Serono-Übernahme Mercks Milliardendeal

Der Merck-Konzern verleibt sich mit Serono für 10,6 Milliarden Euro das größte allein auf Biotechnologie spezialisierte Pharmaunternehmen Europas ein. Einige Analysten halten den Preis indes für viel zu hoch.

Frankfurt am Main - Der Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck  erwartet durch die Übernahme des Schweizer Biotechnologieunternehmens Serono  Synergie-Effekte von rund 100 Millionen Euro. Sie sollen in den kommenden drei Jahren gehoben werden, wie ein hochrangiger Merck-Manager am Donnerstag auf einer Analystenkonferenz erklärte. Die Transaktion steht zwar noch unter dem Vorbehalt der Wettbewerbsbehörden. Merck erwartet aber dabei keine Probleme, sagte der Manager.

Die im MDax  notierte Aktie von Merck gab am Donnerstag in der Spitze bis zu 6 Prozent nach. Gegen Mittag betrugen die Kursabschläge rund 4 Prozent auf 75,30 Euro. Papiere von Serono, deren Handel gegen Mittag wieder aufgenommen wurde, schnellten um mehr als 18 Prozent in die Höhe.

Analysten werteten die Transaktion mit Serono  als kostspielig für Merck. "Die Transaktion ist eindeutig zu teuer", sagte Heino Ruland vom Brokerhaus Steubing. Ein Aktienhändler sagte dagegen in einer ersten Reaktion: "Die Übernahme ist ein prinzipiell sinnvoller Schritt." Die angekündigte Kapitalerhöhung belaste den Kurs allerdings, fügte er hinzu.

Serono zehrt von zwei wichtigen Medikamenten

Serono kam 2005 auf einen Umsatz von rund 2,6 Milliarden Dollar. Im gleichen Jahr fielen auch Schadenersatzzahlungen in den USA und unter dem Strich ein Verlust von 106 Millionen Dollar an. Ohne Sonderfaktoren wäre der Gewinn im Vergleich zum Vorjahr um knapp 30 Prozent auf 565 Millionen Dollar gestiegen.

Die Hälfte des Jahresumsatzes stellt bei Serono der Bestseller Rebif, ein Medikament gegen die degenerative Nervenkrankheit Multiple Sklerose. Doch Analysten haben die starke Abhängigkeit von einem einzigen Medikament und den mangelnden Erfolg der Forschungstätigkeit der Firma immer wieder kritisiert, zumal Konkurrenzprodukte die Marktführerschaft von Rebif zunehmend bedrohen. Mit seinem zweitwichtigsten Mittel, dem Fruchtbarkeitsmedikament Gonal-f, wurden 2005 rund 550 Millionen Dollar umgesetzt.

"Diese Akquisition entwickelt das ethische Pharmageschäft von Merck  deutlich weiter und bringt es in eine führende Position im Biotechmarkt", erklärte Merck-Chef Michael Römer am Donnerstag. Dies trage dazu bei, die Zukunft des Familienunternehmens Merck zu sichern. Zusammen hätten beide Unternehmen ein gemeinsames Forschungsbudget von einer Milliarde Euro. "Beide Unternehmen ergänzen sich perfekt mit 28 Substanzen in der Entwicklung", erklärte Römer.

Mit der Serono-Eignerfamilie Bertarelli sei ein Vertrag über den Kauf der von ihr gehaltenen 64,5 Prozent der Anteile an dem Unternehmen geschlossen worden, teilte Merck mit. Damit übernehme Merck zugleich 75,5 Prozent der Serono-Stimmrechte. Merck werde zudem ein öffentliches Übernahmeangebot unterbreiten. Die Darmstädter wollen den Serono-Eignern 1100 Schweizer Franken je Aktie zahlen. Damit belaufe sich der Wert der Transaktion auf 16,6 Milliarden Franken. Die Offerte liege 20 Prozent über dem Serono-Aktienkurs vom Mittwoch. Merck erwarte, dass sich die Übernahme positiv auf den bereinigten Gewinn je Aktie auswirken wird.

Merck gelingt ein Überraschungscoup

Kauf soll über Kapitalerhöhung refinanziert werden

Serono hatte erst im April eine fünfmonatige Suche nach einem Käufer aufgegeben und stattdessen eine aggressive Übernahme- und Einlizenzierungsstrategie ausgerufen. "Mit dieser Transaktion schaffen wir ein gemeinsames Pharmageschäft mit großem Potenzial, speziell in den Bereichen Neurologie und Onkologie", erklärte Serono-Chef Ernesto Bertarelli. Zusammen mit Serono werde Merck ein weltweit führendes Biotechunternehmen sein und eine wichtige Rolle im internationalen Pharmamarkt spielen.

Ernesto Bertarelli gilt als schillernde Figur in der europäischen Landschaft der Spitzenmanager. Der sportbegeisterte Multimilliardär gewann im Jahr 2003 das härteste Segelrennen der Welt, den America's Cup, mit seiner Crew Alinghi.

Merck will die Übernahme zunächst aus der Barmittelkasse sowie durch eine Zwischenfinanzierung stemmen. Dann soll die Transaktion durch Darlehen, eine Anleihe und eine Kapitalerhöhung von zwei bis 2,5 Milliarden Euro refinanziert werden. An der Kapitalerhöhung werde sich die Merck-Familie mit bis zu einer Milliarde Euro beteiligen. Merck erwartet, dass die Transaktion Anfang 2007 abgeschlossen wird. Das Darmstädter Traditionsunternehmen ist zu rund 73 Prozent im Familienbesitz.

Mit der Serono-Übernahme gelingt den Darmstädtern ein Überraschungscoup. Merck hatte zuletzt versucht, mit einer Offerte von 14,6 Milliarden Euro den Berliner Arzneimittelhersteller Schering  zu übernehmen. Diesem Vorhaben war aber der Bayer-Konzern  mit einem deutlich höheren Angebot in die Quere gekommen. Merck  blieb allerdings ein Trostpflaster: Die Beteiligung an Schering von rund 22 Prozent konnte Merck mit Gewinn an Bayer verkaufen. Schering gehört seit vergangener Woche zum Leverkusener Konzern.

Merck ist eines der wenigen Pharmaunternehmen, die noch in allen drei großen Pharma-Bereichen tätig sind: rezeptpflichtige Markenmedikamente, Nachahmerpräparate (Generika) sowie verschreibungsfreie Gesundheitsprodukte. Insgesamt kam die Pharmasparte zuletzt auf einen Jahresumsatz von 3,9 Milliarden Euro, davon 1,7 Milliarden Euro aus rezeptpflichtigen Markenarzneien. 580 Millionen Euro fließen im Jahr in Forschung und Entwicklung. Das ist wenig im Vergleich zu europäischen Branchengrößen: Die britisch-schwedische Astrazeneca  bringt es bei einem Jahresumsatz von 19 Milliarden Euro auf einen Forschungsetat von fast drei Milliarden Euro.

manager-magazin.de mit Material von reuters

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