Mittwoch, 26. Februar 2020

Weltmacht Indien Im Wirbelsturm des Wettbewerbs

Indien gehört zu den Gewinnern der Globalisierung mit enormen Folgen auch für Deutschland. In drei Teilen präsentiert manager-magazin.de Auszüge aus dem Buch "Weltmacht Indien" des SPIEGEL-Journalisten Olaf Ihlau. Heute Teil zwei: Konkurrenz für die reichen westlichen Länder.

Europa begeisterte sich über Generationen für diese ferne, rätselhafte Welt Indiens, und es dominierte sie wirtschaftlich bis zum Ende der britischen Kolonialzeit, als der Subkontinent in die Indische Union und Pakistan zerfiel. Doch ein halbes Jahrhundert danach sind mit der Integration von China und Indien in den Weltmarkt, also von 40 Prozent der Menschheit, die Herren der Welt von gestern unter einen gewaltigen Anpassungsdruck geraten.

"Erlahmen des Westens":
Was kann Europa dem Ansturm Indiens entgegensetzen?
Anders als früher die armen Länder, haben jetzt die reichen Nationen Angst vor der Globalisierung, insbesondere die Vereinigten Staaten, Deutschland oder Frankreich. Denn die Aufsteiger machen den Arrivierten als Niedrigkostenstandort die Absatzmärkte und Arbeitsplätze streitig, gefährden deren Sozialstandards, sie sind Konkurrenten bei Rohstoffen, Innovationen und Kapital, stoßen neue Verteilungskämpfe an, da hilft kein Schönreden. Hinzu kommen demographische Umbrüche in den kommenden Jahrzehnten. In Europa wird vor allem Deutschland, nun EU-Schlusslicht bei den Geburten, sehr alt aussehen.

Wer vor einem Vierteljahrhundert Gelegenheit hatte, mit Lee Kuan Yew einen der brillantesten Köpfe Asiens nach den Machtgewichtungen der Zukunft zu befragen, der bekam schon damals Düsteres zu hören über den bevorstehenden Niedergang speziell der Westeuropäer. Die meisten fortgeschrittenen Industriegesellschaften seien "durch das angenehme Leben verweichlicht", warnte der Lenker des kleinen Stadtstaates Singapur.

Dieses Erlahmen des Westens, die mangelnde Bereitschaft, vorübergehend für eine wirtschaftliche Umstrukturierung den Gürtel enger zu schnallen, habe "zu einer Ziellosigkeit geführt ". Lee sah seinerzeit die Deutschen, deren Disziplin er schätzte, noch nicht in dieser Abwärtsspirale gefangen, doch ansonsten haben sich die Prognosen dieser chinesischen Kassandra weitgehend bestätigt.

Heute sagt Singapurs Patriarch den Europäern "bittere zehn Jahre" voraus. Schließlich würden die Arbeiter einsehen müssen, "dass die gemütliche europäische Welt, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen haben, am Ende ist". Das trifft sich mit den Voraussagen anderer Auguren, die bei den fundamentalen Verschiebungen im globalen Gefüge von Völkern, Volkswirtschaften und Handelsströmen den Westen müde und ermattet sehen.

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