Sturman-Kolumne Fahrlässige Aufseher

Die Prognose des Moralphilosophen Adam Smith ist 250 Jahre alt, aber aktueller denn je: "Fahrlässigkeit und Überfluss" bestimmen in vielen Aufsichtsräten die Geschäfte. Für Smith eine absehbare Folge davon, dass in den Kontrollgremien das Geld anderer verwaltet wird. Doch es gibt Wege, den Schlendrian einzudämmen.
Von Deborah Sturman

New York - In den Debatten über Corporate Governance laufen alle Argumente letztendlich in der Rolle des Aufsichtsrats (Board of Directors) im Allgemeinen und in der Rolle der unabhängigen Aufsichtsratsmitglieder (Independent Directors) zusammen.

Seit der Formulierung der Berle-und-Means-Theorie im Jahr 1932, die die Trennung von Unternehmenseigentum und Führung durch das Management analysierte, wurde ein Weg gesucht, um diese Separation zu überbrücken - indem man Manager leistungsorientiert beurteilt. Die überwiegende Antwort auf diesen Konflikt ist in den gegenwärtigen Corporate-Governance-Systemen enthalten: Die entscheidende Kontrolle eines Unternehmens ist dem Aufsichtsrat übertragen worden. Aktionäre rechnen mit unabhängigen Aufsichtsratsmitgliedern, um das Management zu überwachen, den Vorstand zu beaufsichtigen und Aktionärsinteressen zu schützen.

Die allgemein geltende Begründung hierfür ist, dass unabhängige Aufsichtsratsmitglieder mit dem Unternehmen nicht zu sehr verstrickt sind. Da sie persönlich keinen finanziellen Vorteil haben, das Management zu behalten, können sie als Vertreter der Aktionäre fungieren, um sicherzustellen, dass das Unternehmen langfristig im besten Interesse seiner Inhaber, den Aktionären, geführt wird.

Anomalie im Herzen der heutigen Unternehmen

Trotz der weitverbreiteten Anerkennung des Problems, das durch die Berle-und-Means-Theorie aufgestellt wurde, und der angenommenen Lösung der unabhängigen Aufsichtsräte, herrscht weitgehend Einverständnis, dass es vielerorts einen Zusammenbruch der Rechenschaftspflicht der Aufsichtsräte gegeben hat. Dies ist zum größten Teil auf den fehlenden Einfluss auf die Tagesgeschäfte und die mangelnde wirtschaftliche Anteilnahme am Betrieb bei Aufsichtsratsmitgliedern in großen öffentlichen Unternehmen zurückzuführen.

Der Aufsichtsrat ist zur großen strukturellen Anomalie im Herzen der heutigen Unternehmen geworden. Prinzipiell sind seine Mitglieder juristisch und ethisch den Inhabern verpflichtet. Sie haben die Macht, Geschäftsführer zu ernennen, deren Gehälter zu beziffern, Strategien festzustellen und Investitionen sowie Dividenden zu genehmigen.

Dennoch ist es in Unternehmen mit großer Aktienstreuung eine Tatsache, dass Aufsichtsratsmitglieder selten Aktionäre kennen, von ihnen hören oder das Gefühl haben, dass ihre Anstellung von der Unterstützung der Aktionäre, den eigentlichen Unternehmensinhabern, abhängt. Das Resultat ist ein Zusammenbruch der Rechenschaftspflicht des Aufsichtsrats.

Wenig Zeit für wichtiges AR-Mandat

Wenig Zeit für wichtiges AR-Mandat

Adam Smith hatte genau dies vorausgesagt. Weil Aufsichtsratsmitglieder das Geld anderer verwalten, herrsche "Fahrlässigkeit und Überfluss". Die Ergebnisse sind eindeutig: Enron, Worldcom, Tyco, Adelphia - und die Skandale und Misserfolge setzen sich fort. Die Enthüllungen über weitverbreitete Rückdatierungen von Optionen ist eine der letzten Entwicklungen wie auch unangemessene Entlohnungen für gescheiterte Geschäftsführer (zum Beispiel die 210 Millionen Dollar Abfindung für den gescheiterten Home-Depot-Chef Robert Nardelli).

Da die Aktieninhaber letztendlich Eigentümer des Unternehmens sind und Corporate-Governance-Systeme den Aufsichtsrat als Stellvertreter beauftragen, ihre Interessen zu vertreten, stellt sich die Frage, warum alles so schief gelaufen ist und wie Aufsichtsratsmitglieder in Zukunft mehr zur Verantwortung gezogen werden können.

Aufsichtsräte scheinen nicht in der Lage zu sein, in den wenigen Stunden eines Monats, die sie ihren Pflichten widmen, ein Niveau des Verständnisses und der erforderlichen Information zu erwerben, um kollektive, strategische Bemessungen auf einer laufenden Basis zu treffen.

Ein großer Teil des Problems ist, dass Geschäftsführer und andere Manager enorme Macht bei der Auswahl der Aufsichtsratsmitglieder haben, die, unter anderem, für die Festsetzung von Managementgehältern zuständig sind. Wir können aber von einem Vorstand (CEO) nicht erwarten, dass er dem Aufsichtsrat pflichtgemäß über seine eigenen Verfehlungen und Versäumnisse berichtet (oder die seines eingestellten Managements). Außerdem stellt der Aufsichtsrat die Interessen der Geschäftsführung bei der Gehälterfrage oft mehr in den Vordergrund als die der Aktionäre, weil die Geschäftsführer und das Management die Wahl des Aufsichtsrats beeinflussen.

Sarbanes-Oxley legt Finger in die Wunde

Das offensichtliche Problem fehlender Unabhängigkeit des Aufsichtsrats wird im Paragraf 301 des Sarbanes-Oxley-Acts (SOX) angesprochen. Dieser schreibt vor, dass gelistete Unternehmen an der New York Stock Exchange und Nasdaq unabhängige Wirtschaftsprüfungsausschüsse haben müssen, die aus unabhängigen Aufsichtsratsmitgliedern bestehen. Nach SOX darf ein unabhängiges Aufsichtsratsmitglied weder vom Unternehmen noch von einer seiner Tochtergesellschaften eine andere Vergütung als sein Aufsichtsrats- oder Ausschussgehalt erhalten. Ungeachtet der Schwäche und der Mängel des SOX finde ich diese Vorschrift sinnvoll.

Der Aufsichtsrat ist nicht als Klub oder als ein kollegiales Forum gedacht, um das Management zu unterstützen, wo Aufsichtsratsmitglieder Berichte empfangen, pro forma Fragen stellen und sich auf das Management verlassen, um kritische Fragen über dasselbige zu beantworten. Noch ist es ein Gremium, das dem Management ausschließlich konträr gegenüberstehen soll.

Der Aufsichtsrat soll für das Geld der Aktionäre sorgen - seine größte Verantwortung obliegt den Anlegern. Diese Verantwortung ist komplex. Der Aufsichtsrat muss das Geschäft lernen, aber nicht führen, sowie das Management unterstützen und belohnen, aber es auch ersetzen, wenn es erforderlich ist. Er muss das Management auch hinterfragen, um zwischen Eigennutzen und Unternehmensnutzen zu unterscheiden.

Aufsichtsratsmitglieder müssen die Zeit und das Engagement haben, um diverse Ansichten zu analysieren, bevor sie in gutem Glauben Entscheidungen treffen. Sie müssen vor allem verstehen, dass eine echte Aufgabe darin besteht, als Treuhänder für Anleger zu agieren, die sie nicht kennen, aber die sich auf sie verlassen, um ihre Investitionen zu schützen.

Fondsmanager sollten ebenfalls größere Verantwortung übernehmen, um die Integrität von Aufsichtsräten zu sichern. Sie sollten einen effektiven Verhaltenskodex vereinbaren, um sicherzustellen, dass Geschäftsführer von Unternehmen, in die sie investieren, die Interessen der Aktionäre schützen, und dass sie für Aufsichtsräte stimmen und intervenieren, auch gerichtlich, wenn erforderlich, wenn Geschäftsführer die Interessen der Aktionäre nicht im Vordergrund halten.