Balkan Montenegro - der nächste Ministaat

Auf dem Balkan entstehen immer wieder neue Kleinstaaten, denen jeder Unternehmensberater eine betriebswirtschaftliche Funktionsfähigkeit absprechen würde. Doch die Balkanvölker beugen sich nur ungern dem Diktat der Ökonomie - und damit sind sie die einzigen wahren Globalisierungsverweigerer.
Von unserem Mitarbeiter

Belgrad - In diesem Jahr werden es wohl mindestens zwei neue Zwergstaaten sein: Montenegro und Kosovo. Am Mittwoch hat sich Montenegro nun entschieden. Zumindest darüber, wann es sich entscheiden will.

Nach langem Hin und Her ist zwischen Regierung, Opposition und dem EU-Prokonsul Miroslav Laijcak der 21. Mai für die Abhaltung eines Referendums festgelegt worden. Die Regierung möchte, dass sich das Volk für die Auflösung der Staatenunion mit Serbien ausspricht. Diese war als Zwangsehe unter Druck der EU im Jahr 2003 zu Stande gekommen.

Die Opposition ist dagegen. Und die EU, der ewige Protektor des Balkans, versucht sich einmal wieder als Vermittler. Nach dem nun angenommenen EU-Plan müssen mindestens 55 Prozent der abgegebenen Stimmen für die Unabhängigkeit sein, damit das Ergebnis wirksam wird. Da der Vorsprung der Befürworter klein ist, war die Regierung anfangs dagegen, die Opposition befürwortete ein Mindestmaß von 50 Prozent der Wahlberechtigten.

Resignierte Bevölkerung

Die Bevölkerung scheint das Thema einfach nur leid zu sein: "Wir möchten das schnell hinter uns bringen! Es gibt wichtigere Themen", sagt Predrag Mirovic, Vorsitzender des montenegrinischen Unternehmerverbandes. Das Gesetz über das Referendum soll noch in dieser Woche verabschiedet werden.

Ist eine Abspaltung Montenegros wirtschaftlich sinnvoll? Kann ein Staat mit 600.000 Einwohnern - mit der gleichen Einwohnerzahl wie Frankfurt am Main - sinnvolle Wirtschaftspolitik betreiben? Braucht es einen Sitz bei der Uno und womöglich später einen EU-Kommissar?

Unter diesem Aspekt betrachtet, ist natürlich das gesamte Auseinanderbrechen Jugoslawiens eine klare Fehlentwicklung. Die Nachfolgestaaten des ehemals reichsten Landes des Ostens sind nun bis auf Slowenien am untersten Ende der Einkommensskala angelangt. Ganze 210 Euro beträgt das monatliche montenegrinische Durchschnittseinkommen.

Wo früher der größte regionale Markt mit 20 Millionen Verbrauchern lockte, finden sich nun Grenzen, Zölle und Einfuhrbeschränkungen. Und erhebliche Werte gehen beim Währungsumtausch von slowenischem Tolar zu kroatischer Kuna, zur bosnischen Marka, zu serbischem Dinar und zu mazedonischem Dinar verloren.

Begehrte Immobilien

Begehrte Immobilien

Unter Tito waren die Wirtschaftsaufgaben unter den Teilrepubliken klar aufgeteilt: Stahl kam aus Serbien und Mazedonien, Aluminium aus Montenegro, Schiffe aus Kroatien und Haushaltsgüter und Hightech aus Slowenien. Und dann wurde alles auseinander gerissen: Alte Kunden wurden unerreichbar, Zulieferer und Märkte fielen aus, zweistellige Arbeitslosigkeitsraten grassierten allerorten. Der Nationalismus forderte seinen wirtschaftlichen Tribut.

Doch die Hoffnung ist da, dass sich mit der Perspektive auf einen EU-Beitritt die alten Handelsrouten wieder reaktivieren und sich neue erschließen. Neu-EU-Mitglied Slowenien gilt den ehemaligen Bruderrepubliken als Vorbild. Slowenische Firmen und Investmentfonds sind nun überall auf dem Balkan auf der Suche nach Übernahmezielen.

Montenegro setzt jetzt ganz und gar auf den Tourismus als Wirtschaftsfaktor. Mit seiner venezianisch angehauchten und weitgehend unzersiedelten Adriaküste sowie den wilden Berglandschaften mit Ski- und Wandergebieten hat es immerhin ein gutes Potenzial in diesem Sektor. Vornehmlich russische Investoren kaufen privatisierte Hotels und bauen neue - und ein Ferienhaus in Montenegro gilt derzeit im immobilienversessenen England als besonders schick, was die Immobilienpreise bereits auf westeuropäisches Niveau gehoben hat. "Doch die Landtitel sind zum Teil noch unsicher. Das Katasterwesen ist unvollständig, und oftmals bauen Investoren ohne die nötigen Papiere", gibt ein Kenner der montenegrinischen Immobilienszene zu verstehen.

Politik siegt über Ökonomie

Doch der Balkan wäre nicht der Balkan, wenn nicht oftmals die Politik über die wirtschaftliche Vernunft siegen würde. So scheint die Selbstständigkeit Montenegros eine beschlossene Sache. Die Staatenunion verfügt ohnehin schon jetzt nur über ein Minimalbudget, und nur Verteidigung und Äußeres fallen unter ihre Fittiche. Insofern wäre eine Annahme des Referendums nur eine Bestätigung des Status quo, eine Ablehnung dagegen eine Art zweite Hochzeit mit der ungeliebten Braut Serbien. De facto ist Montenegro also schon jetzt wirtschaftlich und politisch unabhängig.

Der gewitzteste Schachzug von Montenegro, um seine Unabhängigkeit von Serbien zu demonstrieren, war die Einführung der D-Mark im Jahr 1999 als einzig gültiges Zahlungsmittel und hernach der Euro. So wurden Fakten geschaffen, die irreversibel sind. Der US-Volkswirt und Berater Steve Hanke, der auch das Currency Board in Bulgarien ins Leben gerufen hat, hatte den Montenegrinern damals zugeredet, die eigene Geldpolitik zu Gunsten einer Hartwährung aufzugeben.

Mit der wirtschaftlichen Unabhängigkeit schaffte es Montenegro, sich auch politisch zu emanzipieren und sich vom ewigen serbischen Trauma der heldenhaften Verlierernation zu lösen. So gewährte Montenegro den albanischen Kosovaren im Kosovo-Krieg Zuflucht und hat bis heute gute Beziehungen zum Kosovo, Kroatien und Bosnien - Länder, mit denen Serbien den richtigen Umgang erst noch zu lernen hat.