussetzungen hierfür hat sich Indien als Niedriglohnland in den vergangenen Jahren erworben und verfügt heute darüber hinaus über die Fertigkeit, Fabriken mit höchstem technologischen Standard zu errichten - und mit dem notwendigen Know-how zu betreiben.

Deutsche Unternehmen nutzen Indien - im Gegensatz zu China - in den Vorreiterindustrien somit nicht mehr nur als verlängerte Werkbank, sondern errichten mit gehörigen Direktinvestitionen Standorte mit hoher Fertigungstiefe. Siemens  beispielsweise zahlt sein Investitionsprogramm von 500 Millionen Euro zum Ausbau der Kapazitäten vor Ort komplett aus den Gewinnen indischer Töchter.

Das Entwicklungszentrum von Robert Bosch in Bangalore hat sich mittlerweile zum größten außerhalb Deutschlands gemausert. Indische Ingenieure programmieren hier unter anderem Navigationssysteme und Software für Motorsteuerungen. Bosch hat die Zahl seiner Entwickler in Indien im Jahr 2005 von 2000 auf 3000 Mitarbeiter erhöht. Bereits jeder dritte Softwarespezialist in den Diensten von Bosch ist Inder. Das IT-Paradies indischer Dienstleister boomt ungebrochen. Und dabei sind die Entwickler längst nicht mehr nur Erfüllungsgehilfen, sondern liefern höchst komplexe Jobs zu "Schnäppchenpreisen".

Der Konzern IBM  beispielsweise plant, in den nächsten drei Jahren sechs Milliarden Dollar in Indien zu investieren. Dabei haben die Amerikaner auch in den vergangenen Jahren bereits verstärkt auf Indien gesetzt. Seit 2004 hat der Konzern seine Mitarbeiterzahl dort vervierfacht und zählt mittlerweile über 42.000 Beschäftigte.

Bewegung steht noch am Anfang

Bewegung steht noch am Anfang

Nicht zu vergessen die indischen IT-Firmen wie TCS, Infosys und Wipro, die immer stärker unter die Top Ten der globalen IT-Dienstleister drängen. Bei TCS kann man sich sogar vorstellen, dass Inder bald ganze Abteilungen von großen deutschen Konzernen übernehmen könnten.

In anderen, in Indien noch weniger etablierten Industrien formiert sich eine Bewegung, die noch am Anfang steht und sich analog zu den Entwicklungen in den bekannten Branchen zunächst im "Low-Cost-Sektor" befindet - etwa die Medienbranche. Neben einer wachsenden heimischen Filmindustrie, mit indischen Filmen für indisches Publikum, etabliert sich der Subkontinent auch hier als Dienstleister für westliche Filmindustrien.

Weniger die indischen Drehbuchautoren reizen dabei die namhaften Studios in Hollywood und Westeuropa, sondern die technischen Fertigkeiten in den Bereichen Animation, Postproduktion und Edition. Hierbei sind - wie einst im IT- und Automobilsektor - die Motive westlicher Studios ausschließlich kostengetrieben. Fähige Mitarbeiter verrichten zu einem Bruchteil heimischer Kosten technisch anspruchsvolle Arbeiten.

Überflügelt wird die wirtschaftliche Bedeutung der Filmindustrie mittlerweile von den Unterhaltungsprogrammen für die Computerwelt. Entwicklung und Vertrieb von Spielen für Computer und Konsolen haben sich zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Und auch in dieser Branche spielt Indien eine Rolle von wachsender Bedeutung. Niedrige Löhne und gute Programmierer sind die besten Voraussetzungen. Zwar haben die Inder selbst noch keine enge Bindung zu Computerspielen, dennoch gehen hier niedrige Kosten, ein hohes Maß an kreativem Talent und Entwicklungsfähigkeit Hand in Hand.

Bei der Entstehung eines neuen Titels fallen schnell einmal mehr als zehn Millionen Euro an. Wenn zumindest Teile der Entwicklung wie das Art-Design nach Indien verlagert werden, versprechen sich Branchenkenner eine Kostenersparnis von 40 Prozent. Hersteller wie Sony , Atari oder Microsoft  hoffen bereits auf diese kostengünstige Alternative.

Eine weitere Branche, in der sich Indien derzeit als Niedriglohnstandort für westliche Industrienationen etabliert, lässt sich unter dem Oberbegriff "Knowledge Outsourcing" zusammenfassen. Mittlerweile errichten internationale Konzerne dort ganze Bürokomplexe, in denen ihr "Legal Back Office" oder ihr "Knowledge Management" angesiedelt werden. Diese sogenannten "Value Added Services" ergänzen heute die bekannteren indischen Dienstleistungstätigkeiten, wie die Verwaltung des Miles & More-Programms der Lufthansa .

Auch in diesem Sektor hat das Unternehmen Bosch eine Vorreiterrolle übernommen. Mitarbeiter in Bangalore haben mittlerweile begonnen, Verwaltungsarbeiten für den deutschen Mutterkonzern zu übernehmen. So werden beispielsweise Rechnungen bearbeitet, die in Stuttgart eingelesen und per Datentransfer nach Indien geschickt werden.

Der Talent-Pool schrumpft

Der Talent-Pool schrumpft

Infrastrukturprojekte sind ein weiteres Wachstumsfeld in Indien. Ein Großteil des Landes ist noch wenig erschlossen. Zunehmend formieren sich daher Partnerschaften zwischen deutschen und inländischen Gesellschaften, die privat finanzierte Projekte wie Highways oder Aufgaben im Hoch- und Tiefbau übernehmen, woraus sich ein großes Potenzial für deutsche Unternehmen der Baubranche erschließt.

Bilfinger Berger  etwa gelang es mithilfe seiner erfolgreichen Expansion nach Asien, sich von der schwachen deutschen Baukonjunktur abzukoppeln und in Indien eine starke Marktposition aufzubauen. Eine Aufholjagd zu westlichen Standards hat auch im Gesundheitswesen begonnen - ausgehend allerdings von einem sehr niedrigen Niveau. Die Anzahl ausgebildeter Mediziner steht im Unverhältnis zur Bevölkerung und zu den Kranken.

Allein rund fünf Millionen Menschen sind in Indien mit Aids infiziert und die Geburtensterblichkeit ist doppelt so hoch wie beispielsweise in China. Jedes elfte Kind stirbt innerhalb der ersten fünf Lebensjahre. Indien braucht dringend mehr und bessere Krankenhäuser, Arztpraxen und medizinisches Equipment.

Diesen Entwicklungsstand nutzen insbesondere deutsche Unternehmen. Sie haben Indien als wichtigen Absatzmarkt für ihre Produkte in der Medizintechnik erkannt. Die Geräte, die dort verkauft werden, werden vor Ort auch kostengünstig produziert. Siemens beispielsweise hat mittlerweile in Bombay, Neu Delhi und Bangalore Entwicklungszentren errichtet, in denen Ingenieure unter anderem Medizintechnik entwickeln.

Nahezu all diese Entwicklungen werden getrieben von dem schier unerschöpflichen Pool junger Talente in Indien. Doch genau hier lauert auch die Gefahr für die weitere Prosperität auf dem Subkontinent. Der Talent-Pool in Indien schrumpft: Die Universitäten bringen zwar jährlich Hunderttausende von Absolventen hervor, aber nur ein kleiner Teil von ihnen hat die Qualifikationen, die in global agierenden Unternehmen gefordert werden. Ingenieure beispielsweise müssen häufig nachgeschult werden und viele wirklich gute Kräfte wandern aus.

Andererseits leben in Indien noch zu etwa 40 Prozent Analphabeten. Die Bildungsreformen sollten am besten schon in der Grundschule beginnen. Das System der höheren Bildung muss offener werden, um mehr Menschen den Zugang zu ermöglichen, auch den Armen und Ärmsten. Nur wenn die Infrastrukturen im Bildungswesen erheblich verbessert werden, wird es Indien gelingen, deutlich mehr Studenten auszubilden, die in der globalen Wirtschaft benötigt werden und damit dem Fortschritt ihres Landes dienen können.

Indien ist auf dem richtigen Weg zum Global Player. Und wenn die Voraussetzungen gerade im Bildungswesen zügig vorangetrieben werden, kann dieses Ziel auch in nicht allzu ferner Zukunft realisiert werden.

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