Standort-Ranking Warum Deutschland so schlecht abschneidet

Trotz des kräftigsten Wirtschaftswachstums seit fünf Jahren bleibt Deutschland im Standortvergleich der Bertelsmann-Stiftung von 21 Industrienationen das Schlusslicht. manager-magazin.de veröffentlicht Detailergebnisse des Rankings und verrät, warum andere Länder besser sind.
Von Martin Hintze

Berlin - Laut aktuellen Konjunkturprognosen entwickelt sich die deutsche Wirtschaft prächtig. Die sechs führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben für 2006 das stärkste Wachstum seit fünf Jahren vorausgesagt. Auch die Bundesregierung hob daraufhin ihre Vorhersage deutlich an. Für das laufende Jahr werde ein Zuwachs von 2,3 Prozent erwartet und für 2007 ein Plus von 1,4 Prozent.

Doch der internationale Vergleich zeigt das Dilemma des hiesigen Standortes: Deutschland schneidet unter 21 Industrienationen am schlechtesten ab. Laut aktuellem Standort-Ranking der Bertelsmann-Stiftung hinkt das Wachstumspotenzial trotz des derzeitigen Aufschwungs in Deutschland anderen Staaten weit hinterher. Länder wie Frankreich, Großbritannien oder Belgien sind beim Wachstumspotential mittlerweile vorbeigezogen. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland sei die dritthöchste, und das Pro-Kopf-Einkommen liege deutlich unter dem Durchschnitt.

"Die Arbeitslosenquote wird sich trotz des derzeitigen Aufschwungs nicht nachhaltig verringern", sagt Ulrich van Suntum, Autor der Vergleichsstudie, gegenüber manager-magazin.de. Es fehle an strukturellen Reformen. In anderen Ländern wie beispielsweise Norwegen werde dagegen schon seit langem praktisch Vollbeschäftigung erreicht.

Grund der deutschen Misere: In keinem anderen Land ist die Langzeitarbeitslosigkeit so hoch wie hierzulande. Auch bei der Beschäftigung Älterer hat außer Japan keine der untersuchten Nationen derartige Probleme, sagt van Suntum.

Der Volkswirtschaftler, der seit 1995 an der Universität Münster lehrt, kritisiert in dem Zusammenhang auch die jüngsten Vorschläge des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers. Die Forderung des CDU-Politikers, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes für Ältere zu verlängern, hält er für "kontraproduktiv". Denn so werde der Anreiz, beim Jobverlust im höheren Alter einfach bis zur Rente arbeitslos zu bleiben, nur gefördert.

Aber auch Geringqualifizierte haben es in Deutschland schwer, einen neuen Job zu finden. Einer der Gründe dafür sei der oft nur geringe Lohnabstand zwischen der vergleichsweise großzügigen staatlichen Grundsicherung und dem Einkommen aus regulärer Erwerbstätigkeit. Zudem fehlten im Niedriglohnbereich viele Stellen, auf die weniger gut ausgebildete Arbeitslose vermittelt werden könnten.

Großer Nachholbedarf besteht auch beim Thema öffentliche Haushalte: "In Deutschland steigt die Staatsverschuldung trotz des Aufschwungs weiter an, während andere Nationen Haushaltsüberschüsse erwirtschaften", sagt van Suntum. Auch wenn in diesem Jahr endlich wieder die Maastricht-Anforderungen- wonach das Haushaltsdefizit maximal 3 Prozent des BIP betragen darf - eingehalten würde, sei das nur ein schwacher Trost.

Es besteht Hoffnung

Es besteht Hoffnung

Trotz aller Kritik besteht auch Hoffnung: Erstmals seit 2001 könnte Deutschland im kommenden Jahr aufgrund der Reformen die Rote Laterne abgeben und auf Rang 19 vorrücken. So sei im Aktivitätsindex, der den Erfolg der Wirtschaftspolitik misst, ein beachtlicher Sprung nach vorne gelungen. Hier belege Deutschland Rang 15, vor zwei Jahren waren die Deutschen noch Vorletzter.

Trotz des dürftigen Gesamtbildes bescheinigt die Studie der deutschen Wirtschaftspolitik Teilerfolge: So sei die Erwerbsbeteiligung der Bevölkerung auf international beachtliche 78 Prozent gestiegen. Zudem habe das lohnpolitische Augenmaß der Tarifparteien zu einer leichten Belebung am Arbeitsmarkt beigetragen. Auch die Beschäftigungssituation für Jugendliche stelle sich besser dar als in anderen Ländern.

Volkswirtschaftler van Suntum fordert von der Wirtschaftspolitik einen langen Atem: "Zumindest ist nun der Abwärtstrend gestoppt. Aber immer noch liegen wir mit Abstand auf dem letzten Platz und ich denke, dass Deutschland noch mindestens eine Dekade benötigen wird, um wenigstens ins Mittelfeld vorzustoßen." Derzeit sei man für den härter werdenden Wettbewerb schlecht gerüstet, zumal die Hauptkonkurrenten auf den Weltmärkten der Zukunft - China und Indien - im Ranking ja noch gar nicht berücksichtigt seien.

Die Ranking-Methode

Der Kern des Internationalen Standort-Rankings der Bertelsmann-Stiftung ist der so genannte Erfolgsindex. Er gibt an, wie erfolgreich eine Volkswirtschaft aktuell hinsichtlich Arbeitsmarktentwicklung und Wirtschaftswachstum ist.

"Das Bertelsmann-Ranking betrachtet mittelfristige Trends", sagt van Suntum. "Es ist wie ein großer Tanker, der nur langsam in eine andere Richtung bewegt werden kann." Im Gegensatz zu anderen Vergleichsstudien beruhe die Untersuchung auf OECD-Daten und nicht auf Befragungen. Diese Daten werden dann in Punktwerte zwischen 0 und 120 umgerechnet. Entscheidend ist somit der relative Vergleich: Ein Land, das sich – beispielsweise im Absolutwert Arbeitslosenquote – leicht verbessert, kann trotzdem einen sinkenden Punktwert für diese Größe zugewiesen bekommen, wenn sich die anderen Länder im Durchschnitt besser entwickelt haben.

Hinweise auf die Unterschiede in der Entwicklung einzelner Staaten gibt der Aktivitätsindex. Hier werden zwölf Faktoren erfasst, die eine Erklärung für die Unterschiede im wachstums- und beschäftigungspolitischen Erfolg der Länder liefern. Der Aktivitätsindex misst und bewertet zudem die Maßnahmen, die das jeweilige Land zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit sowie zur Stärkung des Wirtschaftswachstums ergriffen hat. Er gibt somit an, ob in einem Land die Weichen für die Zukunft auf Erfolg ausgerichtet sind und zeigt mögliche Ansatzpunkte für politische Korrekturen auf. Wie beim Erfolgsindex werden auch im Aktivitätsindex die Originaldaten in Punktwerte zwischen 0 und 120 umgerechnet.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.