Finanzaufsicht Terra incognita

Jochen Sanio, Chefaufseher der deutschen Finanzindustrie, warnt vor dem Rad, das mit kreditfinanzierten Firmenkäufen gedreht wird. Das Gebaren wird nach Ansicht des BaFin-Präsidenten immer "aggressiver und riskanter". Gleichzeitig fehle ein Risiko-Kartograf, der die Risiken in den "hochkomplexen Konstruktionen" erfasse.
Von Rita Syre

Frankfurt am Main - Jochen Sanio pflegt in seinen Reden ebenso gerne eine bildreiche Sprache wie die feine Ironie und flechtet zudem gern Zitate ein. Und so schreibt der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) den Banken beim seinem Neujahrsempfang in Frankfurt auch "zum Ausgleich", wie er es nennt, eine mittelalterliche Frömmigkeit ins Buch: "Was immer du tust, tue es mit kluger Vorsicht und nimm Rücksicht auf das Ende".

Das gelte in besonderem Maße für den Umgang mit Leverage-Buy-outs. Damit schließt sich der oberste deutsche Bankenaufseher den in den vergangenen Monaten sich häufenden Warnungen der Zentralbanker vor den steigenden Risiken der Private-Equity- und Hedgefonds-Transaktionen an.

Es ist die Rede von den Finanzinvestoren und ihren Geschäften und den Banken, die im boomenden Geschäft mit Kreditfinanzierungen von Übernahmen tätig sind. "Dadurch, dass die Finanzierungen riskanter werden, geraten die Zielunternehmen in die Gefahr, spätestens vom nächsten konjunkturellen Abschwung dahingerafft zu werden", warnt Sanio. Ihn beunruhigt das "aggressivere und riskantere" Finanzgebaren, um die "extremen" Renditeerwartungen erfüllen zu können. Zwar konzentrierten sich die deutschen Banken überwiegend auf die weniger riskanten Tranchen dieser Kredite und betrieben ein aktives Risikomanagement. "Doch das hat noch nie den Test härterer Zeiten bestehen müssen", gibt Sanio zu bedenken.

"Wie soll dort die Marktdisziplin funktionieren"

Sollte es irgendwann zu Schieflagen bei den Zielunternehmen kommen, müsse hoffentlich keine Bank feststellen, dass sie das eine oder andere Risiko übersehen habe, das in solchen "hochkomplexen" Konstrukten stecke. Dabei fehlt seiner Ansicht nach ein Risiko-Kartograf, der die Endlagerung der Risiken erfassen würde. Die Marktteilnehmer würden sich also in einer Terra incognita bewegen. Wie solle dort die Marktdisziplin auch nur ansatzweise funktionieren, fragt er rhetorisch.

Aber nicht nur bei der Marktdisziplin sieht Sanio Probleme auf den Bankensektor in Deutschland zukommen, sondern auch bei der Marktaufsicht. Anlass für seine Sorge ist die EU-Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID). Sie soll die nationalen Regelungen zur Abwicklung von Finanzdienstleistungen um Regelungen zum Anlegerschutz, einer verbesserten Transparenz der Finanzmärkte und der erhöhten Integrität der Finanzdienstleistungsunternehmen erweitern. Spätestens am 1. November dieses Jahres sollen die Vorschriften angewendet werden. Allerdings sieht Sanio nicht nur Vorteile. Die MiFID habe nicht nur 73 Artikel, sondern auch 55 Vorschriften der Durchführungsrichtlinie und 45 Bestimmungen der Durchführungsverordnung. "Gelobt sei der Brüsseler Regulierungsapparat", meint Sanio ironisch, "er hält uns in Arbeit und Brot".

Probleme mit der Marktaufsicht

Allerdings sieht der BaFin-Präsident noch ein ganz anderes Problem auf sein Amt zukommen. Die MiFID betone die Zuständigkeit der Heimatlandaufsicht stärker, als andere EU-Richtlinien dies bisher getan hätten.

Eine Konsequenz daraus sei, dass die BaFin nicht mehr auf direktem Weg Meldungen über sämtliche Geschäfte erhalte, die an deutschen Wertpapierbörsen abgeschlossen würden. Ein erheblicher Teil der Meldungen bekomme die Aufsicht nur mehr über ausländische Aufsichtsbehörden. "Sollte dies nicht reibungslos funktionieren, und danach sieht es im Moment fast aus, werden wir Probleme mit der Marktaufsicht bekommen", befürchtet Sanio.