Energiepreise Strom für lau

Das Angebot elektrisierte. Am Neujahrstag gab es Strom zu Ramschpreisen. Verbraucher hätten sich mit ein paar Cent all ihrer lästigen Stromkosten entledigen können – für viele Monate. Doch die Einkaufsmöglichkeit bot sich nur Energiefirmen. Und die wollten die Ausverkaufspreise nicht mal nutzen.
Von Karsten Stumm

Düsseldorf - Deutschlands Verbraucher murren. Nie zuvor mussten sie so viel Geld im Jahr für Strom ausgeben wie derzeit: Die Stromrechnung vieler Haushalte hat Rekordniveau erreicht. Seit Anfang des Jahres 2000 sind die Verbraucherpreise für den Saft aus der Steckdose im Schnitt um 22 Prozent gestiegen, hat das Statistische Bundesamt ermittelt.

"Wir fürchten, dass es in diesem Jahr sogar noch teurer wird. Denn die Energieunternehmen haben seit der Jahrtausendwende ihre Strompreise immer pünktlich zum jeweiligen Jahresbeginn angehoben, und das abgekoppelt von der großen Energiepreisentwicklung auf den Weltmärkten und auch noch viel stärker als die durchschnittliche Verbraucherpreisentwicklung hierzulande", sagt Evelyn Keßler von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg zu manager-magazin.de.

Für nicht wenige Bundesbürger werden die Strom- und Heizungskosten deshalb zur zweiten Miete. Der Ärger der Verbraucher darüber wäre wohl noch größer, würden sie einen Blick hinter die Kulissen des Stromgeschäftes werfen. Denn die Energiefirmen verdienen mittlerweile nicht nur gut an den üppigen Strompreisen. Die Strommultis können die begehrte Energie bei eigenem Bedarf zwischenzeitlich sogar zu Ausverkaufpreisen einkaufen. So, wie am Neujahrsmorgen.

Zwischen ein Uhr in der Neujahrsnacht bis um zehn Uhr am Morgen sauste der Preis für eine Megawattstunde so tief in den Keller, wie es selbst erfahrene Händler selten zuvor erlebt haben. Die Konzerne, regionalen Versorgungsunternehmen und internationalen Handelshäuser waren nicht einmal bereit, für Stromlieferungen in diesen Stunden an der EEX-Börse in Leipzig auch nur wenige Cent zu bieten.

"Der Preis für die Lieferung eines Megawatts in den Stunden zwischen ein Uhr nachts bis neun Uhr fiel am Neujahrsmorgen tatsächlich auf null Euro", sagt EEX-Sprecherin Katrin Berken zu manager-magazin.de.

Monatelang Energie für 50 Cent

Monatelang Energie für 50 Cent

Tatsächlich stand der Handel mit Megawattlieferungen für die Stunden eins bis neun des Neujahrtages geradezu Kopf. Fast niemand wollte wenigstens einen Teil jener durchschnittlich gut 13.000 Megawatt ersteigern, die in den ersten sieben Neujahrsstunden im Schnitt angeboten worden sind. Nicht mal zum ultimativen Ramschpreis.

"Zwischenzeitlich überstieg das Stromangebot am EEX-Spotmarkt die kaum messbare Nachfrage um das Zweieinhalbfache. Wenn Sie so wollen, waren die Energieanbieter zu diesem Zeitpunkt auch noch froh, ihren Strom wenigstens verschenkt zu bekommen. Sonst hätten sie ihre Kraftwerke herunterfahren müssen - und das wäre noch teurer gewesen", sagt Tobias Federico zu manager-magazin.de, Geschäftsführer des unabhängigen Energiemarkt-Analysehauses Energy Brainpool.

Der Ausverkauf am Strommarkt ist umso bemerkenswerter, als dass an diesem Neujahrsmorgen noch immer die beiden Atomkraftwerke Biblis A und Biblis B wegen Reparaturarbeiten abgeschaltet waren. Damit fiel in Deutschland die Produktion von 2400 Megawatt Strom aus. Das entspricht immerhin rund 2 Prozent der zur Verfügung stehenden Kraftwerkskapazität hierzulande und sollte die Preise eigentlich treiben.

Billigangebot für den Energiehandel unbrauchbar

Doch erst für die Megawattlieferung zwischen zehn und elf Uhr fanden sich wieder Interessenten: Der gewaltige Stromstoß ging an der EEX weg - für schlappe 50 Cent.

Theoretisch hätte jeder deutsche Durchschnittshaushalt zu dieser Zeit mit einer kleinen Euro-Münze seine Stromsorgen für wenigstens ein Vierteljahr gelöst. Denn eine Megawattstunde Strom würde den durchschnittlichen Haushaltsbedarf für Licht, Herd und Heizung monatelang decken - vorausgesetzt, die Haushalte wären technisch in der Lage, den kräftigen Energiestoß peu à peu zu verbrauchen.

Dass die Strommultis die Niedrigstpreise an der Strombörse allerdings auch nicht nutzten, überrascht nur auf den ersten Blick. Denn für sie ist es technisch nicht möglich, die angebotenen Stromlieferungen so lange zu speichern, bis die Preise am Spotmarkt womöglich wieder gestiegen sind. Solche Stundenkontrakte jetzt billig zu kaufen und später für viel mehr Geld zu verkaufen, ist deshalb nicht drin.

Rekordwärme im Dezember

Rekordwärme im Dezember

Zudem haben sich viele Energieversorgungsunternehmen schon vor einem Jahr die erwartete Strommenge für diesen Winter gesichert, damit bei ihren Kunden jetzt nicht das Licht ausgeht. Doch dabei haben sie oftmals auch noch zu viel geordert.

Die Bundesbürger verbrauchen schon seit Wochen weniger Strom als zu dieser Jahreszeit üblich und deshalb von den Energieversorgungsunternehmen vor Monaten für den Winter 2006 bis 2007 geschätzt worden war. Entsprechend gering war am Neujahrsmorgen die Neigung der Stromfirmen, für manche verbrauchsarmen Tagesstunden zusätzlich Energie von anderen Anbietern an der Strombörse EEX zu kaufen.

Grund für die Fehlplanung der Versorger ist nicht zuletzt der milde Winter. Solange die Temperaturen hoch sind, wird kaum Energie zum Heizen gebraucht. Das drückt erst den Stromverbrauch der Bundesbürger und anschließend die Spotmarktnachfrage der Energieversorgungsunternehmen. Beides schlägt sich jetzt in den Büchern emsiger Statistiker nieder:

Deutschlandweit lagen die Temperaturen schon im Dezember vergangenen Jahres um 3,4 Grad Celsius höher als im Mittel der Jahre 1961 bis 1990, hat der Deutsche Wetterdienst ermittelt. Entsprechend gering war die Stromnachfrage zuletzt an der Strombörse in Leipzig. "Verglichen mit den Vorjahresmonaten ist bei uns im Dezember 10 Prozent weniger Strom auf dem Spotmarkt gekauft und verkauft worden", sagt EEX-Sprecherin Berken. Dabei hat das Handelsvolumen an der EEX im vergangenen Jahr insgesamt deutlich zugenommen.

Bleiben hierzulande die kalten Wintertage weiter aus, werden deshalb wohl jene Stromversorger jubeln, die im vergangenen Jahr einige Strombestellungen weniger abgegeben haben als die Konkurrenz.

Ihnen bietet sich jetzt die Gelegenheit, billig die nötige Restenergie zuzukaufen und damit einen schönen Schnitt zu machen - auch wenn diese Firmen damit eher einen Lottogewinn einstreichen; der jetzige Winter könnte ja auch außergewöhnlich streng und der Strom an der Börse ungewöhnlich teuer sein. Im Moment aber sind die Spätkäufer auf der Sonnenseite des EEX-Spotmarktes.

Bald niedrigere Stromrechnungen?

Bald niedrigere Stromrechnungen?

"Der Dezember 2006 war schon ungewöhnlich warm, es war der drittwärmste Dezember seit Aufzeichnungsbeginn im Jahre 1901. Und es gibt auch für die kommenden Tage nicht den geringsten Hinweis für eine Umstellung auf eine winterliche Großwetterlage", meldet der Deutsche Wetterdienst.

Fazit des Energy-Brainpool-Experten Federico: "Die Preise am Stromspotmarkt bleiben unter den jetzigen Rahmenbedingungen wohl weit unter den 70 bis 80 Euro pro Megawattstunde, die sonst an kalten Januartagen zu erwarten wären."

Davon allein haben Deutschlands Verbraucher zwar nichts. Doch die Stromfirmen haben immer wieder mal die Gelegenheit, sich selbst mit Energie zu Ramschpreisen einzudecken: Die Notierungen gehen immer wieder mal tief in den Keller, wissen Marktexperten - und zwar an Feiertagen, die in eine Arbeitswoche fallen.

Zudem schlagen die vergleichsweise niedrigen Spotmarktpreise nach Händlerangaben mittlerweile auch auf die Notierungen der Termingeschäfte durch, also den Handel mit Stromlieferungen in der Zukunft. Und damit kalkulieren die Stromriesen unter anderem auch jene Verbraucherpreise, die sie schließlich Deutschlands Haushalten in Rechnung stellen.

Bisher allerdings hat noch kein Versorgungsunternehmen hierzulande Hoffnung auf niedrigere Stromrechnungen in den nächsten Monaten gemacht. "Uns sind nur Ankündigungen für höhere Strompreise bekannt", sagt Verbraucherberaterin Keßler.