Weltwirtschaft "Die Risiken sind unüberschaubar"

Eines Morgens werden die Gläubiger Amerikas aufwachen und ihre Dollar auf den Markt werfen - so beginnt Barry Eichengreens Crash-Szenario. Ein Interview mit dem US-Währungsexperten über weltweite Ungleichgewichte, die Stabilität des Dollar-Kartells und die Frage, warum das Wort Steuererhöhungen in den USA tabu ist.

mm.de: Herr Professor Eichengreen, Sie warnen seit Jahren vor den Gefahren, die von den globalen Ungleichgewichten ausgehen. Wie weit ist die Welt heute von einem großen Crash entfernt?

Eichengreen: Wissen Sie, Ökonomen sind groß im Prognostizieren - aber sie sind schlecht darin, eine zutreffende Prognose zu erstellen ...

mm.de: ... ein alter Ökonomen-Witz ...

Eichengreen: ... der heute die Wahrheit trifft, wie selten zuvor. Wir befinden uns in unkartierten Gewässern. Nie in der neueren Geschichte gab es eine solche Situation. Nie zuvor wies die größte Volkswirtschaft der Erde, die auch die Reservewährung der Welt stellt, derart große Leistungsbilanzdefizite auf. Dies ist eine historisch neue Situation, mit der wir keine Erfahrungen haben. Wir können nicht aus geschichtlichen Präzedenzfällen auf die heutige Entwicklung schließen. Deshalb können wir auch keine seriösen Prognosen abgeben.

mm.de: Was sagen Sie all den Finanzmarktakteuren, die behaupten, ein Crash sei ein zwar mögliches, aber extrem unwahrscheinliches Szenario?

Eichengreen: Das ist eine bloße Behauptung. Genauso übrigens, wie die Vorhersage, dass wir demnächst einen Crash an den globalen Finanzmärkten erleben werden. Dies ist eine Phase echter Ungewissheit. Es wäre schlicht unseriös, verschiedenen Szenarien Eintrittswahrscheinlichkeiten zuordnen zu wollen. Aber eine Vorhersage wage ich: Je länger diese Situation anhält, und je stärker sich das Leistungsbilanzdefizit der USA aufbläht, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir schlimme Folgen erleben werden.

"Der Dollar wird abwerten müssen"

mm.de: Das müssen Sie erklären.

Eichengreen: Für mich steht außer Frage, dass das US-Leistungsbilanzdefizit - derzeit bei rund 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - halbiert werden muss, um langfristig tragbar zu sein. Die fundamentalen Gesetze der Ökonomie gelten immer noch.

mm.de: Viele in Amerika sehen das offenbar anders. Ihr Argument lautet: In einer Welt offener Kapitalmärkte fließt das Kapital eben dahin, wo die höchsten Erträge winken. So gesehen, spiegelt das Leistungsbilanzdefizit die überragende ökonomische Kraft der USA wider.

Eichengreen: Ich weiß, es gibt Leute, die glauben, wir könnten noch zehn Jahre so weitermachen. Ich kaufe dieses Argument nicht. Unbestreitbar ist allerdings, dass außenwirtschaftliche Ungleichgewichte heute viel größer und auch viel länger anhalten können als früher. Dies ist in der Tat eine Folge der Öffnung der globalen Finanzmärkte. Aber kann das Wachstum des US-Leistungsbilanzdefizits ewig so weitergehen? Nein, auf keinen Fall.

mm.de: Sie rechnen mit einem Dollar-Crash?

Eichengreen: Jedenfalls wird der Dollar stark abwerten müssen, um die Ungleichgewichte zu verringern. Und wenn die Abwertung überraschend und abrupt passiert, ist die Gefahr umso größer, dass einige Hedgefonds und Investmentbanken auf dem falschen Fuß erwischt werden.

Das kann ernste Probleme im Finanzsektor geben, die mit einiger Wahrscheinlichkeit eine weltweite Rezession auslösen würden. Meine Sorge ist die: Wenn die Dollar-Abwertung noch lange auf sich warten lässt, werden die Folgen umso schlimmer sein.

mm.de: Bislang vertrauen die Finanzmärkte den USA. Niemand wird gezwungen, niedrig verzinste Dollar-Anleihen zu kaufen.

Eichengreen: Das stimmt. Aber die Situation kann in unberechenbarer Weise kippen. Irgendwann werden die ausländischen Gläubiger der USA morgens aufwachen und zu der Überzeugung gelangen, dass sie die USA neu bewerten müssen. Im Übrigen erleben wir gerade in den letzten Wochen, dass Leistungsbilanzdefizite wieder verstärkt ins Kalkül der Anleger rücken. Island, die Türkei, Ungarn und andere wurden abgestraft. Was haben diese Länder gemeinsam? Wenig - außer, dass sie hohe Leistungsbilanzdefizite aufweisen. Als Nächstes könnte das US-Leistungsbilanzdefizit ins Visier geraten.

"Heimlicher Ausstieg aus dem Dollar"

mm.de: Warum sollte es so weit kommen? Bislang haben doch Asiaten, Araber und Russen ein großes Interesse daran, den Dollar stabil zu halten - einfach weil sie so große Dollar-Reserven haben, dass sie bei einer Abwertung gigantische Wertberichtungen erleiden würden. Außerdem wollen sie weiter exportieren, gerade nach Amerika. Das geht am besten, wenn sie den Dollar stark und stabil halten.

Eichengreen: Je größer die Ungleichgewichte werden, desto größer wird das Risiko für die Länder, die große Dollar-Reserven haben. Die erleiden dann nämlich umso größere Vermögensverluste, wenn der Dollar doch irgendwann abwerten muss. Sie erkaufen sich heutige Stabilität mit immer größeren Risiken in der Zukunft.

mm.de: Die Dollar-Reserven werden von Notenbanken angelegt. Sind denen mögliche Wertberichtigungen im Falle einer Abwertung nicht egal?

Eichengreen: Auch Notenbanken haben eine Verantwortung gegenüber der heimischen Öffentlichkeit. Sie können es nicht zulassen, dass die Risiken unüberschaubar groß werden.

mm.de: Was, glauben Sie, werden die tun?

Eichengreen: Ich vergleiche die Situation mit einem Kartell. Viele Länder - in Asien, unter den Ölexporteuren - haben ihre Währungen an den Dollar gekoppelt. Um eine Aufwertung zu verhindern, haben sie in den vergangenen Jahren Dollar-Reserven in nie gesehener Größenordnung angelegt. Zusammen stützen sie die US-Währung.

Aber jedes einzelne Land hat ein steigendes Interesse daran, heimlich aus dem Dollar-Kartell auszusteigen und Dollar zu verkaufen beziehungsweise weniger zusätzliche Dollar zu kaufen, bevor die anderen das Gleiche tun - und es zu einer Abwertung kommt, verbunden mit den entsprechenden Wertberichtigungen in den Notenbank-Bilanzen. Wer zuerst draußen ist, wähnt sich im Vorteil.

mm.de: Eine brisante strategische Situation. Und dieses Dollar-Kartell wird zunehmend instabiler?

Eichengreen: Das ist meine Befürchtung: Einige große asiatische Spieler werden still und heimlich beginnen, aus dem Dollar auszusteigen.

"Warum nicht deutsche Anleihen"

mm.de: Wer aussteigt, muss auch einsteigen. Gibt es denn eine echte Alternative zum Dollar als Reservewährung?

Eichengreen: Den Euro, ganz klar. Warum sollten die Notenbanken der Schwellenländer nicht deutsche statt amerikanische Anleihen kaufen? Ich kann mir vorstellen, dass wir eine graduelle Bewegung hin zum Euro erleben werden. Es gibt einfach ein großes Interesse daran, die Portfolios zu diversifizieren.

Dazu kommt: Die Bindung an den Dollar führt in den betreffenden Ländern zu Überhitzungserscheinungen. Ihre Geldpolitik orientiert sich nicht an heimischen Erfordernissen und ist durch die Aufstockung ihrer Dollar-Reserven zu expansiv.

mm.de: Wie steht es mit den Ölexporteuren - jener Ländergruppe, die derzeit die größten Überschüsse erwirtschaftet? Die Staaten am Golf, auch Russland hängen bislang an der US-Währung, weil Öl und Gas in Dollar abgerechnet werden.

Eichengreen: Diese Länder haben doch ein noch größeres Interesse daran, sich auf Dauer vom Dollar zu lösen. Sie verlieren international Kaufkraft, je schwächer der Dollar gegenüber anderen Währungen wie Euro und Yen wird. Und auch diese Länder sehen allmählich die Risiken ihres Kurses. Russland hat ja bereits angedeutet, verstärkt Euro-Reserven aufzubauen. Andere werden folgen.

mm.de: Glauben Sie, die gestiegene Unsicherheit auf den Finanzmärkten könnte der Beginn einer solchen weltökonomischen Gezeitenwende weg vom Dollar sein?

Eichengreen: Das halte ich absolut für möglich.

mm.de: Kämpfe und Terror im Nahen Osten halten derzeit die Weltmärkte in Atem. Werden die gestiegenen Risiken nicht den Dollar stützen - einfach weil die US-Währung immer noch als sicherer Hafen gilt, in den man sich flüchtet, wenn die Lage ungemütlich wird?

Eichengreen: Ja, es scheint immer noch so zu sein. Anleger gehen instinktiv in den Dollar, wenn die weltpolitischen Spannungen steigen. Soweit der Dollar wieder aufwertet, wird die unabwendbare Rückbildung der Ungleichgewichte verzögert. Das US-Leistungsbilanzdefizit droht weiter zu steigen. Dadurch wird die spätere Anpassung noch schwerer verdaulich.

mm.de: Der Dollar bleibt, trotz allem, die einzige relevante Reservewährung der Welt?

Eichengreen: Eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, werden auch Euro und Yen die Funktion von sicheren Häfen übernehmen - der Yen, sobald die Zinsen dort soweit gestiegen sind, dass sie Investoren etwas Rendite versprechen. Aber das wird noch etwas dauern.

"Die Amerikaner leben auf Pump"

mm.de: Wie ließe sich der große Crash verhindern? Kann die Politik gegensteuern?

Eichengreen: Sicher. Vor allem die USA und China müssen ihre fundamentalen ökonomischen Probleme lösen. China muss sich weniger abhängig von Exporten machen. Auf Dauer ist ein derart stark von Exporten getriebenes Wachstum nicht gesund. Es macht die Wirtschaft auch für außenwirtschaftliche Störungen anfällig. Die USA wiederum müssen vor allem in der Finanzpolitik auf einen nachhaltigen Kurs zurückfinden. Die großen Budgetprobleme werden immer noch nicht ernst genommen.

mm.de: Glauben Sie, der neue Finanzminister Hank Paulson, bis vor kurzem Chef der Investmentbank Goldman Sachs, wird daran etwas ändern können?

Eichengreen: Was ich bisher von ihm gehört habe, deutet jedenfalls nicht darauf hin. Als Erstes hat er versprochen: keine Steuererhöhungen. Schon das Wort Steuererhöhungen ist ja in den USA verboten - wir sprechen von "Einnahmeverbesserungen".

Also, ohne Einnahmeverbesserungen wird das US-Budget nicht bis 2009 halbiert werden können, wie es die Regierung angekündigt hat. Steuererhöhungen sind unumgänglich. Der jetzige Kurs ist unglaubwürdig. Das ist das fundamentale ökonomische Problem Amerikas.

mm.de: Und die Bürger müssen mehr sparen. Die Sparquote liegt bei 0 Prozent - auch kein nachhaltiges Verhalten.

Eichengreen: Tja, einerseits war das natürlich in den vergangenen Jahren hilfreich. Amerika ist weiter robust gewachsen, weil die Bürger auf Pump lebten - also ihre zukünftigen Einkommen verkonsumierten. Andererseits ist diese Entwicklung ungesund. Daran waren auch die über Jahre zu niedrigen Zinsen Schuld. Nun normalisieren sich die Zinsen, und die Konsumenten werden darauf reagieren. Vielleicht sehen wir gerade den Beginn dieser Rückkehr der Ersparnis.

mm.de: Wenn sowohl die öffentlichen als auch die privaten Haushalte mehr sparen müssen, heißt das: Die USA als ultimativer Nachfrager der Weltwirtschaft fallen auf Jahre aus?

Eichengreen: Das ist wohl unausweichlich. Es kann zu einer globalen Wachstumsabschwächung oder sogar zu einer Rezession kommen - es sei denn, andere Nachfrager springen in die Bresche.

Und da gibt es ja durchaus einige positive Anzeichen: In Deutschland steigen die Investitionen endlich wieder an. Das ist doch ganz viel versprechend. Aber es ist ganz klar: Die USA müssen weniger ausgeben, andere, vor allem die Europäer, müssen mehr ausgeben. Desto leichter wird die Welt die derzeitigen Ungleichgewichte neu ausbalancieren können.

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