VW/Audi "Er hat noch kein blaues Auge"

Das Gerücht, nach dem der erfolgreiche Audi-Chef Martin Winterkorn Bernd Pischetsrieder als Volkswagen-Vormann ablösen will, dementierten auf dem Genfer Autosalon beide vehement. Während Winterkorn "weitere Erfolge feiern" möchte, dämpft Pischetsrieder die Erwartungen an eine schnelle Genesung der Marke VW.

Genf - Audi-Chef Martin Winterkorn hat Spekulationen über einen Wechsel an die Spitze des VW-Konzerns zurückgewiesen. Er wolle lieber die Erfolge der Ingolstädter VW-Ertragsperle weiter genießen und nicht nach Wolfsburg wechseln, sagte Winterkorn am Dienstag auf dem Genfer Autosalon.

"Ich will bei Audi bleiben. Ich will die Erfolge hier mitfeiern", betonte er. In Medienberichten war zuletzt spekuliert worden, Winterkorn könne Bernd Pischetsrieder als Vorstandschef von Europas größtem Autokonzern ablösen, wenn dessen Vertrag 2007 ausläuft. Pischetsrieders Kontrakt kann frühestens vom Aufsichtsrat unmittelbar vor der Hauptversammlung am 3. Mai dieses Jahres in Hamburg verlängert werden.

Der VW-Chef reagierte gelassen auf Fragen nach einer möglichen Ablösung durch Winterkorn. "Er hat noch kein blaues Auge, und ich auch nicht", sagte er am Montagabend in Genf lediglich. Ihn "amüsierten" die Spekulationen über die angebliche Chef-Personalie lediglich.

Audis Umsatz klettert auf 26,6 Milliarden Euro

Audi  strotzt nach einem abermaligen Gewinnsprung im vergangenen Jahr vor Selbstbewusstsein und steuert weitere Rekorde an.

"Wir sind auf einem sehr guten Weg, ein neues Rekordjahr zu realisieren", sagte Vertriebschef Ralph Weyler in Genf. Im Februar habe Audi die Auslieferungen dank neuer Modelle um 13 Prozent auf 62.000 Fahrzeuge erhöht.

Seat soll "in zwei Jahren Land sehen"

Damit sei der Autoabsatz in den ersten beiden Monaten binnen Jahresfrist um 20 Prozent auf 131.000 Einheiten gestiegen. Die aktuellen Produktivitätsfortschritte bei Audi reichen laut Winterkorn, um das geplante Absatzwachstum auf eine Million Fahrzeuge bis 2008 abzudecken, ohne dass die Kapazität erweitert werden müsse.

"Bei Seat werden wir in zwei Jahren Land sehen"

Während die Kernmarke Volkswagen  im vergangenen Jahr am Rande der Verlustzone operierte, fuhr die Ingolstädter Tochter satte Gewinne ein. Das Ergebnis vor Steuern wuchs 2005 um 15 Prozent auf 1,3 Milliarden Euro, der Umsatz legte um 8,5 Prozent auf 26,6 Milliarden Euro zu. Für 2006 stellte Finanzchef Rupert Stadler ein weiteres Umsatzwachstum in Aussicht, das mit dem Fahrzeugabsatz Schritt halten soll. Nach einer vorsichtigen Schätzung rechne er für das laufende Jahr mit einem Absatzplus von 6 Prozent.

Den Bau eines Werks in den USA hält sich Audi weiterhin offen. China wäre eine Alternative zu den USA, sagte Stadler. Eine Entscheidung solle aber frühestens in ein, zwei Jahren fallen.

Der defizitären VW-Tochter Seat setzte Winterkorn eine Frist bis 2008, um wieder Gewinn zu schreiben. "Ich gehe mal davon aus, dass wir in ein, zwei Jahren bei Seat wieder Land sehen." Die spanische Tochter des Volkswagen-Konzerns soll verstärkt billigere Autos verkaufen. Im VW-Konzern ist Audi operativ für Seat zuständig, die Ergebnisse der Spanier werden allerdings direkt in Wolfsburg verbucht.

Der Volkswagen-Chef wies einen Medienbericht zurück, laut dem der Chef der spanischen VW-Tochter, Andreas Schleef, seinen Posten an der Spitze des spanischen Autobauers schon bald räumen müsse. Der 62-jährige Schleef werde nicht vorzeitig abgelöst. Es gebe allerdings seit längerem eine "Vereinbarung" mit Schleef, ergänzte Pischetsrieder, über diese wolle er jedoch nicht sprechen. Nach einem Millionenverlust war über den neuen Seat-Vertriebschef Giuseppe Tartiglione als Nachfolger Schleefs spekuliert worden.

Bernhard: "Sehr gute" Gespräche mit dem Betriebsrat

Unterdessen laufen bei Volkswagen die Gespräche mit dem Betriebsrat über das geplante Sanierungsprogramm nach Angaben von Markenchef Wolfgang Bernhard "sehr gut" und einvernehmlich. Einen neuen Stand gebe es aber noch nicht, sagte Bernhard in Genf. Bernhard versicherte, an der Qualität werde bei Volkswagen "niemals gespart". VW-Chef Pischetsrieder betonte, eine "Hire-and-Fire-Politik" werde es bei Volkswagen nicht geben. "Auch das ist Teil unserer Strategie: Das Wissenskapital unserer Mitarbeiter bleibt unsere wichtigste Ressource."

Verbrauchs-Minus als Maxime

VW hatte vor mehr als zwei Wochen ein tief greifendes Programm zur Restrukturierung bei der Kernmarke VW angekündigt, von dem nach Konzernangaben in den kommenden drei Jahren rund 20.000 Beschäftigte betroffen sein werden. Volkswagen lotet derzeit in den Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretern mögliche Maßnahmen aus. Der VW-Tarifvertrag vom November 2004 für die rund 100.000 Beschäftigten der sechs westdeutschen Werke schließt betriebsbedingte Kündigungen bis 2011 aus.

Jedes neue Modell soll weniger verbrauchen als der Vorgänger

Angesichts der aktuellen Energiekrise kündigte Pischetsrieder an, dass in Zukunft jedes Modell im Volkswagen-Konzern weniger Kraftstoff verbrauchen soll als das Vorgängerauto. Trotz des Misserfolgs beim Drei-Liter-Auto Lupo halte der Autobauer an dem Ziel fest, "das Drei-Liter-Auto zu popularisieren". In Genf präsentiert VW ein Drei-Liter-Modell des Polo. Auch auf Motorenseite nehme der Konzern die Rohstoffkrise sehr ernst. Bis Ende 2010 sollen alle Motoren in der Lage sein, sowohl mit traditionellen Kraftstoffen als auch mit erneuerbaren Antriebsmöglichkeiten (Biomasse, Ethanol) zu fahren.

Ein Autobauer, der nicht in umweltverträgliche Verfahren und Produkte investiere, werde auf Dauer Börsenwert verlieren. "Auch wenn das Erdöl auf absehbare Zeit wichtigster Energieträger bleibt, so mehren sich doch die Anzeichen, dass das Zeitalter der fossilen Brennstoffe seinen Höhepunkt überschritten hat", erläuterte der VW-Chef. Deshalb engagiere sich Volkswagen in der Entwicklung von alternativen Kraftstoffe.

Bis Ende des Jahrzehnts sollen alle Motoren von Volkswagen in der Lage sein, sowohl mit herkömmlichem fossilem Treibstoff als auch mit Biosprit betrieben zu werden können.

Auftragseingang bei VW "nicht schlecht"

Optimistisch äußerte sich Pischetsrieder zum bisherigen Verlauf des US-Geschäfts in diesem Jahr. Nach einem Absatzplus von 25 Prozent sei auch der Februar gut verlaufen. Pischetsrieder sprach von einem "viel versprechenden Start" in den USA.

Der Vorstandschef zweifelt allerdings noch an einer durchgreifenden Belebung der Automobilkonjunktur: "Wir gehen nicht davon aus, dass wir in diesem Jahr größeren Rückenwind vom Markt bekommen." Er erwarte 2006 ein Wachstum des Automobil-Weltmarktes um nur ein Prozent. Auch die im Januar um 10,8 Prozent nach oben geschnellten Zulassungen auf dem deutschen Automarkt bedeuteten nicht, dass "der Knoten geplatzt" sei.

Damit muss der Autobauer aus Wolfsburg auch im laufenden Jahr für Ertragsverbesserungen weiter auf Sparmaßnahmen stützen. Der aktuelle Auftragseingang sei wegen der neuen Modelle von Volkswagen "nicht schlecht", sagte der Konzernchef, ohne ihn zu beziffern. Eine größere Marktbelebung sehe er aber nicht.

Werk in Russland umstritten

"Insbesondere die neuen Modelle laufen gut", sagte Pischetsrieder am Montagabend im Vorfeld des Genfer Automobilsalons. Gut entwickele sich der chinesische Markt. "China explodiert weiter", sagte er. Vom Weltmarkt werde aber weiterhin kein Rückenwind erwartet.
Werk in Russland umstritten

Über das geplante VW-Werk in Russland sagte Pischetsrieder, das Projekt sei nicht grundsätzlich gefährdet. Es gebe zwar eine Verzögerung, in den nächsten drei Monaten sollte die Sache aber geklärt sein.

VW hatte kürzlich angekündigt, noch in diesem Jahr mit dem Bau eines Werks in Stupino südlich bei Moskau zu beginnen. Hier sollen in fünf Jahren 250.000 Fahrzeuge jährlich produziert werden können. Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh sagte, die Entscheidung sei von der Tagesordnung des Aufsichtsrats genommen worden. Die Arbeitnehmervertretung hatte kritisiert, dass VW in Russland eine neue Fabrik bauen wolle und zugleich über Überkapazitäten in seinen westdeutschen Werken klagt.

IG Metall: Mangelhafte Abläufe in den Werken

Bereits am gestrigen Montag hatte die Gewerkschaft IG Metall neuen Lohnmodellen und längeren Arbeitszeiten eine Absage erteilt. "Die wahren Probleme liegen in Produktivitätsnachteilen gegenüber dem Wettbewerb durch zu aufwändige Konstruktion und mangelhafte Abläufe in den Werken", erklärte IG Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine am Montag in Hannover. Er warnte den VW-Vorstand davor, den Haustarifvertrag in Frage zu stellen. Das Management müsse stattdessen seine "Hausaufgaben" bei der Verbesserung der Betriebsorganisation machen.

Meine reagierte mit Unverständnis auf einen Vorstoß von VW-Arbeitsdirektor Horst Neumann. Dieser plant nach einem Bericht der Branchenzeitung "Automobilwoche" bei VW die Einführung eines erfolgsabhängigen Lohnes nach Audi-Vorbild. "Das ist der Weg, den auch wir gehen wollen", zitierte das Blatt den neuen VW-Personalchef, der vorher drei Jahre lang bei der VW-Tochter Audi Personalvorstand war. "Ein Unternehmen, das kein Geld verdient, kann es sich nicht leisten, 20 Prozent über Flächentarif zu zahlen", sagte Neumann.

Meine sagte, bei einem Blick in die gültigen Tarifverträge hätte Neumann feststellen können, dass es bei VW bereits Regelungen über erfolgsabhängige Prämien gebe. "Wenn es jedoch darum geht, mit diesen überflüssigen Überlegungen den Haustarifvertrag in Frage zu stellen, kann ich Herrn Neumann nur vor Auseinandersetzungen mit der IG Metall warnen." Das VW-Management müsse "endlich" Vorschläge von IG Metall und Betriebsräten über die Verbesserung der Betriebsorganisation aufgreifen.

manager-magazin.de mit Material von dpa, rtr, vwd

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