Mittwoch, 24. Juli 2019

Das deutsche Drama Eliten-Apartheid

Die Topleute in Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und Verwaltung arbeiten gegeneinander. Lesen Sie im vierten Teil der Serie "Das deutsche Drama", warum der "Ruck" hier zu Lande nicht stattfindet.

Es war ein warmer Sommerabend. Die heraufziehende Dämmerung tauchte die Stadt in ein mildes Graublau. Der Blick war atemberaubend.

 Henrik Müller , Redakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen. manager-magazin.de präsentiert in der Serie "Das deutsche Drama" exklusiv Auszüge aus seinem soeben erschienenen Buch "Wirtschaftsfaktor Patriotismus. Vaterlandsliebe in Zeiten der Globalisierung".
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Henrik Müller, Redakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen. manager-magazin.de präsentiert in der Serie "Das deutsche Drama" exklusiv Auszüge aus seinem soeben erschienenen Buch "Wirtschaftsfaktor Patriotismus. Vaterlandsliebe in Zeiten der Globalisierung".
Unten begann die Stadt zu glitzern und zu funkeln, fast entrückt dinierten wir im 60. Stock des Frankfurter Messeturms.

Edles, modernes Ambiente. Gedämpfte Geräusche, ein leises Rauschen der Klimaanlage, lautlose Kellner. Das Essen war delikat und ebenso der Wein.

Es war so schön. Eine Atmosphäre dazu angetan, sich gemeinsam am Leben zu erfreuen, kluge Gespräche zu führen und am Ende voll behaglichem Optimismus auseinander zu gehen.

Aber wir waren in Deutschland. Und deshalb hing eine düstere Ahnung des unausweichlichen Niedergangs über diesem Abend. Eine Stimmung, die unseren Gesprächspartner Jim O'Neill so nachhaltig beeindruckte, dass er noch zwei Jahre später in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" davon erzählte.

Eigentlich war O'Neill, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs, aus London eingeflogen, um mit uns, einem Dutzend Wirtschaftsjournalisten, im Rahmen eines Hintergrundgesprächs über den bevorstehenden Aufbruch zu reden.

O'Neill, ein Mann, der schon mal Sportschuhe zum dunklen Anzug trägt, war optimistisch gestimmt: In Großbritannien, in Amerika, in Asien - überall schienen die Zeichen auf Aufschwung zu stehen.


Henrik Müller: "Wirtschaftsfaktor Patriotismus. Vaterlandsliebe in Zeiten der Globalisierung"; Eichborn Verlag, März 2006, 236 Seiten, 19,90 Euro.

Und nun, so erläuterten er und sein Kollege David Walton uns, könnte auch Europas größte Volkswirtschaft Deutschland endlich durchstarten.

Es war der Sommer 2002, eine Bundestagswahl stand bevor, danach könnten endlich die notwendigen Veränderungen angegangen werden. Eine neue Regierung, gleich welcher Couleur, würde doch zupacken müssen.

Ihr habt lange genug diskutiert, der Rest der Welt führt euch vor, wie man in der globalisierten Ökonomie Wohlstand schafft. Also, wohlan, sagte O'Neill, was hindert euch, dieses Spiel erfolgreich mitzuspielen?

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