Dienstag, 19. November 2019

Auswanderungswelle "Es ist nicht egal, wenn ihr euer Land verlasst"

2. Teil: "Dann kommt der Katzenjammer"

mm.de: Nun präsentieren sich die Deutschen gerade als guter WM-Gastgeber. Ist die derzeitige schwarz-rot-goldene Seligkeit nicht ein Zeichen, dass sich das Land verändert hat?

Thomas Straubhaar (48) ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Der profilierte Migrationsforscher ist gebürtiger Schweizer. Er lebt und arbeitet seit 1990 in Deutschland.
Straubhaar: Die WM ist wunderbar. Es ist toll, Deutschland mal von dieser Seite zu erleben. Mir scheint, die Deutschen sind derzeit von ihrer eigenen Lockerheit begeistert. Das ist wie ein Rausch. Aber kein Rausch ist von Dauer. Irgendwann, wenn die WM vorbei ist, wird der harte ökonomische Alltag wieder die Stimmung beeinflussen - dann kommt der Katzenjammer.

mm.de: Sollten wir denn aus der WM-Erfahrung nichts lernen?

Straubhaar: Oh, doch. Die Deutschen zeigen sich als gute Gastgeber für Fußballfans aus der ganzen Welt. Diese Offenheit gegenüber Fremden würde ich mir auch im Alltag und in der Zuwanderungspolitik wünschen. Ausländer haben auch nach vielen Jahren in Deutschland nicht das Gefühl, sie gehörten hierher.

mm.de: Welche konkreten Maßnahmen schweben Ihnen vor?

Straubhaar: Die Bundesregierung sollte so schnell wie möglich das Einwanderungsgesetz wieder auf die Tagesordnung setzen. Ursprünglich war in dem Gesetz ein Punktesystem vorgesehen, wie es viele andere Länder auch haben. Damit kann die Politik jene Einwanderer auswählen, die eine Gesellschaft aufnehmen möchte. Leider ist diese Regelung aus dem Gesetz gestrichen worden. Man hat nicht verstehen wollen, dass ein Punktesystem kein Widerspruch zu einem Begrenzungsziel darstellt. Das Punktesystem kommt nur so weit zum Tragen, wie die Regierung Menschen erlaubt, zuzuwandern. Aber die Angst vor Einwanderung ist in Deutschland so groß, dass man nicht rational darüber diskutieren kann.

mm.de: Gerade erlebten wir eine Debatte über "No-go-Areas", also Gegenden in Deutschland, wo Ausländer um ihr Leben fürchten müssen. Kann man Ausländern wirklich raten, hierher zu kommen?

Straubhaar: Ich hoffe doch. Die Probleme bei der Integration von Ausländern haben zwei Facetten. Erstens: Ausländerfeindliche Gewalttaten sind dort am häufigsten, wo wenige Ausländer leben - wo die Deutschen nicht gelernt haben, mit Zuwanderern friedlich unzugehen. In Gegenden mit hohem Ausländeranteil wie den meisten westdeutschen Großstädten hingegen sind Übergriffe seltener. Zweitens: Wer nach Deutschland kommt, wird für lange Zeit in einer Situation der Vorläufigkeit gelassen. Er wird nicht mit offenen Armen empfangen, sondern geduldet. Die internationale Erfahrung zeigt: Integration gelingt dann am besten, wenn sie schnell geht.

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