Auswanderungswelle "Es ist nicht egal, wenn ihr euer Land verlasst"

HWWI-Chef Thomas Straubhaar warnt im Gespräch mit manager-magazin.de vor einer sich verschärfenden Migrationskrise. Dass immer mehr Deutsche ins Ausland gehen, sei ein Alarmsignal. Politik und Gesellschaft müssten das klare Ziel vorgeben: "Minderheiten aller Länder - kommt nach Deutschland!"

mm.de: Herr Professor Straubhaar, die Bundesrepublik erleidet derzeit die größte Auswanderungswelle ihrer Geschichte. Rund 160.000 Deutsche dürften voriges Jahr das Land verlassen haben. Zugleich wandern deutlich weniger Menschen ein als in den Jahrzehnten zuvor. Müssen wir uns darauf einstellen, dass Deutschland auf Dauer zum Auswanderungsland wird?

Straubhaar: Die Gefahr besteht definitiv. Deshalb gehört das Thema Migration ganz oben auf die politische Agenda. Es gelingt der deutschen Gesellschaft immer schlechter, hoch qualifizierte, leistungsfähige Menschen an sich zu binden. Wenn wir nichts dagegen tun, werden sich die Probleme dieses Landes in einer Weise zuspitzen, wie sich das heute kaum jemand vorstellen kann.

mm.de: Die Migrationsfrage wird zur Schicksalsfrage für Deutschland?

Straubhaar: Migrationsfragen sind ein Spiegel der deutschen Strukturprobleme. Dass viel zu wenige qualifizierte Ausländer nach Deutschland einwandern und dass immer mehr Deutsche ins Ausland gehen, ist Ausdruck der unglaublichen Verunsicherung, die die Bundesrepublik erfasst hat. Diese Gesellschaft ist dabei, den Glauben an ihre eigene Zukunft zu verlieren. Diese Zukunftsangst ist im Übrigen auch der Grund, warum sich so wenige Leute zutrauen, Kinder großzuziehen.

mm.de: Starke Worte. Kann die Politik daran etwas ändern?

Straubhaar: Die Bundesregierung könnte und müsste eine entscheidende Rolle dabei spielen, den Menschen wieder mehr Zukunftsvertrauen zu vermitteln. Gerade erleben die Bürger aber in erschreckender Weise, wie die große Koalition - von der sie gehofft hatten, dass sie chronische Blockaden lösen könnte - sich festfährt. Eine Richtung, wohin sich dieses Land entwickeln sollte, ist auch unter der Regierung Merkel nicht zu erkennen. Reformpolitik kommt aber nicht ohne Visionen aus.

mm.de: Wie könnte denn eine solche Vision aussehen?

Straubhaar: Zum Beispiel könnten sich die Deutschen vornehmen: Wir wollen eine Gesellschaft werden, die für international mobile Personen - egal ob sie einen deutschen oder einen anderen Pass haben - attraktiv ist. Wir wollen eine offene, optimistische Nation sein, in der sich In- und Ausländer wohl fühlen.

"Dann kommt der Katzenjammer"

mm.de: Nun präsentieren sich die Deutschen gerade als guter WM-Gastgeber. Ist die derzeitige schwarz-rot-goldene Seligkeit nicht ein Zeichen, dass sich das Land verändert hat?

Straubhaar: Die WM ist wunderbar. Es ist toll, Deutschland mal von dieser Seite zu erleben. Mir scheint, die Deutschen sind derzeit von ihrer eigenen Lockerheit begeistert. Das ist wie ein Rausch. Aber kein Rausch ist von Dauer. Irgendwann, wenn die WM vorbei ist, wird der harte ökonomische Alltag wieder die Stimmung beeinflussen - dann kommt der Katzenjammer.

mm.de: Sollten wir denn aus der WM-Erfahrung nichts lernen?

Straubhaar: Oh, doch. Die Deutschen zeigen sich als gute Gastgeber für Fußballfans aus der ganzen Welt. Diese Offenheit gegenüber Fremden würde ich mir auch im Alltag und in der Zuwanderungspolitik wünschen. Ausländer haben auch nach vielen Jahren in Deutschland nicht das Gefühl, sie gehörten hierher.

mm.de: Welche konkreten Maßnahmen schweben Ihnen vor?

Straubhaar: Die Bundesregierung sollte so schnell wie möglich das Einwanderungsgesetz wieder auf die Tagesordnung setzen. Ursprünglich war in dem Gesetz ein Punktesystem vorgesehen, wie es viele andere Länder auch haben. Damit kann die Politik jene Einwanderer auswählen, die eine Gesellschaft aufnehmen möchte. Leider ist diese Regelung aus dem Gesetz gestrichen worden. Man hat nicht verstehen wollen, dass ein Punktesystem kein Widerspruch zu einem Begrenzungsziel darstellt. Das Punktesystem kommt nur so weit zum Tragen, wie die Regierung Menschen erlaubt, zuzuwandern. Aber die Angst vor Einwanderung ist in Deutschland so groß, dass man nicht rational darüber diskutieren kann.

mm.de: Gerade erlebten wir eine Debatte über "No-go-Areas", also Gegenden in Deutschland, wo Ausländer um ihr Leben fürchten müssen. Kann man Ausländern wirklich raten, hierher zu kommen?

Straubhaar: Ich hoffe doch. Die Probleme bei der Integration von Ausländern haben zwei Facetten. Erstens: Ausländerfeindliche Gewalttaten sind dort am häufigsten, wo wenige Ausländer leben - wo die Deutschen nicht gelernt haben, mit Zuwanderern friedlich unzugehen. In Gegenden mit hohem Ausländeranteil wie den meisten westdeutschen Großstädten hingegen sind Übergriffe seltener. Zweitens: Wer nach Deutschland kommt, wird für lange Zeit in einer Situation der Vorläufigkeit gelassen. Er wird nicht mit offenen Armen empfangen, sondern geduldet. Die internationale Erfahrung zeigt: Integration gelingt dann am besten, wenn sie schnell geht.

"Wettbewerb um die besten Köpfe"

mm.de: Woher rührt diese deutsche Skepsis gegenüber Zuwanderung?

Straubhaar: In Deutschland werden die aus Zuwanderung resultierenden Probleme in absurder Weise überbetont, während zugleich die unbestreitbaren Vorteile der Immigration komplett verschwiegen werden. Heterogenität und kulturelle Vielfalt - das tut einer Gesellschaft unglaublich gut. Voraussetzung dafür ist, dass die Zugewanderten eine belastbare Loyalität zu ihrer neuen Heimat entwickeln.

Und das tun sie dann ganz besonders, wenn sie rasch die Staatsbürgerschaft mit allen Rechten und Pflichten bekommen, was es ihnen auch einfacher macht, wirtschaftlich erfolgreich zu werden. Und nicht so wie in Deutschland, dass man zuerst wirtschaftlich erfolgreich sein muss und erst dann die deutsche Staatsangehörigkeit erhält.

mm.de: Offenkundig wollen viele Ausländer gar nicht nach Deutschland kommen. Die "Green Card" für Computerexperten beispielsweise war ein Flop.

Straubhaar: Deutschland sollte die bedrängten Minderheiten aller Länder einladen, hier zu leben, zu arbeiten, Kinder großzuziehen - sich zu verwurzeln. Nehmen Sie die jüdischen Zuwanderer aus Osteuropa, die ja erfreulicherweise wieder zu hunderttausenden in Deutschland leben. Viele dieser Menschen sind hoch gebildet. Und was machen wir mit ihnen? Wir erschweren es ihnen, ihren Beruf auszuüben. Ich würde mir wünschen, dass diese Gesellschaft die klare Botschaft ausspricht: Minderheiten aller Länder - kommt nach Deutschland!

mm.de: Also: Deutsche Pässe für alle, die kommen wollen?

Straubhaar: Nein. Jede Gesellschaft muss ihre Zuwanderer auswählen. Aber sie muss sie auch umwerben. Wir stehen in einem weltweiten Wettbewerb um die besten Köpfe. Schweden zum Beispiel gibt Kriegsflüchtlingen am ersten Tag einen Pass. Schweden hat auch seinen Arbeitsmarkt für Bürger aus den osteuropäischen EU-Staaten geöffnet, Großbritannien und Irland ebenso.

Wir hingegen halten die Grenzen dicht. Wir laden die mobilen Osteuropäer nicht ein, wir rollen ihnen nicht den roten Teppich aus. Wir schrecken sie ab. Also gehen sie anderswohin - und entfalten da ihre Produktivität. Die Bundesregierung sollte so schnell wie möglich die Übergangsregeln für die Freizügigkeit der Osteuropäer abschaffen.

"Nicht alle Wurzeln auszureißen"

mm.de: Zugleich steigt die Auswanderungswelle immer weiter an. Wenn die Deutschen gehen, warum sollten Ausländer kommen?

Straubhaar: Es sind zwei Seiten der gleichen Medaille: Eine Gesellschaft, die von Zuwanderung profitiert, ist dynamischer, optimistischer, zukunftsgewandter - und vergrault die leistungsfähigen Einheimischen nicht. Die WM ist dafür eine gute Metapher: Es herrscht eine Stimmung, die dafür sorgt, dass die einen nicht abhauen und andere dazukommen, um gemeinsam eine Party zu feiern.

mm.de: Kann man kurzfristig etwas gegen die Auswanderungswelle tun - an das patriotische Pflichtgefühl appellieren vielleicht, oder Emigranten anschreiben und sie bitten, zurückzukommen?

Straubhaar: Als Ökonom glaube ich nicht an Appelle. Aber ich mache mir in der Tat Sorgen, dass wir eine nomadenhafte Elite bekommen, die sich keiner Gesellschaft mehr loyal gegenüber verhält - die von hier nach dort zieht, immer auf der Suche nach noch mehr Geld. Keine Gesellschaft und keine Volkswirtschaft können so auf Dauer bestehen. Kultur, Wohlstand, Sicherheit - das ist ohne die Loyalität der Sesshaften nicht zu haben. Deshalb denke ich, Deutschland sollte den Wegziehenden Anreize bieten, nicht alle Wurzeln auszureißen und für immer fortzugehen. Es wäre gut, wenn jene Deutschen, die ins Ausland gehen, die dort etwas dazulernen und Geld verdienen, dieses Erlernte und Ersparte später wieder ihrer Heimat nutzbar machen.

mm.de: An welche Art von Anreizen denken Sie?

Straubhaar: An eine Art Passgebühr. Solange jemand zwar im Ausland lebt, aber nach wie vor deutscher Staatsbürger ist, genießt er den Schutz seines Heimatstaates, insbesondere wenn er in eine Notlage gerät. Er kann jederzeit zurückkehren. Dafür soll er ruhig in die deutsche Staatskasse einen Beitrag abführen - zum Beispiel in Form einer jährlichen Passgebühr für deutsche Staatsbürger im Ausland.

mm.de: Wie hoch sollte denn diese Gebühr sein?

Straubhaar: Nicht sehr hoch. Ein paar tausend Euro vielleicht. Mir geht es mehr um das Symbol, damit deutlich wird: Es ist nicht egal, wenn ihr euer Land verlasst. Wissen Sie, als ich aus der Schweiz nach Deutschland kam, musste ich in den ersten acht Jahren jährlich 1000 Mark zahlen - mit der offiziellen Begründung, dass ich der Schweizerischen Armee nicht mehr als Reservist zur Verfügung stehe und eben entsprechend für die Vaterlandsverteidigung einen finanziellen Beitrag leisten müsse.

mm.de: Herr Straubhaar, welchem Land fühlen Sie sich heute loyal gegenüber - Deutschland oder der Schweiz?

Straubhaar: Meine Familie und ich leben jetzt schon seit 15 Jahren in Deutschland. Wir haben hier Wurzeln geschlagen. Ich strenge mich an, ein loyaler Hamburger Bürger zu sein.

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