Automesse Detroiter G'schichten

Die Autobranche trifft sich in Detroit und nutzt das Forum der Messe, um sich über Trends, Personalien und Entwicklungen auszutauschen. Und um natürlich die neusten Modelle zu zeigen.

Detroit - Die automobile Welt kreist derzeit um den US-Staat Michigan. Genauer, um die Stadt Detroit, in der die Automesse North American International Auto Show (NAIAS) stattfindet. Dort werden die neusten Schöpfungen der Autokonzerne vorgestellt, wie beispielsweise der Volt aus dem Hause Chevrolet; die Studie eines Elektroautos.

Der futuristische Viersitzer verfügt dem Hersteller zufolge über einen Elektroantrieb, "der mit vielen Nachteilen bisheriger Elektrofahrzeuge Schluss macht". Der Wagen bezieht den Strom nicht nur aus der Steckdose, sondern kann seinen Energievorrat nach Angaben von Produktvorstand Bob Lutz mit einem kleinen Benzinmotor an Bord auch selbst auffüllen.

Anders als bei einem Hybridfahrzeug dient dieser ein Liter große Dreizylinder-Turbo, der konstant im optimalen Betriebsbereich laufe und zudem für eine Beimischung von 85 Prozent Bio-Ethanol ausgelegt sei, allerdings nicht dem Antrieb, sondern ausschließlich der Stromerzeugung.

Es geht aber nicht nur um Technik und Chrom. Viele Unternehmen nutzen die Messe als Bühne, um ihre Verkaufszahlen medienwirksam im Glanz neuer Autos zu präsentieren. Wie zum Beispiel der Autobauer BMW . Er hat im vergangenen Jahr einen neuen Absatzrekord eingefahren und seine Prognose für 2007 erhöht. "Wir werden bei allen Marken neue Rekordzahlen sehen", sagte Vertriebsvorstand Michael Ganal am Sonntag auf der Automesse. BMW werde in diesem Jahr voraussichtlich mehr als die bislang genannten 1,4 Millionen Fahrzeuge verkaufen.

Auf dem wichtigen US-Markt wollen sich Münchener gegen den befürchteten Abwärtstrend stemmen. Belastungsfaktoren blieben allerdings der starke Euro und die hohen Rohstoffkosten. Die Prognose eines Vorsteuergewinns von vier Milliarden Euro für 2006 bestätigte Ganal nochmals. Damit hat BMW seine Führungsposition als weltgrößter Premiumhersteller vor seinem Stuttgarter Erzrivalen Mercedes-Benz behauptet.

Der Münchener Konzern setzte mit 1,374 Millionen Fahrzeugen seiner Marken BMW, Mini und Rolls-Royce 3,5 Prozent mehr ab als im Vorjahr. Die Pkw-Gruppe Mercedes hatte zusammen 1,26 Millionen Mercedes-Benz, Smart und Maybach verkauft - ein Plus von 3,2 Prozent. Auch im Vergleich der beiden Kernmarken BMW und Mercedes-Benz behielt BMW knapp die Nase vorn.

DaimlerChrysler Blick nach vorn

DaimlerChryslers Blick nach vorn

DaimlerChrysler  seinerseits will wie bisher weitermachen und sieht im laufenden Jahr den Absatz der Mercedes Car Group (MCG) in der Größenordnung des Vorjahres. "Wir wollen mit der Mercedes Car Group wieder an das Rekordniveau von 2006 anknüpfen", sagte der Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche am Sonntag auf der Detroit Motor Show zu Journalisten. Die US-Tochter Chrysler werde die Verkäufe im Jahr 2007 steigern, bekräftigte er frühere Prognosen. "Dabei wird der Markt außerhalb von Nordamerika eine Hauptrolle spielen", so Zetsche weiter.

Im vergangenen Jahr hatte die Mercedes Car Group mit den Marken Mercedes-Benz, Smart und Maybach den Absatz an Endkunden um 3,2 Prozent auf 1.260.600 Fahrzeuge gesteigert. Die US-Tochter des Stuttgarter Automobilkonzerns hatte dagegen aufgrund der Absatzprobleme im US-Markt einen Rückgang der Verkäufe um 4,5 Prozent auf 2.698.429 Einheiten verzeichnet. Eine Entspannung ist laut Zetsche auf dem US-Markt 2007 nicht in Sicht: "Wir rechnen mit einem leichten Nachfragerückgang, der aber nicht dramatisch ausfallen dürfte." Der Weltmarkt werde aufgrund von steigenden Volumina in den Schwellenländern jedoch zulegen.

Als "unbefriedigend" bezeichnete Zetsche das Abschneiden der US-Tochter im vergangenen Jahr. Gleichzeitig hob er jedoch hervor, dass der Chrysler-CEO Tom LaSorda sowohl sein als auch das Vertrauen des Aufsichtsrats genieße. Er sei zuversichtlich, dass LaSorda mit seinem Team den Turnanround schaffe. Der Chrysler-CEO will bis Ende des 1. Quartals einen weitreichenden Restrukturierungsplan vorlegen, der die Rückkehr in die schwarzen Zahlen ermöglichen soll.

Die US-Tochter erwartet aufgrund von Absatzproblemen und einer fehlgeschlagenen Modellpolitik im Jahr 2006 einen operativen Verlust von rund 1 Milliarde Euro. Zetsche wollte sich nicht dazu äußern, ob Chrysler wie ursprünglich prognostiziert im vierten Quartal wieder ein positives Ergebnis ausweisen wird.

Ursache für die Probleme bei Chrysler ist eine Modellpalette, die zu über 70 Prozent aus großen spritfressenden Fahrzeugen besteht, während die US-Kunden verstärkt kleinere und verbrauchsgünstige Fahrzeuge nachfragen. "Es ist noch zu früh, daraus einen längerfristigen Trend abzuleiten", so der Manager. Sollten die Benzinpreise auf dem aktuellen Niveau verharren, dürfte es keine weitere Nachfrageverschiebung im Light Truck Segment mehr geben. Als einen der wichtigsten Pfeiler für den Turnaround bei Chrysler bezeichnete er die Minivans, deren überarbeiteten Versionen im Herbst auf den Markt kommen sollen.

Audi und neue Rekorde

Audi und neue Rekorde

Volkswagen  hat wenige Tage vor einer wichtigen Aufsichtsratssitzung zur künftigen Konzernstruktur einen Absatzrekord gemeldet. Der Konzern setzte 2006 weltweit 5,73 Millionen Fahrzeuge ab - das waren 9,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Der neue Konzernchef Martin Winterkorn erklärte, zu dem Rekord hätten alle Marken beigetragen. In allen wesentlichen Absatzregionen habe es Steigerungen gegeben.

Eine der Töchter zeigt sich mit entsprechend stolzgeschwellter Brust. Audi  kündigt nach einem Absatzrekord für das abgelaufene Jahr auch neue Bestmarken bei Umsatz und Gewinn an. "Neben den Verkaufszahlen wird 2006 sicherlich auch bei den anderen Unternehmenskennzahlen ein absoluter Rekord", sagte der neue Audi-Chef Rupert Stadler, allerdings ohne Details zu nennen. Er verwies darauf, dass der Durchschnittswert der im vergangenen Jahr von Audi verkauften Wagen durch höhere Ausstattungen und stärkere Motorisierungen sowie den neuen Geländewagen Q7 gestiegen sei.

Eine Bilanz des abgelaufenen Geschäftsjahres will Audi Ende Februar ziehen. Audi steigerte die Auslieferungen 2006 weltweit dank neuer Modelle um 9,2 Prozent auf 905.100 Fahrzeuge. "Damit sind wir auf dem besten Weg, bis zum Jahr 2015 der erfolgreichste Premiumhersteller der Welt zu werden", gab sich Stadler selbstbewusst. Auf dem Weg dahin will Audi die Zahl der verkauften Fahrzeuge bis 2008 auf eine Million erhöhen. Im Jahr 2015 wollen die Ingolstädter dann 1,4 Millionen Autos mit den vier Ringen auf dem Kühlergrill verkaufen und damit an seine Hauptkonkurrenten BMW und Mercedes-Benz heranrücken.

Der bisherige Finanzchef Stadler war jüngst Martin Winterkorn an die Spitze des erfolgreichen Ingolstädter Autobauers gefolgt. Winterkorn war zu Jahresanfang an die Konzernspitze nach Wolfsburg gewechselt, wo er Bernd Pischetsrieder ersetzt hat.

Was macht Piëch?

Was macht Piëch?

Eine Personalie der anderen Art prägt auch Volkswagen . Betriebsratschef Bernd Osterloh hat sich für einen Verbleib des umstrittenen Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch an der Spitze des Kontrollgremiums ausgesprochen. Piëch sei ein "ausgewiesener Autofachmann", sagte Osterloh am Sonntag.

Er würde es begrüßen, falls Piëch, dessen Amtszeit mit der Hauptversammlung im Mai endet, im VW-Kontrollgremium bleibe. Falls sich die Kapitalseite darauf einige, dass Piëch weiterhin Aufsichtsratschef bleiben soll, werde die Arbeitnehmerseite "zu 100 Prozent zustimmen".

VW-Aufsichtsratsmitglied Osterloh stellte sich damit vor allem gegen Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff. Der CDU-Politiker, der dem Kontrollgremium ebenfalls angehört, hatte wiederholt gefordert, dass sich Piëch 2007 aus dem VW-Aufsichtsrat zurückziehen solle. Wulff ist vor allem die Doppelfunktion von Piëch, der zugleich Miteigentümer von VW-Großaktionär Porsche  ist, ein Dorn im Auge. Wulff sieht darin eine Verletzung der Grundsätze der guten Unternehmensführung. Das Land Niedersachsen ist nach Porsche zweitgrößter VW-Aktionär.

Piech selbst gibt sich gelassen. "Warum nicht?", sagte er am Sonntag am Rande der Detroit Motor Show auf die Frage, ob er im Aufsichtsrat bleiben wolle. Er äußerte sich allerdings nicht dazu, ob er weiterhin als Vorsitzender des Kontrollgremiums fungieren wolle. Piechs Mandat läuft mit der diesjährigen Hauptversammlung im April aus.

Bei VW ist die Frage der Piech-Nachfolge und der Verbleib des früheren Konzernchefs im Aufsichtsrat stets ein umstrittenes Thema. Nach Medienberichten hat Piech kein Interesse, den Aufsichtsratsvorsitz abzugeben.

Die siechen US-Produzenten

Die siechen US-Produzenten

Bei den US-Firmen sieht es weniger gut aus. "Die US-Hersteller versuchen in Detroit zu zeigen, dass sie in diesem Jahr die Kurve kriegen. Die Hausaufgaben sind aber sicherlich noch nicht gemacht", sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer zur Lage der "Großen Drei": General Motors , Ford  und Chrysler. Im abgelaufenen Jahr sank ihr Absatz auf den niedrigsten Stand seit acht Jahren. Der ostentative Optimismus schmeckt daher etwas schal - aber immerhin bunt.

Auf einer knallig-bunten Bühne schwingt Chrysler-Chef Tom LaSorda den Kochlöffel und philosophiert Seit an Seit mit dem prominenten Fernsehkoch Bobbie Flay über das "Rezept des Erfolgs". Bei General Motors posieren Hollywoodstars wie Christian Slater ebenso vor den neuen Modellen des größten US-Autoherstellers wie Seriendarstellerin Carmen Electra oder hibbelige Nachwuchsmodels. Von Krisenstimmung jedenfalls keine Spur.

Doch der fröhlich-selbstbewusste Auftritt auf heimischem Parkett verstellt den Blick auf die Realität: Die US-Autobauer stecken in massiven Schwierigkeiten. Jenseits des Atlantiks tobt seit Jahren ein ruinöser Preiskampf, in dem sich die Hersteller mit immer neuen Rabatten gegenseitig unterbieten. Hinzu kommen die anhaltend hohen Ölpreise, die die Verbraucher zunehmend auf sparsamere und kleinere Autos ausweichen lassen. Von hohen Sozial- und Gesundheitskosten ganz zu schweigen.

Alle stecken eben mitten im Umbau. Chrysler beispielsweise hat im letzten Jahr einen Milliardenverlust eingefahren. In den kommenden Wochen will Vorstandschef La Sorda seine Sanierungspläne bekannt geben. Klar ist bislang nur, dass erneut Arbeitsplätze abgebaut werden, wie viele allerdings, darüber hält man sich Detroit bedeckt. Chrysler hat bereits harte Einschnitte hinter sich. In den vergangenen Jahren sank die Zahl der Mitarbeiter von rund 126.000 auf 82.000.

Breite Brust beim VDA

Breite Brust beim VDA

GM macht zwar Fortschritte bei der Sanierung, im dritten Quartal fiel aber immer noch ein Verlust von 115 Millionen Dollar an. Das Unternehmen schließt ebenfalls Fabriken und baut gezielt Stellen ab. Das gleiche Bild bei Ford: In den ersten neun Monaten steckte der Konzern sogar mit mehr als sieben Milliarden Dollar in den roten Zahlen. Er kürzlich hat Ford angekündigt, sich für den Umbau bei Banken und am Kapitalmarkt mehr als 21 Milliarden Dollar besorgen zu wollen. Zehntausende Jobs sollen abgebaut werden.

Denn radikale Sparmaßnahmen allein dürften den schwächelnden Riesen nicht auf die Beine helfen. "Sie haben eine falsche Modellpalette und eine falsche Einstellung zum Kunden", sagt der frühere BMW-Chefvolkswirt Helmut Becker, Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation in München. Den Trend zu sparsameren Autos haben sie verschlafen. Mit dem massiven Anstieg der Ölpreise in den vergangenen Jahren blieben sie auf ihren großen, Sprit fressenden Trucks sitzen.

Neue Modelle sind gefragt und hier entfalten die US-Hersteller seit einigen Monaten und besonders auch in Detroit hektische Betriebsamkeit. Chrysler will künftig Daimler-Dieseltechnologie nutzen und plant die Produktion eines Kleinwagens in Kooperation mit dem chinesischen Hersteller Chery, der allerdings nicht vor dem Jahr 2009 kommen dürfte.

Viel Zukunftsmusik also. Dudenhöffer glaubt denn auch nicht an schnelle Erfolge. "Die Restrukturierung wird noch fünf bis zehn Jahre dauern".

Die deutschen Autohersteller zumindest wollen in diesem Jahr auf dem wichtigen amerikanischen Markt gegen den Trend wachsen. " Wir werden uns Marktanteile nicht nur von den heimischen Herstellern, sondern auch von den Asiaten holen", sagte Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Der VDA erwartet für den US-Markt in diesem Jahr einen leichten Absatzrückgang. Im vergangenen Jahr hatten die Deutschen in Nordamerika insgesamt 921.000 Fahrzeuge verkauft, was einem Marktanteil von 5,8 Prozent entsprach. In diesem, spätestens im nächsten Jahr werde dann voraussichtlich die Marke von einer Million verkaufter Fahrzeuge geknackt. "Da werden wir uns heranpirschen."

manager-magazin.de mit Material von ddp, dpa, dow jones und reuters

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