Abfindungen Die Abgangsprämie zahlt der Aktionär

Topmanager haben ihre Lehren aus dem Fall Mannesmann gezogen. Sie geben sich nicht mit weniger Geld zufrieden als Klaus Esser, doch sie sichern ihre Millionenprämien vorher rechtlich ab. Dank bizarrer Change-of-Control-Klauseln können scheidende Vorstände inzwischen ungeniert kassieren, ohne gerichtlichen Ärger zu riskieren.

Hamburg – 15 Millionen Euro Anerkennungsprämie hat Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser im Frühjahr 2000 kassiert, als die Abwehrschlacht gegen Angreifer Vodafone verloren war. Mit diesem Trostpflaster lässt sich der Jobverlust sicherlich verschmerzen, zumal Esser wenig später beim Finanzinvestor General Atlantic wieder im Geschäft war.

Ärgerlich nur: Wegen dieser Zahlungen muss sich Esser nun schon zum zweiten Mal vor dem Düsseldorfer Landgericht verantworten, ebenso wie das ehemalige Mannesmann-Aufsichtsratspräsidium, das Prämien und Abfindungen in Höhe von insgesamt 58 Millionen Euro abnickte. Den Angeklagten drohen im Fall einer Verurteilung sogar Haftstrafen, obwohl Esser stets betont, die Millionenprämie sei "angemessen" und "völlig zu Recht" geflossen.

Ein Geldregen mit programmiertem Nachspiel vor Gericht? Das muss nicht sein, jedenfalls nicht mehr. Der Fall Mannesmann stieß in Deutschlands Vorstandsetagen auf rege Anteilnahme: Eine Millionenprämie nimmt man als scheidende Führungskraft im Fall einer Übernahme gerne mit, doch ohne rechtliche Kalamitäten, bitte schön.

Den Abschied vergolden: Ohne rechtliches Risiko

Man nehme also rechtzeitig eine Change-of-Control-Klausel in seinen Vertrag auf, lasse sich diese vom Aufsichtsrat absegnen und sichere sich für den Fall der Fälle viel Geld ohne jeden Ärger. Dass dies prima funktioniert, haben unter den Dax-Unternehmen bereits die Vorstände von Schering und der HypoVereinsbank eindrucksvoll bewiesen.

Die sogenannten Change-of-Control-Klauseln sind in den USA schon länger üblich. Sie ermöglichen Führungskräften, im Fall eines Eigentümerwechsels das Unternehmen aus eigenem Antrieb zu verlassen und sich den Abschied dennoch vergolden zu lassen: Der Vertrag wird ausgezahlt, Optionsrechte werden fällig, und meist gibt es noch eine stattliche Abgangsprämie obendrauf.

"Sinn dieser Klauseln soll angeblich sein, den eigenen Vorstand abzusichern und obendrein eine Übernahme des Unternehmens zu erschweren", sagt Harald Petersen, Vorstandsmitglied bei der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). "Doch diese Argumente ziehen in Deutschland nicht."

HVB: Geldregen nach Kündigung

Vermögensoptimierung für Vorstände

Der kleine Unterschied: In den USA haben Vorstandsverträge in der Regel nur ein bis zwei Jahre Laufzeit, in Deutschland sind es fünf. Ein Topmanager, der durch eine Übernahme aus dem Amt gedrängt wird, hat ohnehin Anspruch auf Auszahlung seines Vertrages und ist durch lange Laufzeiten entsprechend abgesichert.

Als "poison pill", die eine Übernahme unattraktiv machen soll, wirken derlei Klauseln erst recht nicht: Vodafone zahlte für Mannesmann damals knapp 180 Milliarden Euro, da wird ein solcher Deal nicht an 15 Millionen Euro für den Firmenchef scheitern. "Es stellt sich auch die Frage, wie lange und wie intensiv sich ein Vorstandschef gegen eine feindliche Übernahme wehrt, wenn er durch eben diese Übernahme den Schnitt seines Lebens macht", meint Petersen.

Höchstinteressant wird die Change-of-Control-Klausel dann, wenn sie auch bei einer einvernehmlich vereinbarten Übernahme oder Fusion greift. In diesem Fall führt das Regelwerk vollends zu einer Vermögensoptimierung für weitsichtige Vorstände: Führungskräfte von HypoVereinsbank und Schering haben dies, wie gesagt, bereits einer staunenden Öffentlichkeit im Praxistest vorgeführt.

HVB: Geldregen nach Kündigung

Beispiel HypoVereinsbank: Nach der freundlichen Übernahme des Münchener Geldinstituts durch die italienische Unicredit gingen zahlreiche HVB-Manager von Bord, unmittelbar nachdem sie die Fusion gegen Bedenken des Aufsichtsrates durchgesetzt hatten. Change-of-Control-Klauseln in ihren Verträgen sicherte ihnen ein Sonderkündigungsrecht und die Auszahlung ihrer Bezüge für maximal drei Jahre.

So sagten etwa Investmentbanker Stefan Jentzsch, Privatkundenchefin Christine Novakovic, vormals Licci, und Risikomanager Michael Kemmer binnen kurzer Zeit der HVB Lebewohl, um wenig später gut dotierte Posten bei Dresdner Kleinwort Wasserstein (Jentzsch) oder Bayern LB (Kemmer) anzunehmen.

Versüßt werden soll der schnelle Abgang durch Zahlungen aus dem Aktionärsvermögen der HVB: Worin allerdings der Nutzen für die HypoVereinsbank liegt, ihrem Spitzenpersonal den Wechsel zur Konkurrenz zu belohnen, ist für die meisten Aktionäre bis heute ein Geheimnis.

Spätestens seit der Übernahme der HVB spielte das Thema "Change of Control" bei den Vorstandsberatern eine wichtige Rolle, berichtet ein Branchenkenner. Wer mit seinen Klienten noch nicht über die lukrativen Absicherungsmöglichkeiten gesprochen hatte, riskierte Nachfragen. Höchste Zeit also, bestehende Verträge zu durchleuchten und bei Bedarf zu verbessern.

Schering: 25 Millionen Euro zum Abschied

Beispiel Schering: Wenige Tage vor Beginn der Übernahmeschlacht um den Berliner Pharmakonzern ließen Schering-Vorstände die Change-of-Control-Klauseln in ihren Verträgen dahingehend erweitern, dass sie auch für den Fall einer freundlichen Übernahme gelten sollten.

Gerade noch rechtzeitig, wie sich herausstellte. Auf den feindlichen Übernahmeversuch von Merck folgte wenig später die freundliche Offerte von Bayer, die der Vorstand auch anzunehmen empfahl. Der Lohn der Mühe: Schering-Chef Hubertus Erlen und drei weitere Vorstandskollegen erhalten insgesamt 25 Millionen Euro ausgezahlt, davon knapp zwölf Millionen Euro als zusätzliche Einmalzahlung zu den noch ausstehenden Bezügen. Während Erlen in den Bayer-Schering-Aufsichtsrat wechselt, werden seine drei Kollegen im fusionierten Konzern nicht mehr gebraucht. Weicher kann man kaum fallen.

Die großzügige Abfindungsregelung sorgte während der außerordentlichen Schering-Hauptversammlung im September für lautstarken Protest der Aktionäre. Schering-Aufsichtsratschef Giuseppe Vita, der die Zahlungen im Frühjahr mit abgesegnet hatte, hält sie dagegen für "angemessen".

Nach Einschätzung des Corporate-Governance-Experten Christian Strenger, Aufsichtsratschef der Fondsgesellschaft DWS, wirft die Regelung jedoch Fragen auf – Strenger kritisierte schon während der Hauptversammlung, dass die neue Abfindungsklausel gerade einmal 48 Stunden vor Beginn des Übernahmekampfes verabschiedet wurde.

Die rund 6,6 Millionen Euro, die der künftige Aufsichtsrat Erlen mitnimmt, reichen zwar nicht an die 15-Millionen-Euro-Prämie von Klaus Esser heran. Dafür braucht Erlen aber auch keinen juristischen Ärger zu fürchten und kann zusätzlich mit einigen Millionen Euro rechnen, die ihm die Ausübung seiner Aktienoptionen bringen werden. Es lohnt sich also, rechtzeitig vorzusorgen.

Wie man Esser bequem toppen kann

Topmanager ausländischer Unternehmen zeigen sich ebenfalls nicht kleinlich, wenn es um stolze Abfindungsprämien geht. Der Chemiekonzern BASF wird nach der Übernahme des US-Konzerns Engelhard insgesamt rund 62 Millionen Dollar an sieben ausscheidende Engelhard-Manager auszahlen.

Engelhard-Chef Barry Perry kassierte nicht nur knapp zehn Millionen Dollar Abfindung, sondern dürfte durch Ausübung seiner Optionen noch mehr als die doppelte Summe zusätzlich erzielen.

Auch BOC-Chef Tony Isaac nimmt nach der Übernahme durch Linde rund 17 Millionen Euro mit – mehr als einst Mannesmann-Chef Esser, und garantiert straffrei obendrein.

Rechtlich ist das Kassieren der Abfindungsprämien in der Regel ebenso einwandfrei wie der Verkauf der Aktienoptionen – den Change-of-Control-Klauseln sei Dank. SdK-Vorstand Petersen hält diese denn auch für ein passables "Selbstbereicherungsmodell für Vorstände" und fordert, gegenzusteuern.

Aufsichtsrat auf Schadensersatz verklagen

"Rechtlich ist es immerhin möglich, die Mitglieder des Aufsichtsrates auf Schadensersatz für das Unternehmen zu verklagen, wenn es für die Change-of-Control-Klauseln keinen sachlichen Grund gibt oder die gewährten Zahlungen unangemessen sind", sagt Petersen. Der großzügig bedachte Ex-Vorstand könne sein Geld in jedem Fall behalten – doch wird dem Aufsichtsrat eine Pflichtverletzung nachgewiesen, müssen die AR-Mitglieder beziehungsweise deren Versicherungen haften.

"Eine Change-of-Control-Klausel ist nie im Interesse des Aktionärs", betont Petersen. "Einem Vorstand, der geht, wird Aktionärsvermögen hinterhergeworfen – das kann nicht im Interesse des Unternehmens sein." Eine Kontrollerwerbsklausel auch auf den Fall einer freundlichen Übernahme auszudehnen, wie im Fall Schering und HVB geschehen, hält Aktienrechtler Petersen für vollends widersinnig: Solchen Konstruktionen sollte der Gesetzgeber einen Riegel vorschieben, meint Petersen.

Unternehmenskontrolleure müssten künftig sensibler mit solchen Regelungen umgehen, ergänzt der SdK-Vorstand. Mitglieder des Aufsichtsrates dürften derlei Vertragsbestandteile nicht "einfach durchwinken".

Lukrative Klauseln offenlegen

Weitere Forderungen der Aktionärsschützer: Der Aufsichtsrat muss offenlegen, ob Unternehmensvorstände entsprechende Klauseln in ihre Verträge eingebaut haben.

Ist dies der Fall, müsse genau begründet werden, warum das Unternehmen eine solche Klausel für notwendig erachtet. Mehr Transparenz, so das Kalkül, werde möglicherweise auch für mehr Bescheidenheit sorgen. Als Alternative zur Kontrollerwerbsklausel gibt es nach Auffassung der Aktionärsschützer ohnehin noch verschiedene Möglichkeiten, Unternehmensvorstände zu schützen.

"Ein Unternehmen kann seine Führungskräfte ausreichend absichern, indem es deren Arbeitsverträge präzise formuliert", sagt Petersen. Auf diese Weise bekämen Unternehmenslenker im Fall einer feindlichen Übernahme das Geld, das ihnen zusteht – die in Deutschland üblichen langen Vertragslaufzeiten erhöhten die Sicherheit der Führungsleute ohnehin.

Zusätzliche Change-of-Control-Klauseln seien nicht nur unnötig, sondern kontraproduktiv, meint Petersen: "Sie verschaffen häufig den Führungskräften absolute Handlungsfreiheit, zu bleiben oder zu gehen – und belohnen den Weggang finanziell. Warum dafür die Anleger mit Aktionärsvermögen zahlen sollen, ist nicht einzusehen."

Abfindungen: Manager kassieren bar jeder Zurückhaltung

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