Mittwoch, 20. November 2019

Auswanderungswelle "Es ist nicht egal, wenn ihr euer Land verlasst"

4. Teil: "Nicht alle Wurzeln auszureißen"

mm.de: Zugleich steigt die Auswanderungswelle immer weiter an. Wenn die Deutschen gehen, warum sollten Ausländer kommen?

Straubhaar: Es sind zwei Seiten der gleichen Medaille: Eine Gesellschaft, die von Zuwanderung profitiert, ist dynamischer, optimistischer, zukunftsgewandter - und vergrault die leistungsfähigen Einheimischen nicht. Die WM ist dafür eine gute Metapher: Es herrscht eine Stimmung, die dafür sorgt, dass die einen nicht abhauen und andere dazukommen, um gemeinsam eine Party zu feiern.

"Deutschland sollte den Wegziehenden Anreize bieten, nicht alle Wurzeln auszureißen und für immer fortzugehen."

mm.de: Kann man kurzfristig etwas gegen die Auswanderungswelle tun - an das patriotische Pflichtgefühl appellieren vielleicht, oder Emigranten anschreiben und sie bitten, zurückzukommen?

Straubhaar: Als Ökonom glaube ich nicht an Appelle. Aber ich mache mir in der Tat Sorgen, dass wir eine nomadenhafte Elite bekommen, die sich keiner Gesellschaft mehr loyal gegenüber verhält - die von hier nach dort zieht, immer auf der Suche nach noch mehr Geld. Keine Gesellschaft und keine Volkswirtschaft können so auf Dauer bestehen. Kultur, Wohlstand, Sicherheit - das ist ohne die Loyalität der Sesshaften nicht zu haben. Deshalb denke ich, Deutschland sollte den Wegziehenden Anreize bieten, nicht alle Wurzeln auszureißen und für immer fortzugehen. Es wäre gut, wenn jene Deutschen, die ins Ausland gehen, die dort etwas dazulernen und Geld verdienen, dieses Erlernte und Ersparte später wieder ihrer Heimat nutzbar machen.

mm.de: An welche Art von Anreizen denken Sie?

Straubhaar: An eine Art Passgebühr. Solange jemand zwar im Ausland lebt, aber nach wie vor deutscher Staatsbürger ist, genießt er den Schutz seines Heimatstaates, insbesondere wenn er in eine Notlage gerät. Er kann jederzeit zurückkehren. Dafür soll er ruhig in die deutsche Staatskasse einen Beitrag abführen - zum Beispiel in Form einer jährlichen Passgebühr für deutsche Staatsbürger im Ausland.

mm.de: Wie hoch sollte denn diese Gebühr sein?

Straubhaar: Nicht sehr hoch. Ein paar tausend Euro vielleicht. Mir geht es mehr um das Symbol, damit deutlich wird: Es ist nicht egal, wenn ihr euer Land verlasst. Wissen Sie, als ich aus der Schweiz nach Deutschland kam, musste ich in den ersten acht Jahren jährlich 1000 Mark zahlen - mit der offiziellen Begründung, dass ich der Schweizerischen Armee nicht mehr als Reservist zur Verfügung stehe und eben entsprechend für die Vaterlandsverteidigung einen finanziellen Beitrag leisten müsse.

mm.de: Herr Straubhaar, welchem Land fühlen Sie sich heute loyal gegenüber - Deutschland oder der Schweiz?

Straubhaar: Meine Familie und ich leben jetzt schon seit 15 Jahren in Deutschland. Wir haben hier Wurzeln geschlagen. Ich strenge mich an, ein loyaler Hamburger Bürger zu sein.

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