Mittwoch, 16. Oktober 2019

Ämterhäufung "Eine Frage der Moral"

Bundestagsmandate sind nach Ansicht der meisten Bürger unvereinbar mit einem Spitzenamt bei Verbänden oder Gewerkschaften. Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann analysiert im Interview mit manager-magazin.de die Fälle Röttgen und Göhner.

mm.de: Woran liegt es, dass in Deutschland mögliche Interessenverflechtungen derzeit so stark unter die Lupe genommen werden?

Leere Sessel:
Abgeordnete des Bundestages stehen in der Kritik
von Alemann: Das ist ein allgemeiner Trend der vergangenen Jahre. Die Verknüpfung von Politik und Lobbyismus ist in den Fokus der Medien gerückt. Dabei geht es nicht so sehr um eine Neidkampagne gegen Doppelverdiener, sondern um das Problem der Interessenverknüpfung. Die Kritik daran ist übrigens ein einheitlicher Tenor von der politisch linken bis zur rechten Presse, sowohl beim Boulevard als auch bei Edelfedern.

mm.de: Bisher stand der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) für Seriosität und dafür, auf Konsens bedacht zu sein. Doch die vergangenen Tage haben das öffentliche Bild des Verbandes getrübt, es war sogar von einem "Tollhaus" die Rede.

von Alemann: Der BDI war schon immer ein schwieriger Verband. Als Dachverband müssen ständig unterschiedliche Interessen, etwa zwischen Großkonzernen und mittelständischen Unternehmen, ausgeglichen werden. Präsidenten wie Hans-Olaf Henkel oder Michael Rogowski fielen in der Geschichte eher durch einen konfliktorientierten Kurs auf, während Jürgen Thumann mehr für den Konsens steht.

Die Vorgänge in der vergangenen Woche haben jedoch eine neue Qualität erreicht. In dem Verhalten von Henkel und Rogowski steckt sicher auch die herbe Enttäuschung über den aktuellen Kurs der Union innerhalb der Großen Koalition. Im Wahlkampf hatte man diese Parteien noch unterstützt.

mm.de: Der Ruf des BDI ist auf jeden Fall erst einmal beschädigt.

von Alemann: Langfristig nicht. Es gab im BDI immer Konflikte, und auch dieser wird einen Verband dieser Größe nicht umwerfen. Die Verantwortlichen sollten jedoch baldmöglichst einen Alternativkandidaten für das Amt des Hauptgeschäftsführers finden – das wird dann sicher kein Politiker sein.

mm.de: Steht Norbert Röttgen (CDU) nach seinem Rückzug als moralischer Gewinner oder als Umfaller da?

von Alemann: Röttgen ist sicher kein Gewinner, aber auch nicht der einzige Verlierer. Viele Personen haben in diesem Scharmützel Kratzer abbekommen, doch niemand ist untergegangen. Und die Herren Henkel und Rogowski werden auch in Zukunft weiter polarisieren.

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