Schering-Übernahme Aufsichtsrat weist Offerte zurück

Erwartungsgemäß hat auch der Schering-Aufsichtsrat am Dienstag die Avancen des Konkurrenten Merck zurückgewiesen. Widerstand kommt auch von Berlins regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit. Er sorgt sich um Arbeitsplätze beim Übernahmekandidaten und will das Unternehmen "nicht im Regen stehen lassen".

Berlin - Berlin – Der Aufsichtsrat des Pharmakonzerns Schering  lehnt das Übernahmeangebot des Konkurrenten Merck  ab. Das Kontrollgremium teile damit die Haltung des Vorstands, sagte Schering-Chef Hubertus Erlen am Rande einer Aufsichtsratssitzung am Dienstag in Berlin. Der Aufsichtsrat sei der Auffassung, dass das von Merck abgegebene Angebot nicht dem Wert von Schering entspreche. Es bestehe zugleich Einvernehmen, dass das Unternehmen "alle Optionen" ergreifen soll, eigenständig den Wert von Schering weiter zu steigern.

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sieht das Übernahmeangebot von Merck für den in der Hauptstadt ansässigen Pharmakonzern mit Skepsis. "Ich sorge mich um die Arbeitsplätze sowie den Verbleib der Firmenzentrale und wichtiger Vorstandsfunktionen", sagte der SPD-Politiker am Dienstag nach einer Senatssitzung. Wowereit dankte dem Dax-Unternehmen ausdrücklich, "dass es Berlin immer die Treue gehalten hat".

Wowereit sagte, er könne "abstrakt" die Übernahmepläne des Darmstädter Familienunternehmens Merck nachvollziehen. "Ich schreie aber nicht Hurra, wenn ein anderes Unternehmen Schering übernehmen will - erst recht dann nicht, wenn dies nicht einvernehmlich geschehen soll." Wowereit betonte, er wolle Schering "nicht im Regen stehen lassen" und äußerte die Hoffnung, dass der Übernahmepoker in den kommenden Tagen und Wochen keinen Schaden bei Schering und am Wirtschaftsstandort Berlin auslöst.

Wowereit sagte, ihm sei unklar, wie die von Merck genannten 500 Millionen Euro an Synergieeffekten erzielt werden sollen. Dahinter stehe vermutlich ein Stellenabbau und davon würden wahrscheinlich auch Mitarbeiter Scherings in Berlin betroffen sein.

Wirtschaftsforscher sieht Bremswirkung für Berlin

Der Regierende Bürgermeister verwies zugleich auf die beschränkten Einflussmöglichkeiten der Politik. Der Berliner Senat sei kein Verhandlungspartner und daher auch "nicht in der Lage, strategisch Einfluss zu nehmen". Es gebe aber gleichwohl von beiden Unternehmen Versuche, den Senat für die jeweiligen Interessen "in Position zu bringen", meinte der Politiker. Diese Situation sei "nicht ganz einfach". "Auch jede Äußerung von mir ist Teil des Pokers."

Wirtschaftsforscher fürchten unterdessen erheblichen Schaden für Berlin und die neuen Länder, sollte die Schering-Zentrale abgezogen werden. Ulrich Blum, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), sagte dem "Tagesspiegel", etwa 30 Prozent der Wertschöpfung eines Konzerns strahle auf die Stadt ab, die den Hauptsitz beherberge. Der Abzug einer Zentrale könne erhebliche Bremswirkungen für den Standort Berlin bringen.

Erlens Strategie-Tadel

Scherings Vorstandschef Hubertus Erlen betonte am Dienstag, sein Unternehmen sei "sehr gut aufgestellt, mit hohen Wachstumsraten in attraktiven Märkten". Schering sei zwar Spezialist, aber in großen Marktnischen sehr erfolgreich. "Ich sehe daher aus dem Geschäft heraus keine Notwendigkeit, mit anderen zusammenzugehen."
Erlens Strategie-Tadel

Aus seiner Sicht habe das Darmstädter Unternehmen Merck "nicht gerade klar gemacht, was denn eigentlich die Strategie sein soll", sagte Erlen. Ihm leuchte zum Beispiel nicht ein, warum das in weiten Teilen unterschiedliche Geschäft Mercks die Schering-Geschäfte stärken sollte.

Auf Fragen nach der Verteidigungsstrategie Scherings zur Abwehr der geplanten feindlichen Übernahme sagte Erlen: "Das beste, was wir tun können, ist das zu tun, was wir bisher getan haben: Also zu wachsen, den Ertrag zu steigern und unsere Produkt-Pipeline abzuarbeiten." In den kommenden Wochen bleibe "ausreichend Zeit, darüber intensiv mit unseren Aktionären zu reden", sagte Erlen. "Es wird gelten, unsere Aktionäre zu überzeugen, dass unser Geschäftswert so attraktiv ist, dass er das von Merck abgegebene Angebot von 77 Euro je Aktie übertrifft."

Der größte Einzelaktionär Scherings ist die Allianz  mit einem Anteil von 10 Prozent, der Rest ist in Streubesitz und hauptsächlich in der Hand institutioneller Anleger. Rund 40 Prozent der Schering-Aktionäre sind in Deutschland, die übrigen sitzen hauptsächlich in Großbritannien und den USA.

Halbstündiges Treffen mit Vita

Spekulationen über einen "weißen Ritter", also das Hinzutreten eines freundlich gesonnenen zweiten Bieters, wollte Erlen nicht kommentieren. Auch zu möglichen Übernahmeplänen Scherings sagte der Vorstandsvorsitzende nichts.

Erlen zog zudem die von Merck ins Gespräch gebrachten Synergieeffekte von 500 Millionen Euro in Zweifel. Dahinter könnten Pläne für einen umfangreichen Stellenabbau stecken, meinte er. Im Vertrieb gebe es dafür jedoch kein Potenzial, weil das Schering-Geschäft hoch spezialisiert sei: "Wir besuchen weltweit jeden Gynäkologen, jeden Radiologen und jeden Blutkrebsspezialisten". In diesem Segment gebe es mit Merck "null Überlappungen".

Erlen räumte ein, dass er und Schering-Aufsichtsratschef Giuseppe Vita sich in den vergangenen Wochen mit Vertretern Mercks getroffen haben, zuletzt für 30 Minuten am Freitag. "Es wurden Ideen an uns heran getragen, die wir jedoch abgelehnt haben", sagte Erlen. Auf die Frage, ob es nun erneut direkte Kontakte geben wird, sagte Erlen: "Solange keine neuen Fakten auf dem Tisch liegen, wird es keine Änderung der Haltung und keine direkten Gespräche geben."

Betriebsratschef: Mitarbeiter sind beunruhigt

Erlen sagte, er erwarte nun neben der Unterstützung der Aktionäre auch die Unterstützung der Mitarbeiter. Die Stimmung in der weltweit verstreuten Belegschaft sei "sehr ruhig und sehr konzentriert", sagte der Vorstandschef. "Aber jeder muss nun die Extra-Meile gehen, die uns noch erfolgreicher macht."

Der Schering-Betriebsrat rechnet bei einer Übernahme mit Stellenabbau. "Natürlich sind die Mitarbeiter beunruhigt", sagte Betriebsratschef Norbert Deutschmann am Dienstag im RBB-Inforadio. "Sie wissen ja von anderen Übernahmen, bei denen Arbeitsplätze abgebaut werden." Neben Geschäftsfeldern, in denen es Überschneidungen gebe, wären weitere Bereiche betroffen, falls die Zentrale aus Berlin abgezogen würde. "Wir sind stark, und wir haben schon Hoffnung, dass wir es abwenden können", resümierte Deutschmann aber.

manager-magazin.de mit Material von ap, dpa

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