Sonntag, 18. August 2019

Das deutsche Drama Deutschland, eine Wirtschaftsnation

Anders als in anderen Ländern verstehen die Deutschen sich als Erwerbs- und Verteilungsgemeinschaft. Erst kommt die Wirtschaft, dann die Politik - nicht umgekehrt. Reicht das, um im globalen Wettbewerb zu bestehen? Lesen Sie Teil zwei der Serie "Das deutsche Drama".

Um Mitternacht heulten die Nebelhörner. Der Hafen und der kleine Ort, alles vibrierte in ihrem tiefen Klagelaut. Es klang etwas bedrohlich: So ähnlich mussten die Sirenen in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs in deutschen Städten geklungen haben.

 Henrik Müller , Redakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen. manager-magazin.de präsentiert in der Serie "Das deutsche Drama" exklusiv Auszüge aus seinem soeben erschienenen Buch "Wirtschaftsfaktor Patriotismus. Vaterlandsliebe in Zeiten der Globalisierung".
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Henrik Müller, Redakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen. manager-magazin.de präsentiert in der Serie "Das deutsche Drama" exklusiv Auszüge aus seinem soeben erschienenen Buch "Wirtschaftsfaktor Patriotismus. Vaterlandsliebe in Zeiten der Globalisierung".

Dies jedenfalls war meine Assoziation, als ich am 3. Oktober 1990 als 24-jähriger Reporter in Warnemünde durch die Straßen zog, um das Geschehen zu beobachteten und später darüber zu schreiben. Dummerweise war kaum jemand unterwegs, von Volksfeststimmung, von überschäumender Freude war schon gar nichts zu spüren.

Zur gleichen Zeit ließ Bundeskanzler Helmut Kohl in Berlin auf dem Platz vor dem Reichstagsgebäude Deutschland feiern. Feuerwerk, Musik, jubelnde Massen - das große Staatsspektakel, das so wenig zu hatte mit dem, wie ich die Einheit erlebte.

Seit Juli 1990 arbeitete ich in Rostock für die "Mecklenburger Morgenpost", einen Ableger der "Hamburger Morgenpost", einer links-liberalen Boulevardzeitung. Wer als Reporter für eine Boulevard-Zeitung unterwegs ist, erlebt die Realität unmittelbar und ungefiltert. Man redet mit allen, auch mit den so genannten "einfachen Leuten", denn die stellen ja den Großteil der Leserschaft.

Traf ich damals irgendjemanden, der der staatlichen Einheit enthusiastisch entgegen geblickt hätte? Sicher, wir alle waren froh, dass der SED-Staat samt Stasi, Mauer und Schießbefehl im Orkus der Geschichte verschwunden war. Aber Gesamtdeutscher werden? Wollten wir Wessis das, wollten das die Ostdeutschen?

Es ist bezeichnend, dass die politische Klasse unter Kohls großspuriger Führung damals eine Volksabstimmung scheute und den Anschluss der Ostländer von oben dekretierte. Denn der Ausgang einer solchen Wahl wäre höchst unsicher gewesen. Ein Wahlkampf und eine breite Debatte über die verschiedenen Optionen der Annäherung der beiden deutschen Staaten - noch im November 1989 hatte Kohl in seinem Zehn-Punkte-Plan die Option einer "Konföderation" ins Auge gefasst und nicht die rasche staatliche Einheit - waren schlicht unerwünscht.


Henrik Müller: "Wirtschaftsfaktor Patriotismus. Vaterlandsliebe in Zeiten der Globalisierung"; Eichborn Verlag, März 2006, 236 Seiten, 19,90 Euro.

So blieb es bei der bloßen Behauptung Willy Brandts, dass nun "zusammen wächst, was zusammen gehört", und bei Kohls illusionistischen Versprechen, binnen weniger Jahre "blühende Landschaften" zu schaffen.

Drei deutsche historische Traditionen brachen beim Management der Einheit wieder einmal mit Macht hervor: auf der einen Seite ein Hang zur Romantik, der phasenweise die nationale Politik dominiert, aber nur von einer Minderheit geteilt wird; auf der anderen Seite eine große Unsicherheit der Mehrheit darüber, was die deutsche Identität eigentlich ist und wozu man überhaupt einen Nationalstaat braucht; woraus, drittens, der Zwang erwächst, einen deutschen Nationalstaat durch ökonomische Erfolge zu legitimieren. Dazu später mehr in diesem Kapitel.

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