Montag, 21. Oktober 2019

Auswanderungswelle "Es ist nicht egal, wenn ihr euer Land verlasst"

HWWI-Chef Thomas Straubhaar warnt im Gespräch mit manager-magazin.de vor einer sich verschärfenden Migrationskrise. Dass immer mehr Deutsche ins Ausland gehen, sei ein Alarmsignal. Politik und Gesellschaft müssten das klare Ziel vorgeben: "Minderheiten aller Länder - kommt nach Deutschland!"

mm.de: Herr Professor Straubhaar, die Bundesrepublik erleidet derzeit die größte Auswanderungswelle ihrer Geschichte. Rund 160.000 Deutsche dürften voriges Jahr das Land verlassen haben. Zugleich wandern deutlich weniger Menschen ein als in den Jahrzehnten zuvor. Müssen wir uns darauf einstellen, dass Deutschland auf Dauer zum Auswanderungsland wird?

Und tschüss: Immer mehr hoch qualifizierte Deutsche verlassen das Land

Straubhaar: Die Gefahr besteht definitiv. Deshalb gehört das Thema Migration ganz oben auf die politische Agenda. Es gelingt der deutschen Gesellschaft immer schlechter, hoch qualifizierte, leistungsfähige Menschen an sich zu binden. Wenn wir nichts dagegen tun, werden sich die Probleme dieses Landes in einer Weise zuspitzen, wie sich das heute kaum jemand vorstellen kann.

mm.de: Die Migrationsfrage wird zur Schicksalsfrage für Deutschland?

Straubhaar: Migrationsfragen sind ein Spiegel der deutschen Strukturprobleme. Dass viel zu wenige qualifizierte Ausländer nach Deutschland einwandern und dass immer mehr Deutsche ins Ausland gehen, ist Ausdruck der unglaublichen Verunsicherung, die die Bundesrepublik erfasst hat. Diese Gesellschaft ist dabei, den Glauben an ihre eigene Zukunft zu verlieren. Diese Zukunftsangst ist im Übrigen auch der Grund, warum sich so wenige Leute zutrauen, Kinder großzuziehen.

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mm.de: Starke Worte. Kann die Politik daran etwas ändern?

Straubhaar: Die Bundesregierung könnte und müsste eine entscheidende Rolle dabei spielen, den Menschen wieder mehr Zukunftsvertrauen zu vermitteln. Gerade erleben die Bürger aber in erschreckender Weise, wie die große Koalition - von der sie gehofft hatten, dass sie chronische Blockaden lösen könnte - sich festfährt. Eine Richtung, wohin sich dieses Land entwickeln sollte, ist auch unter der Regierung Merkel nicht zu erkennen. Reformpolitik kommt aber nicht ohne Visionen aus.

mm.de: Wie könnte denn eine solche Vision aussehen?

Straubhaar: Zum Beispiel könnten sich die Deutschen vornehmen: Wir wollen eine Gesellschaft werden, die für international mobile Personen - egal ob sie einen deutschen oder einen anderen Pass haben - attraktiv ist. Wir wollen eine offene, optimistische Nation sein, in der sich In- und Ausländer wohl fühlen.

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