Mittwoch, 19. Februar 2020

11. September "Wir brauchen heroische Gelassenheit"

Wie sollen Menschen auf Terroranschläge und die "Privatisierung des Krieges" reagieren? Am besten mit heroischer Gelassenheit, meint Herfried Münkler. Im Gespräch mit manager-magazin.de erklärt der Berliner Kriegsforscher, warum unsere Gesellschaft an einem übergroßen Sicherheitsbedürfnis auch scheitern kann.

mm.de: Herr Professor Münkler, Sie empfehlen, angesichts der Terroranschläge seit dem 11. September 2001 eine "heroische Gelassenheit" zu üben. Wie unterscheidet sich diese Gelassenheit von Gleichgültigkeit, von einer schlichten Gewöhnung an den Terror?

Das zweite Flugzeug schlägt im WTC ein: Der 11. September 2001 hat die Welt verändert
AP / Chao Soi Cheong
Das zweite Flugzeug schlägt im WTC ein: Der 11. September 2001 hat die Welt verändert
Münkler: Die Forderung nach "heroischer Gelassenheit" scheint zunächst paradox, denn sie richtet sich an eine post-heroische Gesellschaft. Für uns steht solch eine Haltung nicht mehr auf der Tagesordnung. Angesichts der vielen tausend Todesopfer im Straßenverkehr pro Jahr bringen wir höchstens noch eine mürrische Indifferenz auf. Auf den Terror mit ähnlicher Gleichgültigkeit zu reagieren, wäre jedoch zu wenig: Wir haben es bei Terroranschlägen nicht mit einer Verkettung unglücklicher Zufälle zu tun, sondern mit einem Gegenüber, mit dem man sich auseinandersetzen sollte.

mm.de: Wie kann sich der Einzelne mit diesem Gegenüber, den Terroristen, auseinandersetzen?

Münkler: Die Anschläge der Terroristen zielen vor allem darauf ab, uns Angst zu machen. Verunsicherung und Nervosität sollen unsere Lebensweise infrage stellen und unsere Gesellschaft schwächen. Aus diesem Grund müssen wir uns zu mehr aufraffen als zu mürrischer Indifferenz: Wir müssen sozusagen unseren moralischen Gürtel straff ziehen und zeigen, dass wir aufgrund von Terroranschlägen unsere tägliche Lebensweise und unsere Werte nicht verändern werden.



Das bedeutet zum Beispiel auch, weiterhin U-Bahn zu fahren, obwohl wir uns der Gefahr bewusst sind. Mit dieser heroischen Gelassenheit sorgen wir auch dafür, dass unsere Gesellschaft weiterhin funktionieren kann: Durch die Verweigerung einer panischen Reaktion bilden wir eine Widerstandslinie, an der terroristische Angriffe zerschellen werden.

mm.de: Das bedeutet, bewusst mit dem Risiko zu leben?

Der Kriegsforscher Herfried Münkler ist Professor für Politikwissenschaft und lehrt an der Humboldt-Universität Berlin. Seine Studien zum "Wandel des Krieges" sind im Velbrück Verlag (Weilerswist, 2006) erschienen
Münkler: Unsere Gesellschaft wird nicht nur durch Terror bedroht. Sie kann auch an einem übersteigerten Sicherheitsbedürfnis scheitern. Wer ausschließlich einem starken Sicherheitsbedürfnis nachgibt, muss langfristig Freiheit, Toleranz und Offenheit aufgeben. Natürlich sollte uns der Staat auf angemessene Weise schützen, etwa durch die Arbeit von Polizei und Geheimdiensten. Doch die Fragen "Wie viel Sicherheit brauche ich?" und "Wie viel Freiheit wage ich" bedingen einander. Je mehr ich an heroischer Gelassenheit aufzubringen vermag, desto mehr Freiheit kann ich mir leisten.

Wenn wir ausschließlich auf die Einschränkung von Freiheitsrechten setzen, um unsere Sicherheit zu steigern, werden wir bewegungsunfähig und riskieren den Fortbestand unserer Gesellschaft. Das Ergebnis wäre eine Gesellschaft, die nach außen stark gepanzert ist, damit den zarten, psychisch labilen Figuren innen nichts passiert. Diese Gesellschaft wäre vollkommen abhängig von staatlichen Sicherheitsgarantien und hätte mit unserer Zivilgesellschaft, mit unseren freiheitlichen Werten nichts mehr zu tun. Unsere zivile Gesellschaft würde an einem solchen übergroßen Sicherheitsbedürfnis ersticken.

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