Volkswagen Piëch und kein Ende

Lopez-Affäre, Bordellskandal, falsche Modellentscheidungen – Ferdinand Piëch hat, oh Wunder, alles, was den VW-Konzern erschütterte, schadlos überstanden. Nach der Quasi-Übernahme durch Porsche wird er bei VW mächtiger denn je. Zum Schaden für den Konzern und für Deutschland.
Von Wolfgang Kaden

Hamburg - Zum Jahreswechsel 2005/2006 verschickte der Münchener Headhunter Dieter Rickert eine bemerkenswerte Karte an Freunde und Geschäftspartner. Neben den üblichen Wünschen für das neue Jahr hatte Rickert, der Altmeister seiner Zunft, einen Aufkleber angebracht. Dort war zu lesen: "Ceterum censeo: Die Egomanen Stoiber und Piëch beschädigen die Kultur von Politik und Unternehmensführung. Ihr Abgang wäre ein Segen."

Gut gebrüllt. Doch Rickerts Wunsch ging, wie wir heute wissen, 2006 nicht in Erfüllung. Und 2007? Edmund Stoiber, immerhin, muss um seine erneute Nominierung für die Spitzenkandidatur kämpfen. Ferdinand Piëch jedoch besitzt bei Volkswagen  mehr Macht denn je, seit die Familienfirma Porsche/Piëch dort zum größten Aktionär aufgestiegen ist.

Das ist, Rickert hat recht, ein Desaster für die Unternehmenskultur in Deutschland; eine Tragödie für den größten Autohersteller im Lande; eine Niederlage für die Corporate Governance in Deutschland.

Ferdinand Piëch ist ein Phänomen: Gewöhnliche Sanktionsmechanismen, die bei Fehlleistungen und Missetaten in unserer Gesellschaft gemeinhin greifen, sind bei diesem Unternehmensführer wirkungslos. Was immer Piëch auf seinem Lastenkonto anhäuft – es gereicht ihm nicht zum Schaden.

Beispiel Personalkompetenz: Kaum zu überschauen ist die Heerschar von Topmanagern, die Piëch erst beförderte und anschließend demontierte. Bei Audi hat er kurz hintereinander drei fähige Männer – Franz-Josef Kortüm, Herbert Demel und Franz-Josef Päfgen – zu Chefs gemacht und kurze Zeit später davongejagt. Und war nicht auch Bernd Pischetsrieder, den Piëch jetzt so lustvoll erniedrigte, von eben jenem Piëch nach Wolfsburg gelockt worden?

Beispiel Modellpolitik: Entgegen allen Erkenntnissen der Markenlehre ließ Piëch mit dem Phaeton ein Oberklasseauto entwickeln, das sich unter dem Logo VW als unverkäuflich erweist. Und mit dem 1001-PS-starken Bugatti ließ sich der Ingenieur Piëch von dem Konzern eine aufwändige technische Spielerei bezahlen.

Beispiel Tarifstrategie: Die von Piëch und seinem Personalvorstand Peter Hartz installierte 28-Stunden-Woche sollte die Entlassung von rund 30.000 Arbeitskräften verhindern. Sie erwies sich zugleich als ein sündhaft teures Zugeständnis an die IG Metall, weil die Löhne nicht entsprechend gesenkt wurden. VW war bei den Arbeitskosten seither praktisch konkurrenzunfähig. Es blieb Pischetsrieder und dem Sanierer Wolfgang Bernhard überlassen, diese schwere Hypothek abzutragen.

Nun geht es für Piëch bei VW erst richtig los

Beispiel Interessenvermischung: Die Unternehmen des Porsche/Piëch-Clans sind aufs Engste miteinander verbandelt. So eng, dass kein Außenstehender die vielfältigen Geschäftsbeziehungen durchschaut. Wie gelang es der österreichischen Piëch-Holding, in vielen osteuropäischen Staaten VW-Generalimporteur zu werden? Ist der Verdacht gänzlich unbegründet, dass bei der Entwicklung der baugleichen Geländewagen Cayenne (Porsche ) und Touareg (VW) der Großteil der Kosten von den Wolfsburgern getragen wurde?

Beispiel Lopez-Affäre: Der von Piëch angeheuerte Einkaufschef Ignacio Lopez ließ Kisten und Festplatten vollgestopft mit geheimem Material von seinem vorherigen Arbeitgeber General Motors mitgehen – der größte Fall von Industriespionage, den Deutschland bislang erlebte. Dass Piëch von dem Diebstahl nichts wusste, darf bezweifelt werden. Lopez war nach Jahren des Leugnens nicht mehr zu halten. Doch Piëch – der ursprünglich verkündet hatte, ein Rücktritt von Lopez "hätte ganz sicher gravierende Konsequenzen für mich" – durfte auf seinem Posten bleiben.

Und dann, last but not least, die Bordellaffäre. Einzigartig in der deutschen Unternehmensgeschichte wie die Affäre Lopez. Noch nie ist jedenfalls bislang ein Fall bekannt geworden, bei dem eine Firmenleitung in vergleichbarer Dimension wie bei VW versucht hat, den Betriebsratschef und andere Arbeitnehmervertreter durch Geld und Wohltaten zu bestechen.

Wenn dieses System VW demnächst gerichtlich aufgearbeitet wird, beginnend mit dem Prozess gegen Peter Hartz, müssen sich nach jetzigem Stand zwölf Männer verantworten. Ferdinand Piëch – der VW-Chef, unter dessen Herrschaft dieses Sodom erblühte – zählt nicht zu den Angeklagten. Er will von allem nichts gewusst haben. Just jener Mann, der erst bei Audi und später bei VW bekannt war für sein feinmaschiges Überwachungsnetz, soll bei den Extras für die Betriebsräte gänzlich ahnungslos gewesen sein? Es gibt nicht viele in Wolfsburg und außerhalb, die diese Mär glauben.

Im April wird dieser Ferdinand Piëch, an dem nichts hängen bleibt, 70 Jahre alt – und nun geht es für ihn bei VW erst richtig los. Er wird mit Sicherheit im Aufsichtsrat und womöglich dort gar im Vorsitz verbleiben. Mit der Macht des Porsche-Kapitals wird er versuchen, das Unternehmen, das sein Großvater einst im Auftrag der NS-Führung aufgebaut hat, zu einer Porsche/Piëch-Familienfirma zu machen.

Es ist beklemmend, zu beobachten, wie wenig Corporate Germany diesem Mann entgegenzusetzen hat. Die Aufsichtsräte der Kapitalseite ließen Piëch bislang weitgehend freie Hand, wie kürzlich bei der Ablösung von Pischetsrieder wieder zu beobachten war. Nur der Corporate-Governance-Papst Gerhard Cromme wollte nicht mehr mitspielen, er verließ im vergangenen Jahr den VW-Aufsichtsrat. Ganz still, einfach so, ohne öffentliche Begründung. Er wird wissen, warum.

Doch reicht das? Was ist mit den anderen Räten der Kapitalseite? Welche Rolle spielt Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, ist er nur Handlanger Piëchs? Volkswagen  ist nicht irgendein TecDax-Unternehmen. Der Konzern ist ein Aushängeschild des Industriestandorts Deutschland. Zu wichtig, um ihn den Launen und charakterlichen Eigenheiten eines alternden Auto-Autokraten zu überlassen.

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