Europa Die neuen, alten Stärken

Traumhafte Wachstumsraten, globale Trendsetter – die besten Unternehmen Europas sind im Wettbewerb mit den USA und Asien gut positioniert. Der Wettbewerb "Best of European Business" zeigt jedoch auch, dass es vor allem traditionelle Branchen sind, in denen Europäer die Nase vorn haben.

Europas Spitzenunternehmen müssen internationale Vergleiche nicht fürchten. Das ist eine Erkenntnis des pan-europäischen Wettbewerbs "Best of European Business" , den Roland Berger Strategy Consultants gemeinsam mit dem manager magazin und weiteren international renommierten Wirtschaftspublikationen durchführt.

Der Wettbewerb wird in zehn der wichtigsten europäischen Volkswirtschaften durchgeführt: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Portugal, Spanien, Polen, Dänemark, den Niederlanden und der Schweiz. Fünf nationale Wettbewerbe sind bereits abgeschlossen, die deutschen Preisträger werden am 20. November in Berlin bekannt gegeben.

Sehr deutlich zeigt sich die Leistungsstärke europäischer Topunternehmen bei den Wachstumsraten. Die besten zehn eines Landes legen im Schnitt jedes Jahr um mehr als 20 Prozent zu – und das gilt für nahezu alle europäischen Länder. Einzige Ausnahme ist Deutschland, hier liegt die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Top Ten aber immer noch bei rund 15 Prozent.

Ein gutes Beispiel für Dynamik ist die spanische Gamesa . Sie bringt es in dem hart umkämpften Markt für Windkraftanlagen auf ein jährliches Umsatzwachstum von 24 Prozent. Noch beeindruckender ist das Wachstum des schweizerischen Eisenbahnherstellers Stadler Rail. Dessen Geschäfte wuchsen zwischen 2001 und 2005 um 37 Prozent – jährlich.

Staatsunternehmen wachsen langsamer

Echte Champions lassen sich selbst von unvorteilhaften Rahmenbedingungen nicht aufhalten. So sind hohe Wachstumsraten der Unternehmen nicht abhängig vom Grad der Bürokratie in den jeweiligen Heimatländern. Einen deutlichen Effekt hat es allerdings, wenn der Staat direkt in die Geschäfte eingreift. Europäische Unternehmen mit signifikantem Staatsanteil wuchsen im Schnitt nur halb so schnell wie privat geführte Unternehmen.

Wie viel Kraft Unternehmertum entwickeln kann, zeigt beispielsweise das spanische Familienunternehmen Gruppo Vilar Mir (GVM). Mit so unterschiedlichen Aktivitäten wie Bau, Düngemitteln, Metallveredelung, Energiegewinnung und IT ist GVM weltweit erfolgreich. So ist das Unternehmen mittlerweile zum EU-Marktführer für Düngemittel aufgestiegen.

Auch beim Thema Innovation schneiden die Europäer – allen voran deutsche und skandinavische Unternehmen – besser ab als die globale Konkurrenz. Sie haben die fortschrittlichsten Produktionsprozesse, machen besseres Marketing und Branding und verfügen über höhere Innovationskapazitäten. Der französische Pharmakonzern Sanofi-Aventis  – Preisträger bei "Best of European Business 2005" - ist hier ein Beispiel. Rund vier Milliarden Euro werden in Forschung und Entwicklung investiert, knapp zwei Drittel der Präparate genießen umfassenden Patentschutz und können kurzfristig nicht von Generika-Herstellern kopiert werden.

Angriff statt Verteidigung

Innovationen sind auch der zentrale Erfolgsfaktor der niederländischen Stage Entertainment. Dabei geht es längst nicht nur um die künstlerische Gestaltung von Musical-Welterfolgen wie "König der Löwen". Im Hintergrund stehen eine internationale Ticket- und Marketing-Organisation, ein Netzwerk von Spielstätten mit neuester Bühnentechnik und ein ständig erweitertes Portfolio von Lizenzprodukten.

Die These, aufgrund der weltweiten Konkurrenz würden europäische Unternehmen in traditionellen Industrien von aggressiven Newcomern verdrängt, wird von den bisherigen Ausscheidungen zu "Best of European Business"  widerlegt. Europas Topunternehmen sind gerade in den international hart umkämpfen Branchen wie der Bauwirtschaft oder der Bekleidungsindustrie zu finden – und sie sind die Angreifer und nicht die Verteidiger im globalen Wettbewerb.

So ist der spanische Preisträger Ferrovial gerade mit dem Kauf der britischen BAA  zu einem der weltweit führenden Flughafenbetreiber aufgestiegen. Der schweizerische Zement-Weltmarktführer Holcim  hat sich durch geschickte Transaktionen eine Führungsrolle im hoch dynamischen indischen Markt gesichert. Und dem italienischen Gewinnerunternehmen Geox ist mit seinen atmenden Schuhen ein Umsatzwachstum gelungen, das kein anderer Hersteller dieser Branche schafft, in den Jahren 2001 bis 2005 jährlich 33 Prozent.

Ein Kontinent als "rising star"

Was aber, wenn die erfolgreichsten Firmen dem Standort Europa den Rücken kehren? Diese Frage wurde im Rahmen von "Best of European Business" den CEOs direkt gestellt. Ergebnis: Die Firmen können und wollen nicht auf Europa verzichten. Im Gegenteil: Fast alle Befragten waren der Ansicht, Europa werde künftig eine größere Rolle spielen.

Die wichtigsten Argumente dafür sind die Menschen und ihr Können, eine hervorragende Infrastruktur und ein regulatorisches Umfeld, das von vielen vielleicht als zu dicht empfunden werden mag – das aber einen verlässlichen Rahmen für gute Geschäfte bietet. Europa wird, so die Meinung der Spitzenmanager, in den nächsten zehn Jahren besonders in einigen Schlüsselfeldern an Bedeutung gewinnen: Bei den Themen Finanzierung, Vertrieb und Marketing, Branding, Managementausbildung und Managementrecruiting wird der Kontinent als "rising star" gesehen.