Konzernstrategie Siemens bringt VDO an die Börse und kauft US-Softwarefirma

In der Nacht vor der Hauptversammlung hat der Siemens-Aufsichtsrat wichtige Weichen für den Konzern gestellt. Die Kontrolleure stimmten Plänen des Vorstands zu, die Autozuliefersparte VDO auszugliedern und den US-Softwarehersteller UGS zu übernehmen. Auch die Quartalszahlen begeistern die Börse.

München - Wenige Stunden vor der mit Spannung erwarteten Siemens-Hauptversammlung in München hat die zuletzt heftig kritisierte Konzernführung zwei wichtige Entscheidungen bekannt gegeben. Zum einen will das Unternehmen den Autozulieferer Siemens VDO ausgliedern. Zum anderen verkündete der Konzern in der Nacht zum Donnerstag den Kauf des amerikanischen Softwareherstellers UGS für insgesamt 3,5 Milliarden Dollar (2,7 Milliarden Euro) inklusive Schulden. Mit beiden Schritten will sich Siemens für die Zukunft rüsten.

Für Siemens VDO plant der Vorstand einen Börsengang. "Wir wollen deutlich über 25 Prozent an die Börse bringen", sagte Vorstandschef Klaus Kleinfeld am Donnerstag. Den zu erwartenden Emissionserlös wollte er nicht nennen. Der hänge davon ab, wie groß der abgegebene Anteil werde. Finanzvorstand Joe Kaeser ergänzte, dass VDO durch den Kapitalmarktzugang flexibler agieren könne, um Wachstumschancen wahrzunehmen.

Siemens VDO Automotive ist nach eigenen Angaben ein weltweit führender Autozulieferer für Elektronik und Mechatronik. Das Unternehmen fertigt Produkte rund um Antrieb, Motorsteuerelektronik und Einspritztechnik. Zur Produktpalette gehören aber auch Audio- und Navigationssysteme, Instrumente oder Airbag-, ABS- und Zugangskontrollsysteme. VDO beschäftigt 53.000 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz von jährlich zehn Milliarden Euro.

Der Autozulieferer und Reifenhersteller Continental  hat unterdessen Interesse an einer Beteiligung an VDO bekundet. "Wir stehen für Gespräche zur Verfügung", sagte ein Conti-Sprecher am Donnerstag in Hannover. Es gebe eine große Übereinstimmung in den Produktangeboten zwischen Conti und VDO.

Produktspektrum erweitern

Mit der Übernahme von UGS will Siemens nach eigenen Worten sein Produktspektrum der Automatisierungstechnik um industrielle Software für Planung, Design und Simulation im Produktlebenszyklus-Management erweitern. Der Kauf muss noch von den zuständigen Behörden genehmigt werden. Verkäufer sind die drei Finanzinvestmentfirmen Bain Capital, Silver Lake Partners und Warburg Pincus, die das Unternehmen vor rund zweieinhalb Jahren von dem IT-Dienstleister EDS für 2,05 Milliarden Dollar übernommen hatten. EDS hatte damals erklärt, das Softwareunternehmen gehöre nicht mehr zum Kerngeschäft.

UGS erwirtschaftete laut Siemens im Geschäftsjahr 2005 knapp 1,2 Milliarden Dollar Umsatz und einen Betriebsgewinn vor Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 241 Millionen Dollar. Das Unternehmen mit Sitz in Texas ist einer der weltweiten Marktführer für Produktlebenszyklus-Management Software.

Siemens bekräftigte nach guten Zahlen für das operative Geschäft im ersten Quartal des Geschäftsjahrs 2006/2007 seine im Blickpunkt von Analysten und Anlegern stehenden Margenziele für das zweite Quartal. An den Finanzmärkten stießen die Zahlen auf ein positives Echo. Die Siemens-Aktie  legte im Handelsverlauf über 6 Prozent zu.

Geteilte Meinung zu UGS-Übernahme

Geteilte Meinung zu UGS-Übernahme

Analysten beurteilen die von Siemens vorgelegten Quartalszahlen in ersten Einschätzungen positiv. "Natürlich zieht sich die von der EU verhängte Kartellstrafe durch das gesamte Zahlenwerk, und die Strafe fiel höher aus als erwartet", sagte Analyst Roland Pitz von der HypoVereinsbank am Donnerstag. Mit der Entwicklung der einzelnen Geschäftsbereiche könne man jedoch zufrieden sein, und mit der Restrukturierung der Problemsparten komme der Konzern offenbar voran.

Auch der am Morgen angekündigte Börsengang des Automobilzulieferers VDO kommt bei Experten gut an. "Damit haben sie den Zukauf von UGS cashneutral", begründete Pitz seine Einschätzung. Die Akquisition des US-Softwarekonzerns, für den Siemens 3,5 Milliarden Dollar zahlen will, hält der Analyst für sinnvoll: Der Konzern habe sich damit die Möglichkeit geschaffen, eine durchgängige Prozesskette anzubieten. Mittel- und langfristig sei UGS eine gute Ergänzung des Produktportfolios.

Analyst Frank Rothauge von Sal. Oppenheim beurteilt den Zukauf von UGS etwas zurückhaltender. 3,5 Milliarden Dollar seien ein stolzer Preis und es müsse sich noch erst zeigen, ob er gerechtfertigt sei, sagte der Analyst. Die Quartalszahlen hält jedoch auch er für gut und auch den geplanten VDO-Börsengang beurteilt er positiv. Beide Aktienexperten stufen die Siemens-Aktie mit "Kaufen" ein.

Heute treffen sich die Aktionäre zu der mit Spannung erwarteten Hauptversammlung des Konzerns. Vor allem Siemens-Chef Klaus Kleinfeld muss mit heftiger Kritik an der Arbeit seines Vorstands rechnen. Streitpunkte sind neben der Affäre um Schmiergeldzahlungen und schwarze Konzernkassen auch die Pleite der ehemaligen Siemens-Handysparte, BenQ, und die vom Aufsichtsrat beschlossene Erhöhung der Vorstandsgehälter um 30 Prozent. Kleinfeld hatte vor dem Treffen erklärt, Siemens wolle alles tun, um die Korruptionsaffäre aufzuklären.

Die Konzernspitze hatte Mitte Dezember einräumen müssen, dass eine Gruppe von Siemens-Managern in der Netzsparte bis 2006 dubiose Zahlungen über 420 Millionen Euro geleistet habe. Höhepunkt des Skandals war die zwischenzeitliche Festnahme von sechs teils hochrangigen Konzernmanagern. Zu der Hauptversammlung, auf der Siemens auch seine aktuelle Quartalsbilanz präsentieren will, werden in der Münchner Olympiahalle rund 12.000 Anleger erwartet.

Gestern hatte Siemens mit einer Rekordstrafe wegen Kartellabsprachen für weitere Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Die EU-Kommission verpflichtete die Münchner zur Zahlung von rund 420 Millionen Euro. Die Brüsseler Behörde wirft Siemens vor, gemeinsam mit anderen Branchenriesen wie ABB  und Areva  auf dem Markt für hochspezialisierte Schalter Kartellabsprachen getroffen zu haben. Der Konzern kündigte umgehend an, beim Europäischen Gericht gegen die Strafe klagen zu wollen.

manager-magazin.de mit Material von ap, dow jones und reuters

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