Siemens Die Ohnmacht der Kritiker

Korruptionsaffäre, BenQ-Pleite, höhere Vorstandsgehälter - und jetzt auch noch eine saftige Kartellstrafe der EU. Bei der heutigen Siemens-Hauptversammlung haben Aktionäre handfeste Gründe für Kritik. Die Konzernführung dürfte dies kalt lassen - mehr als eine "öffentliche Ohrfeige" hat sie nicht zu befürchten.

Hamburg / München - Früher konnte sich Heinrich von Pierer auf Hauptversammlungen noch feiern lassen - und unbefangen über Werte und Moral sprechen. In seiner letzten Ansprache als Siemens-Vorstandschef befasste er sich noch einmal mit dem Leitbild des Weltkonzerns. "Siemens  ist einem anspruchsvollen Wertekodex verpflichtet", hieß es in seinem Redetext. Dazu gehöre auch die "Einhaltung strikter ethischer Standards im Geschäftsverkehr".

11.000 Aktionäre dankten von Pierer am 27. Januar 2005 mit tosendem Beifall. Die Fondsgesellschaft DWS quittierte ihm, er habe "für den Standort Deutschland gekämpft". Aktionärsschützer gaben dem scheidenden Siemens-Chef die Note "sehr gut mit Stern".

Die Zeiten ändern sich. Zwei Jahre später tritt von Pierer einen schweren Gang an. Aktionäre werden den Aufsichtsratschef bei der Hauptversammlung (HV) am heutigen Donnerstag mit harschen Vorwürfen konfrontieren: Welche Schuld trägt er an der Pleite der früheren Siemens-Handysparte, die schon unter seiner Ägide spürbar schwächelte? Wie konnte - angeblich ohne von Pierers Wissen - ein unüberschaubarer Korruptionssumpf gedeihen?

Gleichzeitig wird die Liste früherer und amtierender Spitzenmanager, die über schwarze Kassen und Schmiergeldzahlungen Bescheid gewusst haben sollen, immer länger. Einem Zeitungsbericht zufolge wurden nun auch die Vorstände Joe Kaeser und Rudolf Lamprecht belastet. Beide weisen jedoch die "verleumderischen Behauptungen mit aller Entschiedenheit zurück", wie Siemens prompt mitteilte.

In zahlreichen Gegenanträgen fordern Anleger und deren Vertreter nun, Vorstand und Aufsichtsrat nicht zu entlasten. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) erkennt "viele Anzeichen" dafür, "dass der Vorstand im Hinblick auf die Korruption zumindest seinen Kontrollpflichten nicht nachgekommen ist". In Bezug auf das Aufsichtsgremium kritisiert die SdK: Der heutige Chefaufseher von Pierer habe bereits 1992 im Zusammenhang mit einem Bestechungsfall angekündigt, so etwas werde bei Siemens nicht wieder vorkommen.

"Keinerlei rechtliche Folgen"

"Keinerlei rechtliche Folgen"

"Der Vorstand hat bereits früh über Korruptionsvorfälle Bescheid gewusst", sagt Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, "man hat sie jedoch vollkommen unterschätzt und die Öffentlichkeit viel zu spät informiert." Außerdem habe Siemens die Aufklärung nicht rechtzeitig und entschieden genug angegangen.

Die Vorwürfe sind massiv. Doch derzeit haben Siemens-Topmanager ganz andere Probleme als wütende Aktionäre. Diese sind für die Konzernspitze ungefähr so gefährlich wie aufsässige Mücken in der Sommerhitze - die Stiche schmerzen, heilen jedoch ziemlich rasch. "Wenn ein Vorstand oder Aufsichtsrat nicht entlastet wird, hat das keinerlei rechtliche Folgen", sagt Bergdolt.

Dass die beiden Ex-Vorstände Heinz-Joachim Neubürger und Thomas Ganswindt gar nicht erst zur Entlastung vorgeschlagen werden, hat Siemens bereits mitgeteilt - man wolle erst abwarten, bis jegliche Vorwürfe ausgeräumt seien. Ganswindt saß im Zusammenhang mit der Korruptionsaffäre sogar zwischenzeitlich in Haft.

Bereits eine Zustimmung von weniger als 90 Prozent für Vorstand und Aufsichtsrat würde Bergdolt als "öffentliche Ohrfeige" betrachten. Mehr kann dem Management jedoch nicht passieren. Ob irgendein amtierender Topmanager nicht entlastet wird, ist fragwürdig - zu groß ist die Stimmgewalt der institutionellen Anleger, die vorrangig auf den reinen Geschäftserfolg achten.

Und die Zahlen sind im Großen und Ganzen recht ansehnlich: Der Konzern hat den Umsatz im Geschäftsjahr 2006 (30. September) um 12 Milliarden Euro auf insgesamt 87 Milliarden Euro gesteigert. Auch Nachsteuergewinn, Auftragseingang und sogar die Mitarbeiterzahl nahmen zu.

"Es ist keine ökonomische Krise, es ist eine Krise der Glaubwürdigkeit", erklärt der Verein der Siemens-Belegschaftsaktionäre. Auf der HV vertritt der Verein rund 5000 Beschäftigte - und spricht von einem "nicht hinnehmbaren Vertrauensschaden für die Firma". Das späte Handeln von Aufsichtsrat und Vorstand in der Korruptionsaffäre ist noch nicht einmal der Hauptkritikpunkt. Vielmehr prangert der Verein eine "seelenlose Portfolio-Politik" an, die bei den Mitarbeitern nicht gerade Vertrauen schaffe.

"Im Monopoly-Spiel geopfert"

"Wer nicht schnell genug die Zielmargen erreicht, wird in dem Monopoly-Spiel geopfert", heißt es in seiner Rede, die Vereinsvertreter Manfred Meiler am Donnerstag vortragen will, "jeder weiß, dass er nur noch eine Figur in diesem Spiel ist."

Meiler wird auch den Niedergang von BenQ Mobile anprangern. "Ein zweites BenQ darf es in absehbarer Zeit nicht geben", fordert er im Gespräch mit manager-magazin.de. Diese Gefahr sieht Meiler bei der Siemens-Sparte Enterprise Networks, die seit längerer Zeit zum Verkauf steht und bislang noch keinen Abnehmer gefunden hat.

Auch die Unternehmenskultur des Traditionskonzerns ist für Meiler nicht mehr das, was sie einmal war. Eine 30-prozentige Erhöhung der Vorstandsbezüge in Zeiten von Personalabbau und Gehälterkürzungen bei der Belegschaft ist für ihn "nicht hinnehmbar". Weiterhin herrsche bei vielen Beschäftigten Unsicherheit über ihre Arbeitsplätze. "Die Mitarbeiter stehen zu Siemens", stellt der Belegschaftsaktionär in seiner Rede fest, "aber Siemens muss auch zu seinen Mitarbeitern stehen."

Kleinfeld, für seine scharfen Renditevorgaben bekannt, wird sich am Donnerstag alle Kritikpunkte anhören und protokollieren lassen - auch den Vorwurf, er stoße unrentable Geschäftsfelder kurzerhand ab oder mache sie dicht. Die Reaktionen sind absehbar - in den vergangenen Wochen musste sich der Vorstandschef häufiger rechtfertigen. "Ich bin doch kein emotionsloser Aktienhändler", beteuerte der CEO unlängst im SPIEGEL-Interview, "ich lebe Siemens." Er dürfe doch nicht einfach die Augen verschließen, "wenn irgendwo Probleme auftauchen, die irgendwann ein ganzes Geschäftsfeld bedrohen würden."

Einer profitiert von Kleinfelds Negativimage: Sein Vorgänger Heinrich von Pierer. Er genießt bei zahlreichen Beschäftigten immer noch ein deutlich höheres Ansehen als der jetzige Chef. Schließlich galt von Pierer als Unternehmensführer mit sozialem Gewissen, sozusagen als bedächtiger Vater der großen Siemensianer-Familie, dem Tradition und Unternehmenskultur im Zweifel wichtiger sind als der Shareholder Value. Dieser Ruf überdeckt manche Kritikpunkte - etwa die Bedenken von Aktionärsschützern, von Pierer sei als Mitaufklärer in der Korruptionsaffäre nicht unbefangen.

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