Merck Der ganz große Sprung
Darmstadt - An der Dimension ihres Vorhabens lässt die Führung des Darmstädter Pharma- und Chemiekonzerns erst gar keine Zweifel aufkommen. "Heute ist ein historischer Tag für Merck KGaA, sagte der Vorsitzende des Familienrates, Jon Baumhauer. Es gehe darum, ein "hochkarätiges Pharmaunternehmen von internationalem Rang mit Sitz in Deutschland zu schaffen".
Solch große Worte könnten misstrauisch stimmen, aber in diesem Fall treffen sie den Kern der Sache: Mit ihrem am Montag bekannt gegebenen feindlichen Übernahmeangebot für den Konkurrenten Schering setzt das Familienunternehmen Merck KGaA zum Sprung in die Liga der international bedeutenden Pharmafirmen an.
Davon waren die Darmstädter bislang trotz auf den ersten Blick glänzender Zahlen weit entfernt. Während die internationalen Top-Player der Branche allesamt Jahresumsätze von mehr als 15 Milliarden Euro erwirtschaften, brachte es Merck einschließlich seines Pharma-Geschäfts im vergangenen Jahr nur auf 5,9 Milliarden.
Vor allem aber war Merck bislang von wenigen Umsatzbringern abhängig und verfügte kaum über neue Produkte, die das Wachstum in den kommenden Jahren sichern könnten. Das Geschäft mit Flüssigkristallen aus der Chemie-Sparte brachte zwar traumhafte Zuwächse von mehr als 20 Prozent. Doch diese Goldader könnte schnell versiegen, wenn der momentan rasant wachsende Markt für Flachbildschirme erst einmal gesättigt ist. Im Bereich Pharma ruhen die Hoffnungen der Merckianer vor allem auf dem Krebsmedikament Erbitux, das in Kürze die EU-Zulassung für Kopf- und Halskrebs bekommen könnte.
Seit langem gab es deshalb immer wieder Spekulationen, das Unternehmen könne durch eine Fusion an Größe zu gewinnen versuchen und sich dabei auch den dringend benötigten Nachschub an innovativen Produkten sichern. Deutsche Unternehmen wie Stada, Altana oder Schwarz Pharma galten als mögliche Kandidaten, aber auch kleinere US- Unternehmen. Befeuert wurden solche Überlegungen nicht zuletzt durch die Befürchtung, Merck könne ohne einen größeren Zukauf in absehbarer Zeit selbst zum Übernahmekandidaten werden.
Mit dem Angebot für Schering setzt Merck nun zum ganz großen Sprung an: Mit 5,3 Milliarden Euro Umsatz ist der Berliner Konkurrent fast genauso groß wie Merck selbst. Dass die ambitionierten Pläne durchaus als Befreiungsschlag zu verstehen sind, räumt Merck-Chef Römer indirekt selbst ein, wenn er sagt: "Das gibt uns die Möglichkeit, unsere Zukunft sicher und selbst zu gestalten."
Als wichtigste Vorteile des Zusammenschlusses nennt Mercks Pharma-Chef Elmar Schnee eine deutliche Stärkung des Geschäfts mit Markenpräparaten. Zusammen mit den Produkten aus dem Hause Schering wäre das neue Unternehmen in den Bereichen Krebstherapie, Frauenheilkunde und Geschlechtskrankheiten sowie bei der Behandlung von Erkrankungen des Nervensystems wie Multipler Sklerose ein starker Wettbewerber. Zudem hätten sie einen beträchtlichen gemeinsamen Forschungsetat von 1,3 Milliarden Euro und 30 Projekte in der klinischen Entwicklung. Und in den USA und Japan könnte Merck ein komplettes Vertriebsnetz übernehmen.
Möglich wurde dies nur mit dem Segen der Familie Merck, die über den 73-prozentigen Kapitalanteil der E. Merck OHG an der Obergesellschaft Merck KGaA das Sagen hat, aber im Tagesgeschäft meist im Hintergrund bleibt.
Für das Milliardengeschäft mit Schering will die Familie nun selbst eine Milliarde Euro beisteuern und nimmt in Kauf, dass ihr Aktienanteil im Zuge einer geplanten Kapitalerhöhung bis auf 60 Prozent sinken könnte. Familie und Geschäftsführung hätten sich "seit langer Zeit Gedanken gemacht" über eine mögliche Übernahme, sagte Familienrats-Chef Baumhauer. Das Kalkül ist klar: Nur durch den Sprung in die internationale Topliga lässt sich Mercks Zukunft als Familienunternehmen sichern.
Christoph Dreyer, dpa