Nordkorea Auf Kollisionskurs

Die erste nordkoreanische Atombombe schockiert die Welt. Warum isoliert sich Machthaber Kim Jong-il noch mehr als bisher - und sein hungerndes Volk? Welche Ziele verfolgt er? Der Blick auf Koreas jüngere Geschichte verschafft Klarheit. Und dämpft den Optimismus.
Von Helmut Rack

Der Schurke sitzt in Pjöngjang, der Hauptstadt Nordkoreas, und er heißt Kim. Jeder dritte Koreaner auf der Welt heißt Kim, aber dieser Kim ist anders als die Kims sonst. Als Herrscher über 23 Millionen Untertanen ist Kim Jong-il nicht nur mächtig, er ist allmächtig in seinem Staat, und jetzt hat er sogar noch die Bombe.

Alle auf der Welt haben Kim gedrängt, keine Atombombe zu bauen. Er baute sie trotzdem. Er wurde gedrängt, seine Bombe nicht zu zünden. Er zündete sie trotzdem. Dass ausgerechnet die ihn am meisten bedrängten, die selber ganz viele Atombomben haben und diese auch zünden, mag ihn angespornt haben, seine einsatzbereite Bombe zu testen.

Niemand hatte der Volksrepublik das Know-how zugetraut. Und die, die es ihr zugetraut hatten, waren überzeugt, Kim würde die Zündung wegen der Vergeltungsschläge nicht wagen, die seinem Land angedroht wurden. Kim kümmerte das nicht, wie ihn nie etwas kümmert, was sich mit seinen Interessen nicht deckt. Dass nun der UN-Sicherheitsrat aktiv geworden ist, um ihn für seine atomare Habsucht zu bestrafen, lässt Kim kalt. Er plant die Zündung der zweiten Atombombe.

Kim meint es ernst

Kim meint es ernst und er wird zuschlagen, wenn er sich als Machthaber Nordkoreas bedroht sieht. Vergessen sollte man dennoch nicht, dass Kim niemandem mit seiner Bombe gedroht hat. Er sieht sie wohl eher als Versicherung, dass sein kleines Land gewappnet ist, sich mit allen Mitteln gegen Angriffe zur Wehr setzen zu können.

Kim Jong-il ist wie Hitler, Stalin und Tenno Hirohito ein Überzeugungstäter. Einer, der über Leichenberge zu gehen bereit ist. Doch noch totaler als diese drei kann Kim sich auf die skrupellose Ergebenheit seiner ahnungslosen Untertanen verlassen, in deren Weltbild Zweifel nicht vorkommen.

Wer einmal Nordkoreaner hat Fußball spielen sehen, wie sie mit Schroffheit und Rechthaberei ihre eigenen Regeln verbissen verfolgen, hat eine leise Vorahnung, wie diese Männer auftreten, wenn es um kein Spiel geht, sondern um die Existenz ihres Staates und seiner "hoch verehrten" Führung. Für Nordkoreaner gibt es da keine Tüttelchen zu setzen, sie verehren Kim wirklich. Sie sind ihm hörig. Und je nachdem wann er den Daumen hebt, stürzt sich sein ausgehungertes, aber verblendetes Volk in den Kampf - wie Gotteskrieger dies tun, ihr eigenes Leben nicht achtend.

Was treibt den Diktator um?

Was treibt Kim Jong-il um? Außer dass er mit seinem Regime bestehen will, scheint er keine Mission zu verfolgen. Nach außen schottet er sein Land genauso ab wie sich selbst und seinen Hofstaat gegenüber der eigenen Bevölkerung. Zwölf Jahre sind inzwischen vergangen, seitdem er als Thronfolger die unumschränkte Macht von seinem Vater geerbt hat.

Kim der Zweite tritt unscheinbar auf, er ist kein Volkstribun, der anfeuernde Reden hält. Wenn er in seinem schlichten Hosenanzug in kleinstem Kreis zu sehen ist, dann um Anweisungen zu geben. Die kurzen Filmaufnahmen solcher Begebenheiten werden im Fernsehen jedenfalls ohne Ton ausgestrahlt. Die Unnahbarkeit soll bleiben.

Nordkorea dümpelt vor sich hin und darbt. Seine Untertanen haben nur das Allernötigste zu essen und selbst das nicht immer. Dafür sind sie bis zum Hals bewaffnet.

Menschen sind das Wertvollste, worüber ein Land verfügt, heißt es in der nordkoreanischen Propaganda, weshalb Vater und Sohn Kim seit Gründung der Volksrepublik der Gehirnwäsche die größte Aufmerksamkeit haben zukommen lassen.

"Individualität fügt dem Kollektiv Schaden zu"

Ein Kim-Zitat: "Alle müssen einmütig und gut in der Gesellschaft zusammenleben. Die Eigenwilligkeit eines Menschen fügt der Geschlossenheit und der Freundschaft des Kollektivs Schaden zu. Solche ungesunden Ideen gilt es mit der Wurzel auszureißen." Fragen stellen und selber nachdenken soll den Menschen unnatürlich vorkommen, die Parteiführung hat auf alles ja die richtigen Antworten parat. Das Volk braucht sie nur zu wiederholen.

"Es gibt Leute, die es vorziehen, unter einem gesonderten Dach und allein zu sein, Leute, die nicht mit Freunden zusammen gesellig sein wollen. Solche Leute sind sehr kalt zu den Menschen, stehen ohne Leidenschaft dem Glück und dem Unglück anderer gleichgültig gegenüber. ... Die Lehrer erfüllen an Stelle der Eltern die sehr wichtige Aufgabe, die Kinder und Jugendlichen zu guten Kadern auszubilden, wie sie die Partei und der Staat brauchen." Beide Zitate stammen aus der deutschen Ausgabe der Ausgewählten Werke von Kim Il-sung.

Fröhliche Massenaufmärsche, blühender Stumpfsinn

Die nordkoreanischen Zeitungen drucken nur, was die Partei verlautbart. Radio- und Fernsehgeräte sind justiert, so dass außer dem kontrollierten Staatsfunk nichts durchkommt. Und nach der Arbeit sich auf die faule Haut legen und abschalten, ist auch nicht drin, weil dann in gemeinsamen Lesezirkeln die Werke der Kims studiert werden müssen, beziehungsweise fröhliche Massenaufmärsche zu üben sind. Kein Wunder, dass in dem halben Jahrhundert seit Gründung der Volksrepublik der Stumpfsinn blüht und das feudale Korea von früher in neuer Variante fortbesteht.

Nordkoreas tägliche Verbrechen

Das größte Verbrechen, das Tag um Tag in Nordkorea geschieht, ist die Dressur der Menschen. Das zweitgrößte Verbrechen ist deren Unterernährung, sofern diese Menschen nicht Teil des militärischen Apparates sind. Wie zur Kolonialzeit liegt das Potenzial der koreanischen Nation im Norden völlig brach. Die einzige Leistung des Regimes ist die Bombe.

Das herausgeputzte Schaustück Pyongyang darf nicht täuschen, der Niedergang des Landes ist erschreckend. Mögen die Blumenbeete in der Hauptstadt noch so gepflegt sein.

Die ganze Welt ist empört, dass sich das unberechenbare Nordkorea die Atombombe zugelegt hat. Seine Argumentation, dass es von den USA bedroht werde und es daher die Bombe als Drohmittel zur Abwehr eines Angriffs brauche, leuchtet nur ein, wenn man eine Bedrohung sieht. Aber die sieht niemand, nicht einmal Nordkoreas bisherige Schutzmächte China und Russland.

Die vor zwei Jahren in Peking organisierten Sechser-Gespräche zwischen den USA, China, Russland, Japan und den beiden Koreas waren ja eigens eingerichtet worden, um für die Sicherheitsbelange aller Teilnehmer ein Forum zu haben. Nordkorea war anfangs mit von der Partie, zog sich aber dann erbost zurück, als es den USA mit Hilfe Chinas gelungen war, den Kreislauf gefälschter Hundert-Dollar-Noten aus Kims Werkstatt offen zu legen und dem ertragreichen Waffen- und Drogengeschäft einen Riegel vorzuschieben. Kim spürte, dass sich da eine Schlinge zuzog. Wie gut war es da, dass er ein bisschen vorgesorgt hatte, konnte er doch nun den Joker der Bombe ausspielen. War der nicht wie maßgeschneidert für ein bisschen Erpressung?

Tiefer Hass gegen Japan

Peking riet ab, Moskau auch, Südkorea, Japan und die USA warnten scharf, aber Kim entschied, das gefährliche Spiel dennoch zu wagen. Was hatte er zu fürchten? Einen amerikanischen Militärschlag wohl nicht, so weit würde die Kumpanei zwischen Peking und Washington nicht tragen!

Es gibt zwei Staaten auf der Welt, mit denen Nordkorea eine Rechnung offen hat: Mit Japan und mit den Vereinigten Staaten. Wobei gegenüber Japan der Hass am tiefsten sitzt, weil durch dessen koloniale Politik die Tragödie in Korea Anfang vorigen Jahrhunderts ihren Anfang nahm. Die Plünderung der Rohstoffe, die Verschleppung koreanischer Arbeiter nach Japan, der Feldzug gegen die koreanische Kultur und Sprache, - all das sollte den Koreanern ein Gefühl der Ohnmacht und der Minderwertigkeit einimpfen und ihnen ihr nationales Rückgrat brechen, um sie zu treuen Vasallen des Tenno zu formen.

Konflikt mit USA ist programmiert

Und dann ist da noch die Rechnung mit den USA. Nordkorea ist bis heute verbittert, weil sich die Amerikaner nach dem Zusammenbruch des japanischen Faschismus 1945 den südlichen Teil Koreas unter den Nagel rissen, um sicherzustellen, dass die für ihre Unabhängigkeit kämpfenden Koreaner nicht den Sowjets den Zugang zur Straße von Korea und zum Ostchinesischen Meer öffnen würden. Die USA wollten sich am Ende des Zweiten Weltkrieges ihr erkämpftes Machtmonopol im pazifischen Raum nicht nehmen lassen.

Am meisten fühlt sich der Nachbar Nippon von der nordkoreanischen Bombe bedroht. Selbst unternehmen wollen die Japaner nichts; sie können wohl auch nicht, wegen ihrer pazifistischen Verfassung. Da Tokio den lodernden Hass auf der Halbinsel jedoch nur zu gut kennt und der japanische Hochmut es nie zugelassen hat, gegenüber den Koreanern aufrichtig Reue zu zeigen und für die vielen Verbrechen während der Kolonialzeit die Verantwortung zu übernehmen, kommt es der Regierung des Ministerpräsidenten Abe zupass, dass sie die verbündeten Amerikaner vorschicken kann, um die vom UNO Sicherheitsrat beschlossenen Schiffskontrollen durchzuführen.

Diese Sanktion ist übrigens die heikelste in der UN-Resolution 1718, weil schon heute mit Gewissheit gesagt werden kann, dass sich die nordkoreanischen Schiffe freiwillig nicht werden kontrollieren lassen. Ganz sicher nicht vom amerikanischen Militär.

China hält sich aus der Schusslinie

China nahm bei der einmütigen Verabschiedung der Resolution übrigens die Rolle eines Pontius Pilatus ein, indem es darauf hinwies, dass es für solche Aktionen auf hoher See nicht bereitstünde, weil diese in militärisches Gerangel ausarten könnten - aber bitteschön, macht was ihr wollt! - die Verabschiedung der Resolution solle daran nicht scheitern.

Wenn der Schein nicht trügt, und es ist zu hoffen, dass er trügt, rasen hier zwei Züge auf dem selben Gleis aufeinander zu. Nordkorea ist kein Land, das nachgibt, und die Regierung des George W. Bush hat sich bislang nicht als umsichtig erwiesen. Genauso wenig wie die Regierungen Japans. Man muss also auf einiges gefasst sein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.