Weltmacht Indien Im Wirbelsturm des Wettbewerbs

Indien gehört zu den Gewinnern der Globalisierung mit enormen Folgen auch für Deutschland. In drei Teilen präsentiert manager-magazin.de Auszüge aus dem Buch "Weltmacht Indien" des SPIEGEL-Journalisten Olaf Ihlau. Heute Teil zwei: Konkurrenz für die reichen westlichen Länder.
Von Olaf Ihlau

Europa begeisterte sich über Generationen für diese ferne, rätselhafte Welt Indiens, und es dominierte sie wirtschaftlich bis zum Ende der britischen Kolonialzeit, als der Subkontinent in die Indische Union und Pakistan zerfiel. Doch ein halbes Jahrhundert danach sind mit der Integration von China und Indien in den Weltmarkt, also von 40 Prozent der Menschheit, die Herren der Welt von gestern unter einen gewaltigen Anpassungsdruck geraten.

Anders als früher die armen Länder, haben jetzt die reichen Nationen Angst vor der Globalisierung, insbesondere die Vereinigten Staaten, Deutschland oder Frankreich. Denn die Aufsteiger machen den Arrivierten als Niedrigkostenstandort die Absatzmärkte und Arbeitsplätze streitig, gefährden deren Sozialstandards, sie sind Konkurrenten bei Rohstoffen, Innovationen und Kapital, stoßen neue Verteilungskämpfe an, da hilft kein Schönreden. Hinzu kommen demographische Umbrüche in den kommenden Jahrzehnten. In Europa wird vor allem Deutschland, nun EU-Schlusslicht bei den Geburten, sehr alt aussehen.

Wer vor einem Vierteljahrhundert Gelegenheit hatte, mit Lee Kuan Yew einen der brillantesten Köpfe Asiens nach den Machtgewichtungen der Zukunft zu befragen, der bekam schon damals Düsteres zu hören über den bevorstehenden Niedergang speziell der Westeuropäer. Die meisten fortgeschrittenen Industriegesellschaften seien "durch das angenehme Leben verweichlicht", warnte der Lenker des kleinen Stadtstaates Singapur.

Dieses Erlahmen des Westens, die mangelnde Bereitschaft, vorübergehend für eine wirtschaftliche Umstrukturierung den Gürtel enger zu schnallen, habe "zu einer Ziellosigkeit geführt ". Lee sah seinerzeit die Deutschen, deren Disziplin er schätzte, noch nicht in dieser Abwärtsspirale gefangen, doch ansonsten haben sich die Prognosen dieser chinesischen Kassandra weitgehend bestätigt.

Heute sagt Singapurs Patriarch den Europäern "bittere zehn Jahre" voraus. Schließlich würden die Arbeiter einsehen müssen, "dass die gemütliche europäische Welt, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen haben, am Ende ist". Das trifft sich mit den Voraussagen anderer Auguren, die bei den fundamentalen Verschiebungen im globalen Gefüge von Völkern, Volkswirtschaften und Handelsströmen den Westen müde und ermattet sehen.

Goldenes Zeitalter für den Westen beendet

Goldenes Zeitalter für den Westen beendet

Geistig erschöpft und verzagend angesichts des asiatischen Wunders und vielfach im Wirbelsturm des Wettbewerbs schon kapitulierend vor der Dynamik der Aufsteiger. "Deren Erwerbsbevölkerungen ", schreibt der Sozialforscher Meinhard Miegel in seiner "Epochenwende", "sind heute oft genauso qualifiziert und motiviert wie diejenigen des Westens, und darüber hinaus sind sie jung, unverbraucht und vor allem genügsam."

Breite Bevölkerungsschichten in den frühindustrialisierten Ländern des alten Europa suchten insbesondere Ruhe und Zerstreuung, es plagten sie Zweifel an ihrer Zukunft. Der Politik wirft Miegel vor, das alles zu übertünchen und so zu tun, als könne der schwindende Vorsprung schon bald wieder ausgebaut werden. Unweigerlich gehe für den Westen "ein goldenes Zeitalter zu Ende", auf das eine "eiserne Epoche" folgen werde.

Zwar hat noch immer über die Hälfte der weltgrößten Finanz- und Industriekonzerne ihren Sitz in der Europäischen Union, aber es sind nur noch 17 Prozent der Hightech-Unternehmen. Und die machtpolitische Schwächung Europas dürfte sich beschleunigen mit der weiteren Verlagerung von Arbeitsplätzen nach China und auf den Subkontinent.

Da steht dem Westen der eigentliche Job-Exodus wohl erst noch bevor. Dies eben auch in Branchen mit innovativen Produkten, die den Europäern einst ihren Wohlfahrtsvorsprung verschafften. Wirtschaftsexperten gehen davon aus, dass die Europäer bis zum Jahr 2015 voraussichtlich 1,2 Millionen qualifizierte Arbeitsplätze und die US-Amerikaner bis 2010 sogar 1,6 Millionen an Niedriglohnländer verlieren werden.

Getrieben wohl von der Ahnung, dass diese Entwicklung bei den Betroffenen einen Rückfall in den Protektionismus beschleunigen könnte, suchen indische Politiker und Manager unterdessen den Westen zu beruhigen und auf die gemeinsamen Vorteile hinzuweisen.

"Fünfunddreißig Stunden am Tag"

"Fünfunddreißig Stunden am Tag"

"Wir müssen nicht notwendigerweise zu Konkurrenten werden, sondern können mit deutscher Innovationskraft und indischer Arbeitskraft zu einer einmaligen Weltkombination werden", schmeichelte bei der Hannover Messe Handelsminister Nath, der ansonsten mit Blick auf deutsche Arbeitskämpfe um Pinkelpausen schon mal höhnt: "In Indien geht es um fünfunddreißig Stunden am Tag."

Ein wenig Augenwischerei betreibt auch der IT-Tycoon Murthy mit seinem hübschen Beispiel, dass er ein deutsches Auto fahre, eine Schweizer Uhr trage und französisches Parfüm benutze, "weil klar ist, dass die besten Autos aus Deutschland kommen, die besten Uhren aus der Schweiz und die besten Parfüms aus Frankreich. Auch das ist Globalisierung. "Wohl wahr, nur wann kommen die Autos, Uhren und Parfüms aus Indien?

Denn machen wir uns nichts vor, der technische Fortschritt und die Betriebsauslagerungen werden den Westen weitere Millionen Arbeitsplätze kosten. Längst bieten indische Outsourcing-Spezialisten auch qualifizierte Forschungsarbeit und Produktentwicklung an. Vor allem Deutschland, das nach wie vor ein Viertel seiner Wirtschaftsleistung aus der Fertigung herkömmlicher Industriegüter bezieht, muss der Aufmarsch der neuen Industrieländer China und Indien verschrecken.

Im Außenhandel wird China schon bald Deutschland als Exportweltmeister ablösen, und es bleibt die Frage, in welchen Geschäftsfeldern für die massenhaft verlorenen Arbeitsplätze denn die neuen Jobs entstehen sollen? Dies zudem bei immer weniger Erwerbstätigen und immer mehr Rentnern.

Schon jetzt beziehen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nur noch 39 Prozent der deutschen Bevölkerung ihr Einkommen aus Arbeit. Mit Zuwachsquoten in der Wohlfühlindustrie oder Altenpflege wird sich kaum eine Wertschöpfung erwirtschaften lassen, die global konkurrenzfähig bleibt.

Neun Millionen Studenten

Neun Millionen Studenten

Zu viele bei uns leben mit einem eigentümlichen Fatalismus noch immer in der Traumwelt eines Wohlfahrtsstaats mit gesicherten Sozialstandards, Vollkaskomentalität und einem Minimum an Eigenverantwortung.

Man würde gerne ganze Trupps deutscher Gewerkschafter, Manager, Minister und Verbandsvertreter jeweils vierzehn Tage lang nach Bangalore oder Delhi schicken, damit sie erkennen, was auf Europa, was insbesondere auf Deutschland an Herausforderungen zukommt.

Wohin die Reise professionell für manchen einmal gehen kann, deutete sich in einer Jobofferte der Walldorfer Firma SAP an. Das Software-Unternehmen bot über Personalanzeigen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" deutschen Computerexperten eine Anstellung in seiner Dependance in Bangalore zu indischen Honorarsätzen von 600 Euro monatlich an, Flugkosten inbegriffen bei einer Mindestverpflichtung von elf Monaten. So ähnlich lauten die Bedingungen, zu denen indische Gastarbeiter in die arabischen Golfstaaten geholt werden.

Die neue asiatische Macht Indien bildet pro Jahr 500.000 Informatiker, Techniker und Ingenieure aus, Deutschland gerade mal 40.000. Es gibt neun Millionen Studenten, das ist die Einwohnerzahl Schwedens.

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