Dienstag, 19. November 2019

Auswanderungswelle "Es ist nicht egal, wenn ihr euer Land verlasst"

3. Teil: "Wettbewerb um die besten Köpfe"

mm.de: Woher rührt diese deutsche Skepsis gegenüber Zuwanderung?

Straubhaar: In Deutschland werden die aus Zuwanderung resultierenden Probleme in absurder Weise überbetont, während zugleich die unbestreitbaren Vorteile der Immigration komplett verschwiegen werden. Heterogenität und kulturelle Vielfalt - das tut einer Gesellschaft unglaublich gut. Voraussetzung dafür ist, dass die Zugewanderten eine belastbare Loyalität zu ihrer neuen Heimat entwickeln.

"Deutschland sollte die bedrängten Minderheiten aller Länder einladen, hier zu leben, zu arbeiten, Kinder großzuziehen - sich zu verwurzeln."
Und das tun sie dann ganz besonders, wenn sie rasch die Staatsbürgerschaft mit allen Rechten und Pflichten bekommen, was es ihnen auch einfacher macht, wirtschaftlich erfolgreich zu werden. Und nicht so wie in Deutschland, dass man zuerst wirtschaftlich erfolgreich sein muss und erst dann die deutsche Staatsangehörigkeit erhält.

mm.de: Offenkundig wollen viele Ausländer gar nicht nach Deutschland kommen. Die "Green Card" für Computerexperten beispielsweise war ein Flop.

Straubhaar: Deutschland sollte die bedrängten Minderheiten aller Länder einladen, hier zu leben, zu arbeiten, Kinder großzuziehen - sich zu verwurzeln. Nehmen Sie die jüdischen Zuwanderer aus Osteuropa, die ja erfreulicherweise wieder zu hunderttausenden in Deutschland leben. Viele dieser Menschen sind hoch gebildet. Und was machen wir mit ihnen? Wir erschweren es ihnen, ihren Beruf auszuüben. Ich würde mir wünschen, dass diese Gesellschaft die klare Botschaft ausspricht: Minderheiten aller Länder - kommt nach Deutschland!

mm.de: Also: Deutsche Pässe für alle, die kommen wollen?

Straubhaar: Nein. Jede Gesellschaft muss ihre Zuwanderer auswählen. Aber sie muss sie auch umwerben. Wir stehen in einem weltweiten Wettbewerb um die besten Köpfe. Schweden zum Beispiel gibt Kriegsflüchtlingen am ersten Tag einen Pass. Schweden hat auch seinen Arbeitsmarkt für Bürger aus den osteuropäischen EU-Staaten geöffnet, Großbritannien und Irland ebenso.

Wir hingegen halten die Grenzen dicht. Wir laden die mobilen Osteuropäer nicht ein, wir rollen ihnen nicht den roten Teppich aus. Wir schrecken sie ab. Also gehen sie anderswohin - und entfalten da ihre Produktivität. Die Bundesregierung sollte so schnell wie möglich die Übergangsregeln für die Freizügigkeit der Osteuropäer abschaffen.

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