US-Wahl "Der Markt fürchtet die Demokraten"

Der Erfolg der Demokraten bei den US-Wahlen belastet den Dollar und beunruhigt die Wall Street. Zu Unrecht, meinen Analysten. Gefahr für die US-Wirtschaft droht nicht von neuen Machtverhältnissen am Capitol Hill, sondern aus einer anderen Richtung.

Hamburg - Ein Zittern war bereits vorher zu spüren. Die ersten Wahllokale an der US-Ostküste waren kaum geöffnet, da drückten zahlreiche Devisenhändler in Europa auf den Verkaufsknopf: Der Dollar gab gegenüber dem Euro deutlich nach. "Noise trading" heißt so etwas in den Handelssälen – doch die Ahnung, dass die republikanische Partei von US-Präsident George Bush bei den Kongresswahlen abgestraft wird, trieb viele Investoren zur Eile.

"Der Markt hat einen Machtzuwachs der Demokraten zwar bereits eingepreist", meint Eugen Keller, Devisenexperte beim Bankhaus Metzler. Seit Anfang Oktober hat der Dollar zum Euro deutlich an Wert verloren.

Doch sollten die Demokraten mit einem Erdrutschsieg nicht nur die Mehrheit im Repräsentantenhaus, sondern zusätzlich auch die Kontrolle im Senat gewinnen, könnte dies zu einer politischen Lähmung des noch für zwei Jahre amtierenden US-Präsidenten führen. "Das macht viele Anleger nervös und treibt sie aus dem Dollar", sagt Keller. Am Mittwochvormittag schwankte der Dollar um ein Sechswochentief.

Märkte reagieren verschnupft

Sollten die demokratischen Kandidaten sich auch in den umkämpften Staaten Montana und Virginia durchsetzen, dürfte es auch im Senat zu einer Mehrheit reichen. Damit hätten die Demokraten erstmals seit zwölf Jahren in beiden Häusern die Kontrolle.

Doch in Virginia drohen Nachzählung und ein juristisches Nachspiel: Eine möglicherweise wochenlange Hängepartie schmeckt den Börsen nicht. In Asien ging der japanische Nikkei  mit deutlichen Verlusten aus dem Handel, der Dax  in Frankfurt rutschte bis 11 Uhr um 0,5 Prozent, und die US-Futures drehten ins Minus.

Die deftige Niederlage der Republikaner dürfte kurzfristig für Unruhe an der Wall Street sorgen und den Dollar schwächen, ergänzt Tomke Hansmann, Analystin bei der auf den Devisenhandel spezialisierten FXdirekt Bank. Der Machtzuwachs der Demokraten bedeute langfristig aber nicht, dass es mit Wirtschaft und Währung der USA nun bergab gehe – im Gegenteil.

"Eher die Republikaner fürchten"

"Der Markt fürchtet traditionell die Demokraten, doch mit Blick auf die Statistik müsste er eher die Republikaner fürchten", sagt Hansmann. Unter demokratischer Führung weise die USA seit 1945 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 3,6 Prozent pro Jahr sowie ein Haushaltsdefizit von 0,3 Prozent auf. Die republikanische Partei bringt es lediglich auf 2,6 Prozent Wachstum und zeigt mit einem durchschnittlichen Defizit von 2,7 Prozent deutlich weniger Ausgabendisziplin.

"Dies legt nahe, dass eine demokratische Regierung eher für eine Konsolidierung des Haushalts steht – und das ist positiv für den Dollar", sagt Hansmann. Der durch das Wahlergebnis abgewatschte US-Präsident hat sich seit Amtsantritt als Dollar-Weichmacher gezeigt: Seit 2000 hat der Euro um rund ein Drittel gegenüber der US-Währung Dollar zugelegt. Auch Bushs jüngste Bemühungen im Wahlkampf hatten keinen Erfolg.

Pattsituation kann Dollar nützen

Bushs vergebliches Bemühen

Vergeblich hatte US-Präsident George W. Bush auf die jüngsten Wirtschaftsstatistiken verwiesen. Vor allem dank sprudelnder Unternehmensteuern in Höhe von 345 Milliarden Dollar ist das Haushaltsdefizit der USA deutlich kleiner geworden.

Bush hatte bei seiner Wiederwahl 2004 die Halbierung des Defizits bis zum Jahr 2009 versprochen - erreicht hat er dieses Ziel bereits 2006. Doch nur ein Bruchteil des US-Wirtschaftswachstums, hielten die Demokraten dagegen, sei auf Bushs massive Steuersenkungen zurückzuführen: Während von den zeitlich befristeten Steuergeschenken vor allem die Reichen profitieren, treibe das Desaster im Irak die öffentlichen Ausgaben weiter in die Höhe.

Mit dem Thema Wirtschaft konnte die republikanische Partei des Präsidenten bei diesen Wahlen nicht mehr punkten: Die mit neuer Macht ausgestatte demokratische Partei dürfte auch hier neue Akzente setzen.

Pattsituation kann Dollar nützen

Eine Pattsituation, in der eine demokratische Mehrheit im Kongress die Beschlüsse des US-Präsidenten ausbremst, muss die Wall Street aber nicht in Trauer stürzen. Sie kann nach Einschätzung von Analystin Hansmann mittelfristig sogar dem Dollar helfen.

Kompromisse bei den Staatsausgaben könnten den Dollar direkt entlasten, während moderatere Töne in der Außenpolitik und ein Kurswechsel im Irak mittelbar die Ölpreise drücken und den Greenback stärken könnten. Die vielfach befürchtete "Blockade" muss für die US-Währung nicht von Nachteil sein.

Die politische Kräfteverschiebung drücke kurzfristig auf den Dollar, meint auch Stefan Schilbe, Devisenexperte bei HSBC Trinkaus. Langfristig würden aber andere Faktoren wie die Notenbank- und Kapitalmarktzinsen dem Dollar den Weg weisen. "Die US-Wirtschaft wandelt auf einem schmalen Grat", sagt Schilbe. Einen sicheren, sanften Abstieg könne keine der beiden politischen Parteien garantieren.

Auch Sparpolitik birgt Risiken

Auch Sparpolitik birgt Risiken

"Möglich, dass ein demokratisch dominierter Kongress mehr Wert auf Haushaltsdisziplin legt und auf diese Weise den Dollar stützt", sagt Schilbe. Doch eine Sparpolitik berge das Risiko, eine sich ohnehin abkühlende US-Wirtschaft vollends abzuwürgen. "Falls der private Konsum in den USA stark nachlassen sollte, wäre die Fed zu einer deutlichen Zinssenkung gezwungen", meint Schilbe. "Dies würde den Dollar schwächen und die Konsolidierungsbemühungen der Politik konterkarieren."

Der Experte von HSBC traut dem Dollar derzeit nicht viel zu. Grund sei die hauptsächlich über Schulden finanzierte Konjunkturerholung sowie die Immobilienblase in den USA.

Steigende Hypothekenzinsen und fallende Immobilienpreise bringen immer mehr US-Bürger in Bedrängnis: "Wenn der private Konsum abfällt, dürfte das Wachstum der US-Wirtschaft im kommenden Jahr unter die Marke von 2 Prozent rutschen", meint Schilbe. "Dann dürfte es zu raschen Zinssenkungen kommen, und der Dollar hat von dieser Seite keinen Rückhalt mehr."

Derzeit sind die Zinsen in den USA mit 5,25 Prozent noch deutlich attraktiver als in der Eurozone mit 3,25 Prozent. Dass sich diese Lücke rasch schließen wird, davon geht auch Analystin Hansmann aus. "Wir werden in Euroland noch in diesem Jahr eine Zinserhöhung sehen. Außerdem wird die US-Notenbank schon bald die Zinsen wieder senken – unabhängig von den politischen Mehrheiten in Washington". Auch sie rechnet damit, dass der Euro mittel- und langfristig gegenüber dem Dollar steigt.

Der Streit um die Zinsen

Auch wenn das Wahlergebnis in Washington für Aufregung sorgt - Analyst Keller vom Bankhaus Metzler rät mit Blick auf die US-Wirtschaft zur Gelassenheit. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen rechnet er nicht mit einem durchgreifenden Schwächeanfall des Dollar: "Die hohen US-Zinsen wirken noch immer magnetisch auf ausländisches Kapital, und die US-Aktienmärkte haben sich zuletzt in guter Verfassung gezeigt", sagt Keller. Allein im Oktober seien rund 100 Milliarden Dollar ausländisches Kapital in den US-Markt geflossen: Diese Anleger machen sich offenbar nicht allzu viel Sorgen um die Stabilität der US-Währung.

Die Abschwächung des Wachstums, hohe Verschuldung und das immense Defizit in der Leistungsbilanz seien zwar offenkundige Risiken. Dennoch zeige sich die US-Wirtschaft noch immer vergleichsweise robust und habe gute Chancen auf die erhoffte "sanfte Landung" im kommenden Jahr. "Es ist noch keineswegs beschlossene Sache, dass der nächste Zinsschritt der Fed bereits wieder nach unten gehen wird", betont Keller.

Auch die US-Analysten sind in dieser Frage noch weit auseinander: Während die Investmentbank Goldman Sachs für 2007 mit Zinssenkungen in Höhe von 125 Basispunkten rechnet, geht J. P. Morgan davon aus, dass die Zinsen vom aktuellen Niveau noch um 75 Basispunkte auf 6 Prozent steigen werden.

Rückkehr zum Protektionismus?

Handelsbilanz: Rückkehr zum Protektionismus?

Über den USA schwebt ein immenses Defizit in der Leistungsbilanz. Im Handel mit Waren und Dienstleistungen haben sie 800 Milliarden Dollar mehr ausgegeben, als sie eingenommen haben. Ein Drittel dieses Fehlbetrags geht allein auf den Handel mit China zurück. Doch dieses Defizit vor allem mit Hilfe einer schwachen eigenen Währung abzubauen, ist ein sehr riskanter Kurs: "Die USA haben kein Interesse daran, ihre Währung ziehen zu lassen. Sie wünschen eine geringe Volatiliät", sagt Keller.

Mit der Machtverschiebung nach den US-Wahlen steige dagegen schon eher die Wahrscheinlichkeit, dass die erstarkte Demokratische Partei auf höhere Zölle gegenüber China drängt. Eine demokratische Mehrheit könnte das Prinzip des Freihandels, zu dem sich Bush stets bekannt hatte, erneut infrage stellen.

Die Konsequenzen einer solchen Politik seien angesichts der hohen Dollar-Reserven Chinas schwer abzuschätzen.

China: Das Billionen-Dollar-Risiko

An den Währungsmärkten wird zeitgleich darüber spekuliert, wann Länder wie China und Japan einen Teil ihrer Dollar-Reserven umschichten. Die Devisenreserven Chinas haben inzwischen den Wert von einer Billion US-Dollar überschritten, geschätzte 70 Prozent sind im Dollarraum angelegt. "Möglich, dass die chinesische Notenbank in Dollar-Stärkephasen diese Quote abschmilzt – allein aus Gründen einer gesünderen Verteilung", meint HSBC-Experte Schilbe.

Stattdessen könnte der Anteil an der europäischen Währung, an Rohstoffen oder an Gold als Gegengewicht zum Dollar steigen. Diese Veränderung wird nach Einschätzung von Schilbe behutsam und in kleinen Schritten vor sich gehen – doch es reicht aus, um einen Deckel auf dem Dollar zu halten.

Unabhängig vom Ausgang der Kongresswahlen stehe der US-Wirtschaft wie auch dem Dollar 2007 ein schwieriges Jahr bevor: "Die US-Bürger haben zu sehr über ihre Verhältnisse gelebt, sodass wir an einem schwächeren Dollar langfristig nicht vorbeikommen", ist Schilbe überzeugt. Daran dürfte auch ein Erdrutschsieg der Demokraten im Kongress nichts ändern.