Standort Hamburg (Ver)lockende Hansestadt

Der verpatzte Umzug der Bahn-Zentrale von Berlin nach Hamburg bedeutete für den Wirtschaftsstandort an der Elbe eine herbe Niederlage. Ein Beispiel dafür, dass die beharrlichen Akquisitionsbemühungen der Wirtschaftsförderung nicht immer fruchten. Dabei hat die Stadt Unternehmern viel zu bieten.

Hamburg - Der kleine Stadtteil St. Georg nahe des Hamburger Hauptbahnhofs hat sich wieder ein Stück weiter von seinem Schmuddelimage entfernt: Nach knapp einem Jahr Bauzeit eröffnete der niederländische Elektronikkonzern Philips  hier unweit des alten Standorts seine schmucke Deutschland-Zentrale.

Ganze 16 Stockwerke hoch ragen die beiden 60 Millionen teuren Gebäude über die Dächer der Stadt - Blick auf die Alster für die über 700 Mitarbeiter inklusive. In den gemieteten Räumen - Eigentümer des Bauwerks ist die Großbank Credit Suisse  - sind die vier Unternehmensbereiche Consumer Electronics, Elektro-Hausgeräte, Lighting und Halbleiter untergebracht.

Der Philips Tower ist jedoch nicht das einzige Großprojekt der Gegend. Überall stehen riesige Baukräne, mit deren Hilfe neue Bürokomplexe entstehen. Fast unbemerkt hat sich St. Georg mit Unternehmen wie Siemens , AOL  und IBM  zu einem bedeutenden Technologiestandort gemausert.

Hamburg verbessert sich im Bundesländer-Ranking

Doch auch Hamburg insgesamt entwickelt sich prächtig. In einem Bundesländer-Ranking, das die wirtschaftliche Dynamik der 16 Regionen miteinander vergleicht und von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft in Zusammenarbeit mit der "Wirtschaftswoche" erstellt wurde, machte die Hansestadt innerhalb von zwei Jahren den größten Sprung nach vorn: Im Vergleich zur vorherigen Untersuchung konnte Hamburg ganze sieben Plätze auf Rang sechs gewinnen.

Verantwortlich dafür waren vor allem die Umsatzrendite und die Eigenkapitalquote der ansässigen Unternehmen. Beide Faktoren verzeichneten im Vergleich zu den anderen Bundesländern den höchsten Zuwachs. Die Umsatzrendite verbesserte sich um 1,9 Prozentpunkte auf 3,1 Prozent und die Eigenkapitalquote um 4,3 Prozentpunkte auf 35,1 Prozent.

Auch die Investitionsquote des öffentlichen Haushalts belegte in der Untersuchung Platz eins im gesamtdeutschen Vergleich. Während der Mittelwert der öffentlichen Investitionen bei minus 1,4 Prozent lag, stiegen die Ausgaben in Hamburg um 1,1 Prozentpunkte.

Bedeutendstes Investitionsobjekt derzeit: die Hafencity. Mit dem größten Städtebauprojekt Europas will der Senat innerhalb von 25 Jahren einen neuen Stadtteil an der Elbe schaffen. Die Hafencity soll einmal 50.000 Menschen Platz zum Wohnen und Arbeiten bieten - ein neues Hamburger Wahrzeichen, die Elbphilharmonie, inklusive. Das 186 Millionen teure Konzerthaus auf einem ehemaligen Kakaospeicher soll im Jahr 2009 eröffnet werden.

Überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum

Hamburg profitiert vom Weltwirtschaftsboom

Zwar würde sich die Handelskammer Hamburg noch einen weiteren Ausbau der Investitionen wünschen, aber insgesamt blickt auch die Unternehmervertretung positiv in die Zukunft. "Wir erwarten in diesem Jahr ein über dem Bundesdurchschnitt liegendes Wirtschaftswachstum", beschreibt Syndikus Günther Klemm gegenüber manager-magazin.de die Lage. Das habe man zum einen der positiven Weltwirtschaftsentwicklung zu verdanken, von der Hamburg durch seine außenwirtschaftliche Orientierung in der Hafen-, Logistik- und Flugzeugbranche profitiere.

Zum anderen funktioniere aber auch das im Sommer 2002 vom CDU-geführten Senat ins Leben gerufene Leitbild der "Wachsenden Stadt". "Dadurch wird Bürgern und Unternehmen eine positive Zielvorstellung an die Hand gegeben, an denen sie sich orientieren können", so Klemm.

Das Konzept soll dazu beitragen, Hamburg zu einer der attraktivsten Regionen Europas zu machen. Um das zu erreichen, hat sich die Regierung zum Ziel gesetzt, das Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum sowie die Einwohnerzahl deutlich zu steigern. Darüber hinaus will der Senat auch die Lebensqualität sichern und die internationale Attraktivität des Standorts verbessern.

Steigende Tendenz beim Geschäftsklima-Index

Ob es nun an dem Leitbild liegt oder doch eher an dem florierenden Welthandel - der Wirtschaftsstandort Hamburg hat sich in den vergangenen Jahren im Vergleich zu anderen Regionen deutlich verbessert. Allein das Bruttoinlandsprodukt lag mit 1,3 Prozent rund 0,4 Prozentpunkte über dem Wirtschaftswachstum in Deutschland. Und während bundesweit die Anzahl der Beschäftigten weiter sank, konnte sie in Hamburg um 0,8 Prozentpunkte gesteigert werden - das beste Ergebnis aller Bundesländer.

Die positive Konjunkturlage spiegelt sich auch in den Erwartungen der Unternehmen wider. Wie die Handelskammer anhand ihres Geschäftsklima-Index ermittelte, hat sich bei den Hamburger Unternehmen in der zweiten Jahreshälfte 2005 sowohl die Beurteilung der gegenwärtigen Lage als auch die Einschätzung der künftigen Geschäftsentwicklung spürbar verbessert.

Und für Unternehmen, die auf der Suche nach einem neuen Standort sind, zusätzlich interessant: Das Angebot an potenziellen Mitarbeitern ist ebenfalls gestiegen. Rund 1,74 Millionen Einwohner leben inzwischen in der Stadt - das ist der höchste Bevölkerungsstand seit 1974.

Viele Arbeitnehmer zieht besonders die hohe Lebensqualität an. "Neben dem maritimen Charakter macht Hamburg vor allem das große kulturelle und sportliche Angebot äußerst attraktiv", meint Handelskammer-Syndikus Klemm.

Lebensqualität in anderen Städten höher

Lebensqualität in anderen Städten höher

Dass dabei aber noch Luft nach oben ist, beweist ein aktueller Städtetest, den manager magazin in Zusammenarbeit mit der Universität Mannheim erstellt hat. Bei der Frage, in welcher europäischen Metropole Manager am besten leben und arbeiten können, landete die Hansestadt "nur" auf Platz elf von 58. Städte wie Frankfurt, München, Düsseldorf und Stuttgart haben ihren Einwohnern noch mehr zu bieten.

Stadt/Land KC1 EL2 FKU3 LQ4 Z5 VI6 FF7 WDY8 Gesamt
1 Paris (F) 78 37 100 83 99 61 46 24 100
2 Frankfurt (D) 100 58 38 73 58 100 46 21 99
3 Luxemburg (L) 75 62 58 78 38 57 93 41 97
4 Prag (CZ) 7 97 67 83 33 47 79 71 93
5 München (D) 86 58 40 90 58 80 51 17 92
6 Düsseldorf (D) 89 58 37 80 52 91 39 16 87
7 Brüssel (B) 68 62 58 75 56 61 38 39 85
8 Stuttgart9 (D) 78 58 38 77 44 69 54 26 79
9 London (GB) 57 25 70 66 100 57 52 40 76
9 Wien (A) 56 53 59 98 52 61 14 45 76
11 Hamburg (D) 66 58 45 73 53 76 47 18 75
12 Madrid (E) 34 61 13 80 86 39 48 62 71
12 Berlin (D) 48 58 66 69 51 77 67 6 71
1) KC = Karrierechancen. Als Indikator gilt die Wirtschaftskraft einer Stadt; 2) EL = Einkommen und Lebenserhaltungskosten; 3) FKU = Freizeit, Kultur und Urbanität; 4) LQ = Lebensqualität; 5) Z = Zentralität; 6) VI = Verkehrsinfrastruktur/Anbindung an Deutschland; 7) FF = Familienfreundlichkeit; 8) WDY = wirtschaftliche Dynamik; 9) Es konnten nur bis zu 80 Prozent der verwendeten Indikatoren erhoben werden. Quelle: Universität Mannheim, Lehrstuhl für Wirtschaftsgeografie

Für Unternehmen zumindest wird Hamburg zunehmend attraktiver. "Hamburg ist für den Norden zu einem Zugpferd geworden", sagt Karl-Werner Hansmann von der Universität Hamburg gegenüber manager-magazin.de. Besonders die für die Stadt so wichtigen Branchen Hafen, Logistik und Luftfahrt befänden sich im Aufwind. Gerade erst hat beispielsweise Airbus angekündigt, rund 1000 neue Mitarbeiter einzustellen. "Auch Lufthansa Technik wächst derzeit stark - und zwar zunehmend unabhängig vom Mutterkonzern Lufthansa ", so Hansmann.

Hamburg schlägt Rotterdam

Im Hafensektor sieht es ähnlich gut aus. Als bedeutender europäischer Containerhafen läuft die Hansestadt Rotterdam zunehmend den Rang ab. Im Handel mit China hat Hamburg die Niederländer bereits geschlagen. "Mit zweistelligen Zuwachsraten in Bezug auf die umgeschlagenen Tonnen holen die Hamburger derzeit stark auf", berichtet Hansmann.

Auch große Unternehmen spüren die Veränderung in der Stadt. "Seit dem Regierungswechsel weht ein frischer Wind in Hamburg", sagt Alexander Otto, Geschäftsführer der ECE Projektmanagementgesellschaft, gegenüber manager-magazin.de. Der europäische Marktführer bei Einkaufscentern, der unter anderem auch den Bau des Philips Towers betreut hat, kann das sicherlich beurteilen - schließlich hat ECE seit ihrer Gründung im Jahr 1965 seinen Sitz in der Hansestadt.

Genau genommen ist die Familie Otto sogar schon seit 1949 in Hamburg aktiv. Werner Otto, der Vater des ECE-Geschäftsführers, ließ sich vor der Gründung von ECE schon mit seinem Otto-Versand in der Stadt nieder. "Genehmigungsprozesse verlaufen in Hamburg im Vergleich zu anderen deutschen Regionen viel schneller", stellt Alexander Otto fest.

Starker Gegner Berlin

Starker Gegner Berlin

Doch im Wettbewerb mit anderen deutschen Städten muss Hamburg auch immer wieder Rückschläge einstecken. Jüngstes Beispiel ist der von der Bundesregierung verhinderte Umzug der Bahn-Zentrale. "Das Debakel mit der Deutschen Bahn hat dem Wirtschaftsstandort sehr geschadet", sagt Hamburg-Experte Hansmann. Seiner Meinung nach hätte der Senat die Bundesregierung nicht im Unklaren über die Pläne lassen sollen, dann wäre die Verlegung der Konzernzentrale möglicherweise durchführbar gewesen.

Neben dem Ringen um die Deutsche Bahn ist Berlin aber auch noch in anderer Hinsicht ein starker Gegner. Als Hauptstadt zieht sie vor allem Medienunternehmen stark an. "Hinzu kommen die hohen Subventionen, mit denen der Berliner Senat diese Firmen lockt", sagt Andreas Köpke von der Hamburgischen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung (HWF) gegenüber manager-magazin.de. Andere große Konkurrenzstädte seien wegen der besseren Anbindung in den Bereichen Handel sowie IT Frankfurt und München.

Um neue Unternehmen an Alster und Elbe zu holen, setzt die Wirtschaftsförderung daher ähnlich wie beispielsweise Sachsen auf die Bildung und Stärkung von Clustern. "Durch die Konzentration der Aktivitäten auf einzelne Branchen lassen sich die Kräfte besser bündeln", beschreibt HWF-Geschäftsführer Dietmar Düdden das Konzept. Neben den drei bereits vorhandenen Clustern Medien, IT und Telekommunikation (MITT) sowie Luftfahrt und China will die Wirtschaftsförderung ab sofort auch im Logistikbereich eine Schnittstelle zwischen den Unternehmen und dem Senat bilden.

"In der zweiten Halbzeit weiter stürmen"

Dass sich die Arbeit der Wirtschaftsförderung langfristig auszahlt, beweist das Beispiel Philips. Viele andere Landesregierungen wären mehr als erfreut darüber gewesen, wenn sich der Elektronikkonzern für ihre Region als neuen Deutschland-Sitz entschieden hätte. Doch Hamburg gewann nicht zuletzt auch auf Grund der positiven Rahmenbedingungen. "Neben der hervorragenden Qualifikation der Mitarbeiter vor Ort haben uns vor allem die gute Infrastruktur, die wachstumsorientierte Politik sowie die hohe Lebensqualität von dem Standort überzeugt", begründet Philips-Vorstandsmitglied Gottfried Dutiné die Entscheidung.

Bei all dem Lob am Wirtschaftsstandort Hamburg weist Hamburg-Experte Hansmann aber auch noch auf einen Kritikpunkt hin: International gesehen sei Hamburg zumindest als Standort zu wenig bekannt. "Wenn im Ausland von der Stadt gesprochen wird, dann meist im Zusammenhang mit der Reeperbahn", so Hansmann. "Ein Kongress mit vielen amerikanischen Teilnehmern wurde beispielsweise deshalb nicht hierher verlagert, weil deren Ehefrauen die Stadt für zu sündig hielten." Hansmann plädiert deshalb dafür, verstärkt mit internationalen Organisationen zusammenzuarbeiten und intensiveres Marketing zu betreiben.

Handelskammer-Syndikus Klemm wäre aber schon damit zufrieden, wenn die Standortpolitik, die in der ersten Hälfte der Legislaturperiode verfolgt wurde, fortgesetzt wird. "Uns ist wichtig, dass die Regierung auch in der zweiten Halbzeit weiter stürmt und nicht nachlässt", so Klemm.

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